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1. Die bürgerliche Frauenbewegung

Clara Zetkin (geb. 5.6.1857, gest. 20.6.1933 / Archangelskoje bei Moskau)

Clara Zetkin war eine der bedeutensten Kommunisteinnen Deutschlands - bereits 1874 hatte die Volksschullehrerin Kontakte zur revolutionären sozialdemokratischen Bewegung; vier Jahre später wurde sie Mitglied der damaligen Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands, der Vorgängerin der SPD. In der SPD gehörte sie zusammen mit ihrer engen Vertrauten, Freundin und Mitstreiterin Rosa Luxemburg, wortführend zum revolutionären linken Flügel der Partei und wandte sich mit ihr um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert in der Revisionismusdebatte entschieden gegen die reformorientierten Thesen Eduard Bernsteins.

Nach dem Kniefall der sozialdemokratischen Bewegung zu Beginn des ersten Weltkriegs nahm Zetkin gemeinsam Mit Luxemburg, Karl Liebknecht und anderen revolutionären Sozialdemokraten eine scharf antimilitaristische Position ein; organisierte 1915 in Bern eine internationale sozialistische Antikriegs-Frauenkonferenz und wurde mehrfach inhaftiert. Nach dem Ersten Weltkrieg trat sie im März 1919 in die neugegründete KPD über - dort gab sie die frauenpolitische Zeitschrift "die Kommunistin" heraus.

In der Weimarer Republik führte Zetkin innerhalb der KPD einen entschiedenen Kampf gegen verschiedene Rechts- und Linksabweichler; als enge persönliche Freundin Lenins und treue Verbündete der UdSSR lag ihr die Solidarität mit der Sowjetunion besonders am Herzen. Nach dem Wahlerfolg der KPD 1932 wurde sie Alterspräsidentin des deutschen Reichstages. Ihre dortige Rede "in der Hoffnung trotz meiner jetzigen Invalidität das Glück zu erleben, als Alterspräsidentin den ersten Rätekongreß Sowjetdeutschlands zu eröffnen" auf der konstituierenden Sitzung führte zu Tumulten im Parlament.

Nach der Machtübergabe an die deutschen Faschisten emigigrierte Clara Zetkin in die UdSSR, dort verstarb sie, 75-jährig, in Archangelskoje bei Moskau.

Clara Zetkin, bedeutende deutsche Revolutionärin und marxistische Theoretikerin, wird nicht nur wegen des durch sie initiierten "Internationalen Frauentages" am 8. März jedes Jahres, sondern insbesondere auch wegen ihrer Verdienste um die internationale Arbeiterbewegung und die kommunistische Frauenbewegung immer ein Beispiel revolutionärer Lebensführung und unbeugsamen Kampfeswillens bleiben.
Die bürgerliche Frauenbewegung ist - wie die moderne Frauenbewegung als Ganzes betrachtet - das Kind der kapitalistischen Produktionsweise. Diese schafft die wirtschaftliche Grundlage, sie ist die tragende und treibende Kraft des Strebens nach der vollen sozialen Gleichberechtigung des weiblichen mit dem männlichen Geschlecht. Sie vernichtet in der bürgerlichen Gesellschaft, die sich auf ihr aufbaut, die sozialen Bedingungen der produktiven Tätigkeit der Frau im Hause und für die Familie, jene sozialen Bedingungen, die früheren Gesellschaftsorganisationen eigentümlich waren, die Lebensgestaltung der Frau bestimmten und sie der Herrschaft des Mannes unterwarfen.

Entscheidend für diese tiefgreifende Umwälzung sind die vervollkommneten Produktionsmittel, Kraft- und Werkzeugmaschinen, sind wirtschaftstechnische Fortschritte anderer Art, beruhend auf angewandter wissenschaftlicher Erkenntnis; ist ferner die Entwicklung der modernen Städte, die der früheren vielseitigen hausgewerblichen Tätigkeit der Frau die Arbeitsstätte in der Familienwohnung und die selbsterzeugten Rohstoffe aus der Landwirtschaft entzog.

Der gezeigte Wandel in der Wirtschaft der bürgerlichen Gesellschaft ist Voraussetzung der modernen Frauenbewegung. Schritt für Schritt mit ihm entstehen große wachsende Frauenmassen, die planmäßig, organisiert die Befreiung des Weibes von der rechtlichen, sozialen Herrschaft des Mannes, die soziale und menschliche Gleichberechtigung des weiblichen mit dem männlichen Geschlecht erstreben.

Die bürgerliche Frauenbewegung erhebt die grundsätzliche Forderung voller rechtlicher und sozialer Gleichwertung und Gleichstellung der Frau mit dem Mann. Ihre Führerinnen behaupten, daß die Verwirklichung dieser Forderung für alle Frauen unterschiedslos die gleiche befreiende Bedeutung habe. Das ist falsch. Die Frauenrechtlerinnen sehen nicht oder wollen nicht sehen die für volle soziale, menschliche Freiheit oder Sklaverei entscheidende Tatsache, daß die bürgerliche Gesellschaft, die sich auf der kapitalistischen Produktionsweise aufbaut, durch den unüberbrückbaren Klassengegensatz von Bourgeoisie und Proletariat gespalten ist in Ausbeutende und Herrschende auf der einen Seite und Ausgebeutete und Beherrschte auf der anderen. Die Zugehörigkeit zu der einen oder der anderen Klasse ist letzten Endes ausschlaggebend für die Lage, die Lebensgestaltung der Frauen und nicht ihre Gemeinschaft als Geschlecht, das zugunsten der Vormacht- und Vorrechtstellung des Mannes mehr oder minder rechtlos und unterdrückt ist. Die formale Gleichstellung des weiblichen mit dem männlichen Geschlecht in Gesetzestexten sichert in der Folge den Frauen der ausgebeuteten und unterdrückten Klasse ebenso wenig tatsächliche volle soziale und menschliche Freiheit und Gleichberechtigung, wie sie solche den Männern ihrer Klasse trotz ihrer Geschlechtsgemeinschaft mit den Männern der Bourgeoisie verleiht.

Die Grundursache des Klassengegensatzes, die das bewirkt, ist das Privateigentum an den der bürgerlichen Gesellschaft eigentümlichen Mitteln der Gütererzeugung für Lebenserhaltung und kulturelle Lebenserhöhung. Damit die Frauen der unterdrückten und ausgebeuteten Klasse und ihr nahestehender Schichten - und sie bilden die ungeheure Mehrzahl des gesamten weiblichen Geschlechts - in Wahrheit und Tat volle Befreiung und Gleichberechtigung erlangen, muß diese Grundursache ihrer Klassensklaverei beseitigt werden. Dem vergesellschafteten Charakter der modernen Produktionsmittel entsprechend, kann das nur dadurch geschehen, daß sie aus dem Privateigentum einzelner oder kleiner Gruppen zum Gesellschaftseigentum werden, daß die Gesellschaft die Bedingungen der Gütererzeugung und die Verteilung ihrer materiellen und kulturellen Früchte regelt. Nur auf dem Boden der so umgewälzten Wirtschaft können sich neue, höhere soziale Lebensformen entwickeln, die der Gesamtheit der Frauen tatsächliche Freiheit der Entwicklung und Betätigung zu vollem Menschentum verbürgen. Nur der organisierte revolutionäre Klassenkampf aller Ausgebeuteten ohne Unterschied des Geschlechts führt zu diesem Ziel und nicht der Kampf der Frauen ohne Unterschied der Klasse wider die Vormachtstellung der Männer.

Im Gegensatz zu dieser wissenschaftlichen Erkenntnis, die durch die Tatsachen und Erfahrungen bestätigt wird, beschränkt die bürgerliche Frauenbewegung ihr Eintreten für die Emanzipation der Frauen auf den Kampf gegen die Vorrechte, die Macht des Mannes in Familie, Staat und Gesellschaft. Diese Beschränkung ist international das charakteristische Merkmal der bürgerlichen Frauenbewegung. Sie läßt erkennen, daß die Frauenrechtlerinnen das große und verwickelte Problem der Frauenbefreiung nicht in seinen vielverzweigten sozialen Zusammenhängen erfassen, vielmehr aus der Froschperspektive der Interessen der bürgerlichen Gesellschaft betrachten. Ihre Auffassung und Praxis ist umso kennzeichnender dafür, daß die Geschichte lehrt, daß die Geschlechtssklaverei der Frau sich auf der Grundlage des Privateigentums und in Verbindung mit ihm entwickelt hat.

