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Die IG-Metall-Tarifkommission Baden-Württemberg empfiehlt eine Forderung von 6,5 bis 7 Prozent. Ähnliche "Hausnummern" sind auch anderswo zu erwarten. Das Umfeld scheint günstig - alle reden vom "Aufschwung".

"Aufschwung" für wen? Überschriften eines einzigen Tages: "VW Porsches Goldgrube - Gewinn im ersten Geschäftshalbjahr verfünffacht" oder "Bestes BMW-Jahr - Rekorde bei Absatz, Umsatz und Gewinn" (Neue Osnabrücker Zeitung/NOZ, 27. 1. 2007). Da äußern auch die Kanzlerin und ihr Vize, BILD und selbst Gesamtmetall-Boss Kannegiesser schon mal Verständnis für den Wunsch der Beschäftigten nach mehr Lohn.

Doch auch 2007 werden die Bosse uns nicht einen Cent freiwillig geben. Monopolistische Großkonzerne machen Rekordgewinne - viele Klein- und Mittelunternehmen kämpfen mit großen Problemen. Oft sind das nur zwei Seiten einer Medaille - z. B. zwischen Autokonzernen und ihren Zulieferern. Nicht nur zwischen Profiten