Um die Herrschaft und Macht des männlichen Geschlechts über das weibliche Geschlecht zu brechen, sind Hauptforderungen der bürgerlichen Frauenbewegung: gleiches Recht der Schließung, Gestaltung und Scheidung der Ehe; Verfügungsrecht über die Kinder für Frau und Mann; eine einheitliche sexuelle Moral für beide Geschlechter; freies Verfügungsrecht der Frau über ihr Vermögen, ihr Einkommen, ihren Verdienst; gesicherte Freiheit der Berufsbildung und Berufstätigkeit; gleiches Recht der Bewegungs- und Betätigungsfreiheit der Frauen mit den Männern auf allen Gebieten des sozialen Lebens; volle politische Gleichberechtigung im Staat und in seinen Organen und anderes mehr. Unbestritten, daß die frauenrechtlerischen Forderungen auch für die Proletarierinnen, die werktätigen Frauen von Wert sind, daß insbesondere auch für sie die grundsätzliche Anerkennung der Gleichwertung und Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts von großer Bedeutung ist. Allein, Wert und Bedeutung von Reformen zur Milderung oder Aufhebung der Geschlechtssklaverei der Frauen werden für deren Mehrheit in der bürgerlichen Gesellschaft herabgemindert, ja zunichte gemacht durch das Fortbestehen der Klassensklaverei, die Leib und Geist der Ausgebeuteten in Ketten hält. Die Erfolge der bürgerlichen Frauenbewegung kommen in der Hauptsache überwiegend den ökonomisch freien Frauen der besitzenden, herrschenden und ausbeutenden Klasse zugute.

Die Frauenrechtlerinnen verzichten auf den Kampf gegen die Klassensklaverei der weitaus meisten Frauen, obgleich sie die Geschlechtssklaverei aufrechterhält und verschärft. Mehr noch, sie lehnen diesen Kampf grundsätzlich ab, der Klasse gegen Klasse von den Niedergetretenen gegen ihre Herren und Peiniger ausgefochten werden muß. Die bürgerliche Frauenbewegung steht mit beiden Füßen auf dem Boden der bürgerlichen Gesellschaft und verteidigt ihn gegen das vordrängende Proletariat. Sie strebt lediglich danach, die bürgerliche Gesellschaft durch Lösung der rechtlichen und sozialen Bindungen zu reformieren, die das weibliche Geschlecht zum Vorteil des Mannes fesseln. Dem Kampf für die frauenbefreiende Revolution der Gesellschaft mittels der Machteroberung des Proletariats und der Aufrichtung des Sozialismus steht die übergroße Mehrheit der Frauenrechtlerinnen heute nicht mehr mit dem Schein einer gewissen Neutralität gegenüber wie zum Teil in den Anfängen ihrer Bewegung, vielmehr in unverhüllter bitterer Feindschaft.

Die bürgerliche Frauenbewegung ist folglich nicht Vorkämpferin, Interessenvertreterin aller befreiungssehnsüchtigen Frauen. Sie ist und bleibt bürgerliche Klassenbewegung. Sie ist der letzte Ausläufer des Emanzipationskampfes, in dem das Bürgertum die herrschenden und regierenden Schichten der feudalen Gesellschaft niederwarf und die Bourgeoisie zur herrschenden politischen Macht emporstieg. Ihr Ziel ist die rechtliche Verwirklichung der Grundsätze, in deren Namen das Bürgertum zu diesem Kampfe alle anführt, die von den feudalen Herrschaftsgewalten niedergetreten und ausgeplündert wurden. Es waren die Grundsätze formaler bürgerlicher Demokratie, der gesetzlichen Anerkennung der Gleichheit und Gleichberechtigung aller Glieder der bürgerlichen Gesellschaft als Ausdruck allgemeiner Menschenrechte.

Nach der stark religiös gefärbten Ideologie der Vorkämpfer für die Macht der Bourgeoisie in England im 17. Jahrhundert sind diese allgemeinen Menschenrechte ein Geschenk des himmlischen Schöpfers. Nach der materialistischen Weltanschauung der Philosophen, deren Lehren ein Jahrhundert später die Führer des bürgerlichen Machtringens gegen die feudalen Gewalten in Frankreich begeisterten, sind die allgemeinen Menschenrechte Naturrecht, das jedem Glied der Gesellschaft unterschiedslos mit der Geburt zufällt. Von beiden Auffassungen geleitet, forderte und fordert zum Teil noch heute die internationale bürgerliche Frauenbewegung die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts als "allgemeines Menschenrecht", als Gottesgabe und Naturrecht, die den schwachen Frauen von den stärkeren Männern entwendet worden sind. Erst allmählich und unvollständig ist sie dazu übergegangen - namentlich unter der Auswirkung sozialistischer Lehren und sozialistischer Kritik -, ihre Forderungen mit den veränderten Tätigkeits- und Lebensbedingungen der Frauen zu begründen. Sie verschließt sich gegen die Tatsache, daß in der bürgerlichen Gesellschaft sich die beschworenen "Grundsätze der Demokratie" als Diktatur der Bourgeoisie, die "allgemeinen Menschenrechte" als Vorrechte der Besitzenden ausleben.

Die bürgerliche Frauenbewegung führt ihren Ursprung auf die Französische Revolution am Ausgang des 18. Jahrhunderts zurück. In dem Wettern und Flammen dieses gewaltigen Ereignisses erheben organisierte, kämpfende Frauen die Forderung voller Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts in Familie, Gesellschaft und Staat. Olympe de Gouges prägte sie als Konsequenz der proklamierten allgemeinen Menschenrechte in dem berühmten Satz aus: "Wenn die Frau das Recht hat, die Guillotine zu besteigen, so muß ihr auch das Recht zustehen, die Rednertribüne zu besteigen." Trotz der Opfer und Leistungen von Frauen, von Frauenmassen für die Verteidigung und den Sieg der Revolution wurden die Menschenrechte nicht Frauenrechte. Der junge Kapitalismus hatte die bürgerliche Gesellschaft noch nicht tief genug für diesen Fortschritt umgewälzt. Er hatte auch den Klassengegensatz von Bourgeoisie und Proletariat noch nicht zu einer Schärfe und Reife entwickelt, die den unzulänglichen, formalen Charakter der Frauenrechte als allgemeiner Menschenrechte unzweideutig hervortreten ließen. Noch konnten sie scheinen, was sie nicht sind: volle Befreiung des gesamten weiblichen Geschlechts.

Die Revolutionen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankreich und Deutschland wie die politischen und sozialen Kämpfe in England und namentlich die große, zuletzt kriegerische Auseinandersetzung des industriellen Nordens mit dem feudalen Süden der Vereinigten Staaten um die Aufhebung der Negersklaverei waren von dem Hervortreten grundsätzlicher Vertreter und Vertreterinnen der Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts begleitet; es bildeten sich lose zusammenhängende Frauengruppen, die diese Forderung erhoben. In Frankreich und Deutschland heischten manche ihrer Vorkämpferinnen außer der Emanzipation der Frauen auch die Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiterinnen. Das geschah jedoch nicht vom proletarischen Klassenstandpunkt aus, sondern im Namen einer gefühlsseligen Humanität, die den "armen Schwestern" von oben helfen, sie aber nicht zum selbsthelfenden Kampfe rufen wollte. In den Revolutionen in Frankreich und Deutschland hatte das Auftreten der Arbeiter als sich zusammenschließende, kämpfende Klasse - die Pariser Junischlacht 1848! - die Bourgeoisie, das "honette Bürgertum", erschreckt. In allen Ländern, wo der Kapitalismus triumphierend vorstieß, bewirkte die davon untrennbare Verschärfung des Klassengegensatzes von Ausbeutern und Ausgebeuteten, daß die Proletarier als fordernde, sich gewerkschaftlich und politisch organisierende revolutionäre Macht aufzumarschieren begannen. Die Bourgeoisie versuchte erst diese Macht zu ködern, dann zu brechen. Sie wurde aus einer weiland revolutionären zu einer reaktionären, schließlich zu einer ausgesprochen gegenrevolutionären Klasse.

Die bürgerliche Frauenbewegung nahm an dieser Entwicklung teil. Ihr Klassencharakter trat immer klarer, unverhüllt durch die alte Phraseologie, in Erscheinung. Das erwies sich besonders in ihrer Einstellung zum gesetzlichen Arbeiterinnenschutz und zum Frauenwahlrecht, das zum "Damenwahlrecht" zusammenschrumpfte. Wohl drängten "radikale" Frauenrechtlerinnen vorwärts, hinter denen die Bedürfnisse und Forderungen breiter Frauenschichten des Mittelbürgertums, der Intelligenz standen, die die Herrschaft des Großkapitals bitter empfinden. Jedoch, trotzdem wurde die bürgerliche Frauenbewegung als Ganzes in Theorie und Praxis "maßvoller", "vernünftiger". Sie paktierte mit alten Vorurteilen, sie stellte bürgerliches Klasseninteresse über die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts. Die terroristische Taktik der opferbereiten, anarchistischen Suffragetten in den Vereinigten Staaten und England im Kampfe für das Frauenwahlrecht unterstrich zwar, änderte aber nicht den Klassencharakter der Frauenrechtlerei. Ungeachtet ihrer feierlichen Festgesänge internationaler Schwesterschaft und brennender Friedensliebe betätigten sich die weitaus meisten bürgerlichen Frauenorganisationen aller Länder im Namen der "Vaterlandsverteidigung" als fanatische nationalistische, mordspatriotische Durchhalterinnen des mehr als vierjährigen imperialistischen Völkergemetzels.

Seit das russische Proletariat im Roten Oktober 1917 begonnen hat, die Sturm- und Siegesglocke der proletarischen Weltrevolution zu läuten, seit unter dem Eindruck dieses größten Ereignisses unserer Zeit sich die Unterdrückten und Ausgebeuteten der noch kapitalistischen Staaten, der Kolonial- und Halbkolonialländer kettenrüttelnd, kämpfend erheben, ist allem übergeordnetes Hauptziel der bürgerlichen Frauenbewegung der Schutz, die Erhaltung der bürgerlichen Gesellschaftsordnung, in der die Frauen weder ihrer Klassensklaverei noch ihrer Gesellschaftssklaverei ledig werden können. Und das, obgleich der Bund sozialistischer Räterepubliken durch die Sowjetverfassung und den sozialistischen Aufbau erhärtet, daß die proletarische Revolution die höheren wirtschaftlichen und sozialen Formen schafft, die die volle soziale und menschliche Gleichwertung und Gleichberechtigung aller Frauen aus Buchstabenrecht in blühendes Leben verwandeln. Eine Ausnahme zu der Betätigung der bürgerlichen Frauenbewegung als Macht der Gegenrevolution bildet nur die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit. Aus ehrlichem Pazifismus, heißer Freiheitsliebe und in vorurteilsloser Anerkennung des frauenbefreienden Werkes der russischen Revolution beben ihre besten Führerinnen nicht vor dem Nahen des Umsturzes der bürgerlichen Gesellschaftsordnung durch das revolutionär kämpfende Proletariat und seine Diktatur. Allein, die Liga ist nur ein kleiner Bruchteil der bürgerlichen Frauenbewegung.

Die gegenrevolutionäre Macht der organisierten Frauenrechtlerei beruht nicht auf der Sammlung der Bourgeoisdamen, sondern auf dem täuschenden, lähmenden Einfluß auf große werktätige Frauenmassen, deren Wollen und Handeln auf den Kampf von Geschlecht zu Geschlecht für die Reform der bürgerlichen Ordnung konzentriert wird, statt auf den Kampf von Klasse zu Klasse für die Revolution. Die bürgerliche Frauenbewegung erniedrigt diese Massen zu Kräften der Gegenrevolution. Sie nimmt bei ihrem Tun und Treiben die starke reformistische, sozialdemokratische Frauenbewegung in ihr Schlepptau. Die Bedeutung dieses Geschehens darf nicht unterschätzt werden. Mit dem Kapitalismus schreitet die bürgerliche Frauenbewegung über alle Erdteile. Sie erfaßt auch in der Welt des Orients wachsende Frauenmassen. Überall, wo niedergehaltene, ausgeplünderte Klassen und Völker sich gegen den imperialistischen Kapitalismus erheben, kommt sie diesem zu Hilfe, indem sie werktätige Frauen vom revolutionären Kampf ihrer Brüder durch narrende Illusionen zurückhält. Sie schleift eine Gefolgschaft von vielen Millionen hinter sich her. Sie umfaßt Bildungsorganisationen, die zu kapitalfrommer Demut erziehen. Genossenschaften, Gewerkschaften, Berufsvereinigungen, die kleine Vorteile verschaffen; Wohltätigkeitsvereine, die als Ketten und Knebel antibürgerlicher Gesinnung und Betätigung wirken. Sie verfügt über raffiniert ausgeklügelte Propaganda- und Agitationsapparate, über viele Zehntausende aktiver Kräfte. Sie wird aus öffentlichen und privaten Kassen mit reichen materiellen Mitteln bedacht. Der klassische Ausdruck des gegenrevolutionären Wesens der bürgerlichen Frauenbewegung sind die faschistischen Frauenorganisationen in Italien, Polen, Deutschland, den Vereinigten Staaten und anderen Ländern. Kurz, die bürgerliche Frauenbewegung ist eine ernste, gefährliche Macht der Gegenrevolution. Mit ihr kann, darf es kein Kompromiß, keine Bundesgenossenschaft geben, sie muß geschlagen werden, damit die proletarische Weltrevolution siege. Die objektiven und subjektiven Kräfte der Geschichte verbürgen ihren Triumph.

2. Die sozialdemokratische Frauenbewegung

Auf einer bedeutsamen, auf der besten Strecke ihrer Geschichte konnte die sozialdemokratische Frauenbewegung als proletarische Frauenbewegung der bürgerlichen entgegengestellt werden. In Theorie und Praxis war sie während dieser Periode, was jene scheinen wollte: Vorkämpferin für die volle soziale und menschliche Befreiung und Gleichberechtigung des gesamten weiblichen Geschlechts. Sie erfaßte die Frauenfrage im Lichte des historischen Materialismus als wesentlichen Teil der allgemeinen sozialen Frage. Sie erkannte daher, daß der Klassengegensatz und der Klassenkampf von Ausgebeuteten und Ausbeutern in der bürgerlichen Gesellschaft von ausschlaggebender Bedeutung für die volle Frauenemanzipation ist. Ihr Handeln wurde von der Auffassung geleitet, daß nur der revolutionäre Umsturz der bürgerlichen Gesellschaft und die Verwirklichung des Sozialismus als Tat des sich kämpfend befreienden Proletariats der Gesamtheit der Frauen voll erblühendes und sich auswirkendes Menschentum bringen werde und nicht die formale Gleichstellung der Geschlechter im Gesetz.

Im Gegensatz zu der bürgerlichen Frauenrechtlerei rief die proletarische Frauenbewegung zufolge ihrer grundsätzlichen Einstellung nicht die Frauen aller Klassen und Schichten zum gemeinsamen Kampfe von Geschlecht zu Geschlecht für eine Reform der Gesellschaft, die die Vorrechte des Mannes aufhebt. Sie sammelte, organisierte und schulte vielmehr vor allem die Proletarierinnen für den Kampf in Reih und Glied ihrer Brüder. Sie rief aber auch die unterdrückten und ausgebeuteten Frauen aller Schichten, zusammen mit dem Proletariat den Kampf von Klasse zu Klasse zu führen für die Revolution der bürgerlichen Ordnung mittels Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln.

Die sozialdemokratische Frauenbewegung hat die Ehre verwirkt, in Lehre und Tat proletarische Frauenbewegung zu sein. Sie ist heute ihrem Ziel und Inhalt nach bloße Reformbewegung, eine besondere Spielart bürgerlicher Frauenrechtlerei, bürgerlicher Demokratie. Sie hatte ihren Aufschwung im Zusammenhang mit der II. Internationale, und gemeinsam mit dieser und deren Verrat am Proletariat ist sie seit dem Ausbruch des imperialistischen Weltkriegs 1914 von Stufe zu Stufe gesunken.

Die Bewegung der Frauen des Proletariats und des Bürgertums für ihre Emanzipation hat die gleiche Grundlage: die Vernichtung der alten hausgewerblichen Tätigkeit der Frau in der Familie durch die kapitalistische Produktionsweise. Jedoch darüber hinaus macht sich in der bürgerlichen Gesellschaft der Klassengegensatz der Frauen geltend. Die Besitzlosigkeit macht produktive, erwerbende Arbeit zur Existenzfrage für die Proletarierin, ja für die Proletarierfamilie. Die wirtschaftliche Umwälzung schafft dank der modernen Produktionsmittel und Produktionsbedingungen mit der Fabrikindustrie ein weites und wachsendes Gebiet solcher Arbeit in der Gesellschaft. Der Drang nach Mehrwert, nach Profit, der die Seele des Kapitalismus ist, peitscht mit dem Zwange der Not Scharen von Proletarierinnen in die Fabrik. Die ausgiebige Verwendung billiger und durch Lohndruck verbilligender, williger Frauenarbeit ist nicht lediglich eine Folgeerscheinung der Ausbreitung des Kapitalismus, sie ist gleichzeitig eine Voraussetzung seines Aufblühens.

Die Verdienstarbeit in der Gesellschaft löst für die Proletarierin die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Manne und macht sie als Selbsterwerbende diesem gleich. Doch ihre Geschlechtssklaverei als Weib kettet sie rechtlich, gesetzlich weiter an ihn. Sie muß außerdem ihre wirtschaftliche Selbständigkeit mit teurem Preis bezahlen, mit den erbarmungslosesten Auswirkungen der proletarischen Klassensklaverei. Und nicht nur sie allein muß ihn zahlen. Auch der Proletarier in Gestalt sinkenden Lohnes und Verdrängung aus der Fabrik; das proletarische Kind mit mangelnder Pflege und Fürsorge, mit Verderben und Sterben; die gesamte Arbeiterklasse mit steigender Verelendung. Die Arbeiter, die noch nicht durch die Lehren des wissenschaftlichen Sozialismus klar sehend geworden sind, verwechseln Wirkung und Ursache. Für die verschärfte Not machen sie die Arbeit der am härtesten Ausgebeuteten verantwortlich, statt des gesellschaftlichen Regimes der kapitalistischen Ausbeutung. Sie bekämpfen die industrielle, die erwerbende Frauenarbeit und heischen ihr gesetzliches Verbot. Der Kampf der Geschlechter entbrennt auch in der Welt des Proletariats um eine Forderung, deren Verwirklichung die Frauen in die altersgraue Abhängigkeit vom Manne zurückwerfen würde. Geschlechtsunfreiheit und Klassensklaverei gestalten in enger Verschlingung das leidbeschwerte Dasein der Proletarierinnen.

Die Ideen der utopischen Sozialisten, Owen, Saint-Simon, Fourier und ihrer Schüler entzünden das Licht der Hoffnung in diesem Dunkel. Die zum Bewußtsein ihres Menschentums und zum Freiheitssehnen erwachenden Proletarierinnen erwarten ihre Befreiung von allen Übeln in einem neuen, idealen Gesellschaftsbau der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit. Sie finden sich allmählich in Gruppen zusammen - auch mit bürgerlichen Frauen -, die sich gegen das Verbot der Frauenarbeit wehren und eine Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiterinnen verlangen. Sie vereinigen sich mit Gleichgesinnten - Männern wie Frauen -, um gemeinschaftlich für den Aufbau der utopischen, erträumten Gesellschaft zu werben, zu wirken. Sie sind jedoch noch sehr weit von der Erkenntnis entfernt, daß der Kapitalismus im Schoße der bürgerlichen Gesellschaft die objektiven Voraussetzungen der neuen, frauen- und menschheitsbefreienden Ordnung erzeugt und daß diese durch den gemeinsamen revolutionären Klassenkampf der Männer und Frauen des Proletariats verwirklicht werden muß.

Die ersten Anfänge der Emanzipationsbestrebungen proletarischer Frauen waren so nichts weniger als grundsätzlich, klar sozialistisch, sozialdemokratisch. Sie stellten ein Miteinander und Durcheinander frauenrechtlerischer, utopischer, sozialrevolutionärer, sozialreformlerischer Tendenzen und Forderungen dar. Sie entbehrten national und erst recht international eines festen organisatorischen Gefüges. In England, Frankreich, Deutschland, den Vereinigten Staaten von Nordamerika und anderwärts traten bald die einen, bald die anderen Charakterzüge mehr hervor, bald mehr ökonomische, bald politische Losungen. Allgemein bestimmend dafür war unter den gegebenen geschichtlichen Verhältnissen der einzelnen Länder die fortschreitende Entwicklung der kapitalistischen Produktion und ihre Auswirkung auf den Klassengegensatz von Bourgeoisie und Proletariat, auf das Rückwärts der bürgerlichen Demokratie, das Vorwärts des Proletariats an Erkenntnis, Organisation, Kampfkraft als revolutionäre Klasse. Im Verlaufe dieses geschichtlichen Reifeprozesses traten bei den Freiheit und Gleichberechtigung verfangenen Proletarierinnen frauenrechtlerische Stimmungen und Strömungen hinter die Anforderungen des Klassenkampfes zurück, rangen sich die Proletarierinnen zu der Auffassung durch, daß der Befreiungskampf der Klasse ohne die bewußte und hingebungsvolle Beteiligung gleichberechtigter, gleichgewerteter Frauen nicht siegreich geführt werden könne.

Führend, beispielgebend ging die I. Internationale dem Proletariat im Kampf für die volle Emanzipation des gesamten weiblichen Geschlechts voran. Ihr Kongreß zu Genf 1866 schlug die Vorstöße für das gesetzliche Verbot der industriellen Frauenarbeit zurück, das zünftlerische englische Gewerkschafter von rechts her, Anarchisten, Proudhonisten und Gesinnungsverwandte von links her forderten. Ausschlaggebend dafür war eine Darstellung des Problems - eine persönliche Arbeit von Marx -, die entsprechend dem dialektischen Materialismus die weitreichende revolutionäre Bedeutung der industriellen Frauenarbeit erhellte und gegen ihre reaktionären, die Klassenlage des Proletariats verschlechternden Auswirkungen in der Gesellschaftsordnung des Kapitalismus durchgreifenden gesetzlichen Schutz wider Ausbeutung und Unterdrückung heischte. Wie die Resolution über die Gewerkschaften zeigte sie die Notwendigkeit des gemeinsamen Klassenkampfes der Proletarier und Proletarierinnen zum Sturze des knechtenden und ausbeutenden Kapitalismus. Im Generalrat der I. Internationale saß eine Frau, berufliche Arbeiterinnenorganisationen gehörten ihr an: der Verband der Schuharbeiterinnen in England, der Seidenwirkerinnen von Lyon, und mit großer Energie und gutem Erfolg unterstützte die Internationale Arbeiterassoziation einen Streik der letztgenannten. Die Ideen dieser Weltorganisation der kämpfenden Arbeiterklasse befeuerten und leiteten viele Proletarierinnen und Kleinbürgerinnen, die bei der Verteidigung der Pariser Kommune als Heldinnen und Märtyrerinnen ihren Anspruch auf Gleichwertung und Gleichberechtigung mit dem Manne bewiesen hatten. In Deutschland war noch vor dem großen, international aufwühlenden und lehrenden Ereignis der Machteroberung des Proletariats der erste gemeinsame, organisierte Aufmarsch von Proletarierinnen und Proletariern im Zeichen des Sozialismus gegen den Kapitalismus erfolgt. Die Gewerksgenossenschaft der Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeiter zu Crimmitschau wurde gegründet, eine Vorläuferin des Textilarbeiterverbandes, die sich zu den Grundsätzen der Internationalen Arbeiterassoziation bekannte.

Die I. Internationale fiel als Organisationsform auseinander, ihr reicher geschichtlicher Inhalt lebte im Proletariat auch in der revolutionären Auffassung der Frauenfrage weiter und gewann immer mehr Anhänger und Anhängerinnen. Der Gründungskongreß der II. Internationale zu Paris 1889 bewies es. Eine der beiden Vertreterinnen deutscher Arbeiterinnenvereine wandte sich im Auftrage der deutschen Delegation gegen ein Verbot der Frauenarbeit, wies die Frauenrechtlerei ab und forderte die Eingliederung der Proletarierinnen in die Kampfreihen der Arbeiterklasse. Der Kongreß solidarisierte sich durch stürmischen Beifall mit der Auffassung, faßte jedoch keinen die Parteien und Gewerkschaften verpflichtenden Beschluß in der aufgerollten Frage. Das ist kennzeichnend für das Verhalten der II. Internationale zu ihr. Die II. Internationale verzichtete auf Initiative und Führung, das Ringen der proletarischen, der werktätigen Frauen für ihre Befreiung und Gleichberechtigung ideologisch und organisatorisch mit dem Klassenkampf des Proletariats zu verbinden und zu einer nicht zu missenden tragenden und treibenden Kraft der sozialen Revolution zu machen. Sie überließ es den Bekennerinnen des Sozialismus selbst, diese bedeutsame Aufgabe zu lösen.

In allen kapitalistischen Ländern gingen diese mit reifender theoretischer Erkenntnis und größtem hingebungsvollem Eifer daran, die Wirrnis frauenrechtlerischer, sozialreformlerischer, sozialistischer Gedanken zu klären, die Zersplitterung der vielerlei von Organisationsformen zu überwinden und die in Fluß befindliche Bewegung der Proletarierinnen zu einer grundsätzlich richtigen, praktisch wirksamen, ausgesprochen sozialistischen Frauenbewegung zu machen. Die Sozialdemokratinnen Deutschlands gingen bei diesem Werk wegweisend und beispielgebend voran. Die sozialdemokratische Frauenbewegung erhärtete ihre Gleichwertigkeit als Teil des revolutionären proletarischen Befreiungskampfes durch ihre reinliche Scheidung in Theorie und Praxis von der Frauenrechtlerei und dem bürgerlichen Reformismus. Die dafür nötigen Auseinandersetzungen erfolgten auf der ganzen Front der Frauenfrage als sozialer Frage, die nur durch die proletarische Revolution und Diktatur als Wegbereiter des Sozialismus gelöst werden kann.

Sie konzentrierten sich zunächst auf die grundsätzliche und praktische Einstellung zum gesetzlichen Arbeiterinnenschutz. Der Kongreß der II. Internationale zu Zürich 1893 entschied entgegen starken frauenrechtlerischen Tendenzen im Sinne der marxistischen Auffassung. Wichtiger und weittragender noch war der Kampf um die grundsätzliche und taktische Stellungnahme zum Frauenwahlrecht. Sollte das Eintreten für ein "Damenwahlrecht" gestattet sein, der Verzicht auf die Forderung des allgemeinen Frauenwahlrechts in proletarischen Wahlrechtskämpfen, die frauenrechtlerische Gleichsetzung des politischen Frauenwahlrechts mit der vollen sozialen Befreiung des weiblichen Geschlechts? Die Klärung dieser Streitfragen wurde zu einem leidenschaftlichen Kampf gegen den Reformismus, den Opportunismus auf der ganzen Linie. Die Initiative und Zähigkeit der fortgeschrittensten Trägerinnen der sozialdemokratischen Frauenbewegung setzten es durch, daß dieser Kampf auf dem Kongreß der II. Internationale zu Stuttgart 1907 mit dem Sieg des revolutionären Marxismus endete. Die sozialdemokratische Frauenbewegung war in ihren besten Zeiten eine wertvolle Kraft des "linken Flügels" der sozialistischen Parteien der II. Internationale im Ringen mit dem Opportunismus und Revisionismus.

Ihrer Auffassung von der einheitlichen Organisation der Ausgebeuteten ohne Unterschied des Geschlechts getreu, führte sie die Arbeiterinnen den Gewerkschaften ihrer Berufsgenossen zu, die proletarischen Frauen jeder Schicht der sozialistischen Partei ihres Landes. Auf der geschaffenen Grundlage nahm die sozialdemokratische Frauenbewegung ihren internationalen Zusammenschluß im Rahmen und in engstem Zusammenhang mit der II. Internationale in Angriff. Die erste internationale Konferenz sozialistischer Frauen zu Stuttgart 1907 bestimmte die "Gleichheit", das Frauenblatt der deutschen Sozialdemokratie, zum internationalen Organ und wählte eine Internationale Sekretärin. Die zweite internationale Konferenz sozialistischer Frauen zu Kopenhagen 1910 beschloß als einheitliche internationale Aktion den alljährlichen Frauentag. In Anknüpfung an aktuelle Forderungen der Proletarierinnen, so des Frauenwahlrechts, sollte er revolutionärer Klassenvormarsch der proletarischen Frauen und Männer gegen die bürgerliche Gesellschaft sein.

Das imperialistische Völkermorden brachte zum Ausdruck, daß der Wurm des Reformismus auch die so hoffnungsreich scheinende sozialdemokratische Frauenbewegung zerfressen hatte. Sie zeitigte noch eine kraftvolle revolutionäre Lebensäußerung: die internationale sozialistische Frauenkonferenz zu Bern 1915. Vom proletarischen Klassenstandpunkt aus rief sie die Frauen auf zum Kampf gegen den Verrat der internationalen Solidarität der Proletarier aller Länder durch die Mehrheit der sozialdemokratischen Parteien und Gewerkschaften, zum Kampf für den Frieden der Völker als Voraussetzung zur Entfesselung des schärfsten revolutionären Vorstoßes der proletarischen Massen zum Umsturz der bürgerlichen Gesellschaft. Die Konferenz war Aktion einer Minderheit der Bewegung, Vorbotin ihrer unerläßlichen Spaltung. Der weitaus größte Teil der organisierten sozialdemokratischen Frauen sank unter Führung der II. Internationale herab zu Verteidigerinnen der nationalen "Vaterländer" der imperialistischen Bourgeoisie. Sie wetteiferten an chauvinistischer Gesinnung und Aktivität mit den bürgerlichen Damen. Sie täuschten und beschwindelten die Proletarierinnen über Ziel und Charakter des imperialistischen Machtringens und trieben damit diese in die Schützengräben der Wirtschaft und aller Gebiete des sozialen Lebens. Unbelehrt durch das gewaltige Weltgewitter der proletarischen Revolution im Zarenreich, standen die Sozialdemokratinnen weiterhin der Bourgeoisie bei, ihre Klassenherrschaft gegen den Ansturm der revolutionär vordringenden Ausgebeuteten zu schützen.

Die rühmliche Vergangenheit wirft helles Licht darauf, wie tief die sozialdemokratische Frauenbewegung gefallen ist. Sie ist zu einer Nichts-als-Reformbewegung entartet, die die bürgerliche Ordnung nicht stürzen, sondern stützen will. Sie trägt dazu bei, die Klassensklaverei der Proletarierinnen zu befestigen, zu erhalten. Gewiß, in der sozialdemokratischen Frauenbewegung wird noch vom Sozialismus geredet, aber nur zu dem Zwecke, werktätige Frauen vom revolutionären Kampfe ihrer Klasse abzuhalten. Sie führt die Proletarierinnen nicht auf den einzigen Weg zum Sozialismus, zur kommunistischen Weltordnung: zur Revolution zur Eroberung der Staatsmacht. Sie lullt diese zwiefach Geopferten des Kapitalismus mit dem Traum ein vom "friedlichen Hineinwachsen in den Sozialismus" durch soziale Reformen und bürgerliche Demokratie. Sogar was Reformen und die Demokratie anbelangt, so narrt sie die werktätigen Frauen mit der Illusion, daß diese "Errungenschaften" Früchte des Zusammenwirkens der Klassen, des Burgfriedens zwischen ihnen sind und nicht Ergebnisse des erbitterten, hartnäckigen proletarischen Klassenkampfes. Indem sie das grundsätzliche Ziel preisgibt - die proletarische Revolution -, macht sie sich selbst unfähig, auch die Gegenwartsforderungen der Proletarierinnen zu vertreten.

Besonders charakteristisch für das alles sind die internationalen sozialdemokratischen Frauenkonferenzen, die in Marseille 1925 und in Brüssel 1926 und 1928 in der Gnadensonne der wieder zusammengeflickten II. Internationale stattgefunden hatten. In den Fragen des gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes, des Schutzes und der sozialen Fürsorge für Mutter und Kind, für Hilfsbedürftige jeder Art zogen sich diese Tagungen auf die winzigen Forderungen der Washingtoner Konferenz 1919 zurück. Sie sind bis heute nicht von den gepriesenen Koalitionsregierungen großer kapitalistischer Staaten und der Arbeiterregierung in England ratifiziert, und ihre Verwirklichung als "humanitäres Menschenrecht" wird von den Sozialdemokratinnen sanft erbeten. Den Wert solcher Einstellung zeigt Frau Bondfield, Arbeitsminister der englischen Arbeiterregierung, durch deren Gesetzentwürfe und Vorschläge zur Regelung der Arbeitslosenfürsorge, der Arbeitsverhältnisse im Bergbau; durch die Stellungnahme zu dem großen Kampf in der Wollindustrie, in der viele Zehntausende Arbeiterinnen ausgebeutet und geknechtet werden.

Das Frauenwahlrecht werteten die internationalen Konferenzen der Sozialdemokratinnen echt feministisch als vollendetes Menschenrecht der Frauen. Trotzdem waren die Tagenden bereit, sich mit einem "Damenwahlrecht" zu begnügen, und drückten sich feige darum herum, die reformistische Arbeiterpartei Belgiens auch nur zur Ordnung dafür zu rufen, daß ihre Vertreter in der Kammer zufolge ihres Bündnisses mit den Liberalen gegen das von den Klerikalen beantragte Frauenwahlrecht gestimmt haben. Im höchsten Maße schamlos ist das Verhalten der Sozialdemokratinnen gegenüber der drohenden Gefahr imperialistischer Kriege. Sie verzichteten in Marseille auf die geforderte Brandmarkung des greuelreichen Marokkokrieges der französischen Imperialisten, weil dieser von den reformistischen Sozialisten Frankreichs nicht bekämpft worden ist. Sie hetzten dafür gegen den angeblichen "roten Imperialismus" der Sowjetunion und vertrösteten die friedenssehnsüchtigen Proletarierinnen mit der Hoffnung auf den "Stimmzettel der Mütter". Die sozialdemokratische Frauenbewegung ist eine Pflegestätte der Illusionen über die friedenstiftende Macht des Völkerbundes, der internationalen Abrüstungskonferenzen der kapitalistischen Regierungen und jeder damit zusammenhängenden Massenbeschwindelung. Sie ist ebenso eine Pflegestätte aller Lügen und Verlästerungen gegen den ersten Staat der proletarischen Diktatur und seinen sozialistischen Aufbau. Sie schweigt hingegen in allen Sprachen von der ernsten Friedenspolitik dieses Staates, von seinem vorbildlichen Werk zur vollen menschlichen Befreiung der Frau durch die Sowjetverfassung und die Gestaltung wirtschaftlicher und sozialer Lebensformen, die die Gleichberechtigung zur Wahrheit und Tat erheben. Sie hat auch keine Tat internationaler Solidarität aufzuweisen für die Befreiungskämpfe der Kolonial- und Halbkolonialvölker gegen den Imperialismus; Kämpfe, an denen Arbeiterinnen, Bäuerinnen, Kleinbürgerinnen, weibliche Intellektuelle einen hervorragend opferfreudigen Anteil nehmen. Die sozialdemokratische Frauenbewegung ist verbürgerlicht. Sie unterscheidet sich vom Feminismus in der Konkurrenz um gläubige Gefolgschaft lediglich durch die Phraseologie, nicht durch ihr Wesen. Sie geht den politischen Parteien und Gewerkschaften, mit denen sie verbunden ist, nicht mehr Probleme der Frauenfrage klärend, die Praxis anregend und bereichernd voran. Sie ist die gefügige Magd dieser Organisationen im Dienste der Großbourgeoisie. Keine arbeiterfeindliche Schandtat der Koalitionspolitik, des Industriefriedens, mit deren Duldung sie nicht im Namen des "Staatsgedankens" und der "Volkswirtschaft" das Klassenbewußtsein der Poletarierinnen trübt, ihre Kampfenergie einschläfert. Die sozialdemokratische Frauenbewegung hat trotz ihres innerlichen Verfalls eine starke und aufsteigende äußere Entwicklung. Nach dem Bericht an den Brüsseler Kongreß der Sozialistischen Arbeiterinternationale 1928 waren in den dieser angeschlossenen Parteien 915 000 Frauen organisiert, die reformistischen Gewerkschaften zählten l.687.000 weibliche Mitglieder. Diese Zahlen sind seither bei weitem überholt.

Die sozialdemokratische Frauenbewegung wird nicht mehr wie einst von der "öffentlichen Meinung" verhöhnt, von den Behörden verfolgt, sie erfreut sich von beiden Seiten kräftiger Unterstützung. In den Ländern mit Koalitionsregierungen - und namentlich dort, wo das Frauenwahlrecht besteht - verwurzelt sie sich mittels starker Positionen im Staatsapparat in den Gemeindeverwaltungen, in der Sozialversicherung, der Wohlfahrtspflege unter den Massen der Proletarierinnen. Für sie wirken erfahrene, geschickte Propagandistinnen und Organisatorinnen, die das früher erworbene Vertrauen wie ihre ganze Kenntnis der Lage und Psychologie der werktätigen Frauen mißbrauchen, um diese zu täuschen und zu gängeln, indem sie ihren antirevolutionären Kleinmut, ihre Furcht vor der Revolution nähren und bestärken. Das in der Zeit, wo sie die erbarmungslose Herrschaft des Monopolkapitals, des beutegierenden Imperialismus, die begonnene proletarische Revolution, das unsterbliche Beispiel der revolutionär kämpfenden und sozialistisch aufbauenden Frauen in der Sowjetunion vor Augen haben. Auf daß die frauenbefreiende proletarische Revolution den Kapitalismus niederwirft, muß sie den Reformismus in der Arbeiterklasse vernichten...

3. Die kommunistische Frauenbewegung

Die kommunistische Frauenbewegung hat eine kurze, aber höchst inhaltsreiche Geschichte. Sie entwickelt sich und wirkt, in der bedeutungsvollsten Periode, die die Menschheitsgeschichte bisher nun kennt. In der Periode der mit dem Roten Oktober 1917 begonnenen proletarischen Weltrevolution, die dank der Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln und der Verwirklichung des Kommunismus als Gesellschaftsordnung alle wirtschaftlichen und sozialen Schranken zwischen den Menschen niederreißt und neue gesellschaftliche Lebensformen schafft. Diese gewaltige Umwälzung der Gesellschaft ist unerläßliche Bedingung für ein neues, höheres Verhältnis von Mann und Weib, von Eltern und Kindern und in der Folge für die volle menschliche Befreiung und Gleichberechtigung des gesamten weiblichen Geschlechts. Die kommunistische Frauenbewegung soll und will bewußt diesem großen Ziel dienen, dessen Verwirklichung das Werk der vom Kapitalismus Ausgebeuteten und Unterdrückten der ganzen Welt sein muß, die unter Vorantritt und Führung des klassenklaren Proletariats zu revolutionär Kämpfenden werden. Die Tätigkeit der Kommunistinnen ist planmäßig und organisch darauf gerichtet, breiteste Massen der durch die Klassenherrschaft der Großbesitzenden ausgeplünderten und niedergetretenen werktätigen Frauen, die durch die Geschlechtsherrschaft des Mannes gefesselten Frauen aller sozialen Schichten zu Mitkämpferinnen für dieses Befreiungswerk zu erheben. Das Wollen und Handeln der zweifach Geknechteten müssen von dem Wissen geleitet werden, daß die proletarische Weltrevolution der einzige Weg zu ihrer Befreiung ist.

Auf höherer Stufe der geschichtlichen, der theoretischen Erkenntnis und der praktischen Betätigung setzt die kommunistische Frauenbewegung das von der sozialdemokratischen Frauenbewegung einst im marxistischen Geiste willig begonnene, aber heute verratene Werk fort. Zwischen beiden gähnt abgrundtief ein unüberbrückbarer Gegensatz: die Einstellung zur bürgerlichen Gesellschaftsordnung, zu ihrer Wirtschaft, ihrem Staat. Volle Frauenemanzipation durch Reform der bürgerlichen Gesellschaft oder durch die Revolution - das ist die Frage, die die beiden Bewegungen grundsätzlich und taktisch trennt. Verbürgerlicht weicht die sozialdemokratische Frauenbewegung revolutionsfeindlich vor den klaren, eindeutigen Lehren der Ereignisse seit 1914 zurück. Die kommunistische Frauenbewegung zieht dagegen in Theorie und Praxis die zielsetzenden, wegweisenden Schlußfolgerungen aus dem imperialistischen Weltkrieg, der russischen Revolution und dem historischen Geschehen seither. Sie wird dabei von der treu festgehaltenen Geschichtsauffassung des revolutionären Marxismus geleitet und seiner konsequenten, lebenskräftigen leninistischen Anwendung auf die Probleme und Aufgaben des gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses.

Der Ausgangspunkt der organisierten kommunistischen Frauenbewegung ist der Gründungskongreß der III. Internationale zu Moskau im März 1919. Das Verhältnis dieser weltumspannenden Organisation des Proletariats zu ihr spiegelt die fortgeschrittene objektive und subjektive geschichtliche Reife der gesellschaftlichen Entwicklung für die proletarische Revolution wider. Der Gründungskongreß der III. Internationale begnügte sich nicht damit, gleich dem Gründungskongreß der II. Internationale der Forderung der Gleichberechtigung der Frauen und ihres Marschierens in Reih und Glied des kämpfenden Proletariats Beifall zu spenden und nichts mehr. Auf Antrag russischer Genossinnen - ausländische Kommunistinnen konnten wegen der damaligen außerordentlichen Schwierigkeiten des Verkehrs mit Sowjetrußland an der Tagung nicht teilnehmen - nahm er einstimmig eine Resolution an, die die volle Gleichberechtigung der Frauen und ihre Bedeutung als nicht zu missende Kraft der Revolution in sich begreift. Sie stellte fest, daß die Kommunistische Internationale "die vor ihr stehenden Aufgaben nur erfüllen, den endgültigen Sieg des Weltproletariats und die vollständige Abschaffung der kapitalistischen Ordnung nur sichern kann durch den engverbundenen gemeinsamen Kampf der Frauen und Männer der Arbeiterklasse. Die Diktatur des Proletariats kann nur unter regem und aktivem Anteil der Frauen der Arbeiterklasse verwirklicht und behauptet werden."

Der Geist dieses Beschlusses ist bestimmend geblieben für das Werden, Wachsen und Wirken der kommunistischen Frauenbewegung, für ihr Verhältnis zu der Kommunistischen Internationale und ihren nationalen Sektionen. Die II. Internationale war ideologisch und organisatorisch ein loses Gebilde, dessen verpflichtende und führende Kraft nicht über Resolutionen und Demonstrationen hinausreichte. Die sozialdemokratische Frauenbewegung entwickelte sich in ihrem Rahmen, jedoch nicht unter ihrer Leitung. Die III. Internationale hat aus dem Geschehen des imperialistischen Zeitalters, hat aus den Mängeln und dem schließlichen schimpflichen Versagen und Verraten ihrer Vorgängerin gelernt. Im Gegensatz zu ihr ist sie ideologisch und organisatorisch eine festgefügte Einheit. Die kommunistische Frauenbewegung entfaltet und betätigt sich daher nicht bloß im Rahmen der III. Internationale, sondern in unlösbarem Zusammenhang mit ihr und unter ihrer Führung. Wie die ganze große Weltorganisation des vorstürmenden Proletariats stützt sie sich für ihr Arbeiten und Kämpfen auf die Theorie des historischen Materialismus, wie sie Lenin weiterentwickelt zur gestaltenden Praxis erhoben hat, und auf die Erfahrungen, die Lehren der russischen Revolution. Internationale Einheitlichkeit der Grundsätze der Organisation, der Aktion, um die mit Hand und Hirn werktätigen Frauenmassen gemeinschaftlich mit ihren Klassenbrüdern als Kräfte der sie befreienden, gleichberechtigenden Revolution zur geschichtlichen Geltung zu bringen: Das sind Leitgrundsätze und Ziele der kommunistischen Frauenbewegung. Erfolgreich wirken internationale Frauenkonferenzen und Frauenberatungen für das dreifache Ziel. Sie finden in Verbindung mit Weltkongressen der Kommunistischen Internationale oder Vollsitzungen ihrer Exekutive statt, und ihre Beschlüsse wie Berichte werden diesen Tagungen zur Prüfung und Entscheidung vorgelegt, wobei selbstverständlich die Vertreterinnen der Genossinnen mitzusprechen und mitzustimmen haben. Für Grundsätze, Taktik und Organisation der kommunistischen Frauenbewegung war besonders die zweite Internationale Konferenz der Kommunistinnen 1321 zu Moskau grundlegend und richtunggebend. Sie beriet und beschloß Richtlinien für die internationale kommunistische Frauenbewegung, die diese scharf ebenso von der Frauenrechtlerei als auch von der nicht weniger bürgerlichen reformistischen Sozialdemokratie und ihrer Frauenbewegung scheiden. Die Richtlinien gehen von der Feststellung aus, daß das Privateigentum die letzte Ursache der Geschlechtssklaverei und der Klassensklaverei ist und daß einzig und allein die Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln, ihre Umwandlung in Gesellschaftsbesitz, volle Frauenbefreiung sichert. Diese weit- und tiefreichende Umwälzung der Gesellschaftsordnung muß die Gemeinschaftstat der Besitzlosen und Wenigbesitzenden ohne Unterschied des Geschlechts sein. Ohne revolutionären Klassenkampf des Proletariats keine wirkliche volle Frauenemanzipation, ohne Beteiligung der Frauen daran keine Zerschmetterung des Kapitalismus, keine sozialistische Neuschöpfung.

Die Richtlinien weisen zwingend nach, daß der erlösende Kommunismus zur Voraussetzung die Revolution hat, in der das kämpfende, siegreiche Proletariat seine Diktatur aufrichtet als Weg zum Ziel der gewaltigen gesellschaftlichen Umwälzung. Sie zerfetzen die trügerische und verderbliche Illusion, daß geänderte Gesetzestexte zugunsten der Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts und soziale Reformen zur Besserstellung des Proletariats, daß bürgerliche Diktatur statt proletarischer Diktatur Freiheit und Gleichberechtigung zu bringen vermöchten. Reformen der einen und anderen Art sind und bleiben Flickwerk an der ausbeutenden, knechtenden bürgerlichen Gesellschaft, sie bedeuten keine Lösung der Frauenfrage, der sozialen Frage, erklären die Richtlinien. Nach dieser grundsätzlichen Ablehnung der Reformen als "Endziele" der kommunistischen Frauenbewegung formulieren sie eine Reihe von Forderungen, geeignet, brennende Tagesnöte der werktätigen Frauen ein weniges zu lindern, als Anknüpfungspunkte für die kommunistische Aufklärungs- und Organisierungsarbeit unter ihnen zu dienen, die Erkenntnis, den Willen und die Entschlußkraft der Erweckten über sich aufdrängende Tages- und Teilforderungen auf die Machteroberung des Proletariats, den Umsturz der Gesellschaft zu richten und ihre Kampftüchtigkeit für die Revolution zu stärken und zu steigern.

Die Richtlinien lehnen Sonderorganisierung der Kommunistinnen mit aller Entschiedenheit ab. Diese treten als gleichberechtigte, gleichverpflichtete und gleichgewertete Mitglieder in die kommunistische Partei ihres Landes ein; Arbeiterinnen, weibliche Berufstätige müssen den Gewerkschaften ihrer Berufsgenossen angehören. Angesichts vorgefundener bestimmter sozialer Verhältnisse, der Rückständigkeit und Unfähigkeit vieler Frauen und Männer, die Notwendigkeit und Überlegenheit der gemeinschaftlichen Organisation zu erfassen, bedürfen die kommunistischen Parteien zur Zeit noch besonderer Organe, die sich durch ihr erfolgreiches Wirken mit der Zeit selbst überflüssig machen. Wie diese Organe zusammengesetzt sind - am besten aus Genossinnen und Genossen -, ist Zweckmäßigkeitsfrage. Das Wesentliche der internationalen kommunistischen Frauenbewegung ist die planmäßig organisierte, energische Betätigung der nationalen kommunistischen Parteien unter den Proletarierinnen, den werktätigen Frauen, um diese in Massen gegen den Kapitalismus, die bürgerliche Ordnung, in Bewegung zu setzen.

Der III. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale hat die Richtlinien bestätigt. Ihren Leitgedanken entsprechend, haben sich internationale Konferenzen und Beratungen der organisierten Kommunistinnen - zwei in Berlin, die übrigen in Moskau - mit der Betätigung auf wichtigen Gebieten der Parteiarbeit auseinandergesetzt: in den Gewerkschaften, den Genossenschaften, auf dem Gebiet des Bildungs- und Erziehungswesens. Die Tagungen haben sich ferner eingehend mit der systematischen Durchführung von Frauen- und Arbeiterinnendelegiertenversammlungen und Konferenzen beschäftigt als einem wertvollen Mittel, über die Kreise der kommunistischen Partei hinaus für deren Aktionen werktätige Frauen zu werben und die Geworbenen gleichzeitig zu sozialer Gemeinschaftsarbeit zu erziehen. Sie haben in dem gleichen Sinne Stellung genommen zu dem Wirken in überparteilichen Massenorganisationen, sympathisierenden, insbesondere überparteilichen Frauenorganisationen. Nationale Tagungen der Kommunistinnen fördern die Bewegung in der gleichen Weise, selbstverständlich in Verbindung mit der kommunistischen Partei ihres Landes. Seit 1921 wirkten zwei internationale Frauensekretariate - das eine in Berlin für den Westen, das andere in Moskau für den Osten - für die feste Verbindung der kommunistischen Frauenbewegung der einzelnen Länder miteinander und mit der Leitung der Kommunistischen Internationale. Sie wurden nach dem V. Weltkongreß als Frauenabteilung der Exekutive vereinigt und ausgestaltet. Sie hat ihren Sitz in Moskau und ist mit ihrer Arbeit allen Abteilungen und Organen des Stabes der proletarischen Weltorganisation eingegliedert. Diese geht mit gutem Beispiel der Leitung der nationalen Sektionen voran.

Die internationale Einheitlichkeit der grundsätzlichen Einstellung und Organisation der kommunistischen Frauenbewegung stärkt die internationale Einheitlichkeit ihrer Aktionen, verleiht ihnen fortreißenden Schwung und durchhaltende Kraft. Der Aufruf führender Kommunistinnen zur Hungerhilfe für Sowjetrußland 1921 entflammte in allen noch kapitalistischen Staaten ungezählte Frauenherzen zu opferfreudigem, tatkräftigem Beistand. Der internationale kommunistische Frauentag des 8. März vereinigt von Jahr zu Jahr wachsende Scharen revolutionär aufbauender Frauen in der Sowjetunion, revolutionär vorwärtsdrängender Frauen in den kapitalistischen Staaten und Kolonial- und Halbkolonialländern in dem einen gemeinschaftlichen Bewußtsein ihrer unlöslichen internationalen Zusammengehörigkeit miteinander und mit ihren Brüdern für die Verwirklichung des befreienden Kommunismus. Wann immer nationale kommunistische Parteien im Zeichen der III. Internationale die Massen der Proletarier, der Werktätigen aller Schichten zum geschlossenen und entschlossenen einheitlichen Kampf aufrufen gegen imperialistische Kriegsgefahr, gegen bürgerliche und sozialdemokratische antibolschewistische Hetzkampagnen, die eine sowjetfeindliche Politik zur wirtschaftlichen Erdrosselung des ersten Staates der proletarischen Diktatur rechtfertigen, militärische Überfälle imperialistischer Mächte wider ihn vorbereiten sollen: da stehen in den vordersten Reihen Frauen bereit, ihre ganze Kraft für die Sache der Revolution und damit für ihre eigene Befreiung einzusetzen.

Werktätige Frauen haben allerwärts durch höchstes Helden- und Märtyrertum den großen revolutionären Wert ihrer Beteiligung an den Kämpfen ihrer Brüder in die Geschichte geschrieben - bei den Erhebungen der sozial und national Niedergetretenen und Ausgesogenen in Bulgarien, Rumänien, Jugoslawien, bei dem Ringen industrieller, ländlicher, intellektueller Werktätiger mit Faschismus und Terror in Italien, Polen und anderen Staaten; bei dem Riesenkampf der Bergarbeiter in Großbritannien; bei dem revolutionären Vorstürmen von Arbeitern, Bauern, Kleinbürgern und Akademikern gegen nationale und soziale Knechtschaft in China, Indien, Indonesien, Indochina, Südwestafrika und anderen Gebieten imperialistischer Ausplünderung; bei Streiks und Aussperrungen jeder Art und überall, in denen die Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen nicht selten beispielgebend vorangingen; bei harten Auseinandersetzungen um sozialpolitische Maßnahmen, politisches und kulturelles Recht der Habenichtse und anderes mehr. Stets und allerorten, wo die Frauen aktiv in das Geschehen eingriffen, wurde ihre Kampfentschlossenheit und Kampffreudigkeit durch das Bewußtsein internationaler Verbundenheit erhöht, auch wenn diese nicht in den Taten zum Ausdruck kommen konnte. Die revolutionäre Ideensaat der kommunistischen Frauenbewegung keimt, schießt in die Halme.

Starke und wohlgeschulte Bataillone, ja eine ganze stattliche Armee stellen die organisierten Genossinnen in der Sowjetunion der kommunistischen Frauenbewegung. Es ist wahrlich mehr und Wertvolleres als nur ihre zahlenmäßige Stärke und ihre Machtstellung als Gleichberechtigte im Staate der proletarischen Diktatur und der ihn führenden russischen Kommunistischen Partei, was sie ihr zubringen. Es ist der reiche Schatz ihrer Erfahrungen als revolutionär Kämpfende in der Periode der Eroberung und der Behauptung der Staatsmacht durch das Proletariat; als Mitarbeitende in der Zeit des Gebrauchs der Macht zum sozialistischen Aufbau; als Miterweckende und Miterziehende der proletarischen und bäuerlichen Massen - insbesondere der werktätigen Frauenmassen - in beiden aufgaben- und verantwortungsreichen Perioden. Es versteht sich, daß diese Erfahrungen für die kommunistische Frauenbewegung außerhalb der Sowjetunion keine gedankenlose, sklavische Nachrederei unter anderen geschichtlichen Verhältnissen als dort bedeuten, wohl aber eine Fülle fruchtbarer Anregungen und Hinweise übermitteln. Ein unversiegbarer Born revolutionärer Kraft und Erhebung ist für die internationale kommunistische Frauenbewegung das glänzende persönliche Vorbild der Freiheitskämpferinnen des Roten Oktober, der Blockadezeit, des Interventions- und Bürgerkrieges, ist das nicht minder heroische Beispiel der sozialistisch Aufbauenden von heute. Die Kommunistinnen aller nichtsowjetischen Länder können von ihnen lernen, wie man für die Revolution stirbt und - was oft noch schwerer ist - für die Revolution lebt.

Zusammen mit der III. Internationale zieht die kommunistische Frauenbewegung ihre Kreise über den Erdball. Sie lebt und wirkt nicht nur in Kanada und den Vereinigten Staaten, in Mexiko und den Ländern Mittel- und Südamerikas, in Südafrika und Australien. Sie revolutioniert auch Massen von Frauen im Nahen und Fernen Osten; Frauen, die, durch jahrtausendealte wirtschaftliche und soziale Lebensformen gekettet, die Versklavtesten der Geschlechtssklavinnen sind. Gewiß, der dort eingebrochene kapitalistische Handel und die in manchen jener Länder aufkommende kapitalistische Produktion haben mit ihren Auswirkungen zum Entstehen einer bürgerlichen Frauenbewegung geführt, die bemerkenswerte Erfolge errungen hat. Jedoch von dem bürgerlichen Wesen und den bürgerlichen Zielen dieser Bewegung abgesehen, ist sie nicht erweckend, emporreißend in die Tiefen der Gesellschaft gedrungen, es hat ihr deshalb der Schwung umfangreicher Bewegungen und höchster Zielsetzungen gefehlt. Im ziel- und wegweisenden Leuchten des Sowjetsterns entsteht in den Ländern des Orients im Zusammenhang mit kommunistischen Parteien eine kommunistische Frauenbewegung, die zumal in China Scharen von Proletarierinnen, Bäuerinnen wie auch zahlreiche studierte Frauen und Kleinbürgerinnen zu todesmutigen revolutionären Kämpferinnen erhebt. Am internationalen kommunistischen Frauentag 1927 trat für die Provinz Hubee eine Frauenkonferenz zusammen, die ihr Aktionsprogramm mit der Erklärung einleitete: "Die Revolution ist der einzige Weg zur Befeiung der Frau."

Anerkennenswert ist die Entwicklung, sind die Leistungen der kommunistischen Frauenbewegung. Erfolge dürfen nicht berauschen, sie verpflichten. Es wäre des Kommunismus unwürdig, wollten seine organisierten Vorkämpferinnen ihr Werk unter den Frauenmassen des Proletariats, der Werktätigen an dem Erreichten messen und nicht an der Größe und Bedeutung der Aufgaben, die ihnen die Periode des niedergehenden Weltkapitalismus und der begonnenen, unaufhaltsam weiterreifenden proletarischen Weltrevolution stellt. Die Trägerinnen und Träger der kommunistischen Frauenbewegung dürfen diese nicht sehen, wie sie sein soll, sie müssen sie so erblicken, wie sie ist. Von ihrer Entwicklung und ihrem Wirken in der Sowjetunion abgesehen, ist sie in beiden Beziehungen noch schwach. Fast in allen nationalen Sektionen der Kommunistischen Internationale erweisen die Zentralleitungen und die ihnen unterstehenden Organe noch immer ungenügendes Verständnis für die Notwendigkeit und den Wert der Beteiligung werktätiger Frauenmassen am revolutionären Klassenkampf des Proletariats, für die geschichtlich gegebenen Bedingungen dieser Beteiligung. Wo der imperialistische Kapitalismus herrscht und ausbeutet, hat die kommunistische Frauenbewegung die Gewalten seiner Wirtschaft, seines Staates, seiner Gesellschaftsordnung gegen sich, dazu die schärfste, skrupellose Konkurrenz der bürgerlichen und der sozialdemokratischen Frauenbewegung. Sie ist noch jung, und aus geschichtlich begreiflichen Gründen kommen in ihr die Schwächen und Fehler der kommunistischen Parteien der einzelnen Länder besonders stark zum Ausdruck.

Diese und andere hindernde Umstände raschen und gewaltigen Aufschwungs der kommunistischen Frauenbewegung entmutigen nicht, im Gegenteil, sie spornen zu höchster Willens- und Kraftentfaltung an. Mit leninistischer Gewissenhaftigkeit wird sie an Hand des dialektischen Materialismus die Bedingungen ihres Reifens und Wirkens untersuchen, wird sie sich dank festgegründeter theoretischer Erkenntnis erfolgreiches praktisches Handeln sichern. Lernend, arbeitend, kämpfend wird die kommunistische Frauenbewegung die sich ihr entgegenstürmenden Hindernisse und Schwierigkeiten bezwingen. Ihren Anspruch auf Gleichwertung der Frauen als Kräfte der Revolution, des Kommunismus wird sie durch Taten erhärten. Von besonderer Bedeutung dafür ist, daß die organisierten Kommunistinnen die Fehler und Mängel ihrer theoretischen und praktischen Einstellung niederringen, daß sie eifrigsten, verständnisvollen Anteil nehmen an der Überwindung der Fehler und Mängel, die den Entwicklungsprozeß der nationalen Sektionen zu führenden Massenparteien des revolutionären Proletariats begleiten. Vor der kommunistischen Frauenbewegung steht das anfeuernde Beispiel des ersten Staates der proletarischen Diktatur, der in seiner Verfassung die volle Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts festlegt, der diese Gleichberechtigung durch Einrichtungen und Maßnahmen für die berufliche und allgemeine kulturelle Bildung und Betätigung der werktätigen Frauen, durch weitreichende soziale Fürsorge für Mutter und Kind und andere grundlegende Neuerungen sichert. Sie wird getragen und vorwärtsgetrieben von den Auswirkungen der objektiven Elemente, die trotz Stabilisierung und Rationalisierung unter der erbarmungslosen Herrschaft des imperialistischen Monopolkapitals das Ende der bürgerlichen Gesellschaftsordnung beschleunigen. Mit den sich organisierenden, revolutionär kämpfenden Ausgebeuteten aller Staaten und Gebiete kapitalistischer Macht erweist sich auch die kommunistische Frauenbewegung als ein subjektiver Faktor des Umsturzes, der Verwirklichung des Kommunismus. Als ein solcher muß sie die werktätigen Frauenmassen der revolutionsfeindlichen bürgerlichen und sozialdemokratischen Frauenbewegung entreißen. Nicht die zahlenmäßige Stärke allein, mit der jene sich brüsten, bedeutet gesellschaftsumwälzende, befreiende Kraft. Von entscheidendem geschichtlichem Wert ist die richtige Einschätzung der gesellschaftlichen Entwicklung und der für ihr Ziel entfesselten Energien des Willens, der Tat. An diesen geschichtlichen Werten ist die junge kommunistische Frauenbewegung den beiden gegenrevolutionären Bewegungen, ja allen Gewalten der bürgerlichen Gesellschaft bei weitem überlegen. Diese Erkenntnis, durch Taten veranschaulicht, wird die proletarischen, die werktätigen Frauen lehren und um das rote Banner sammeln. Als frauenbefreiende Kraft wird der Sieg der Revolution auch das Werk der kommunistischen Frauenbewegung sein.


 
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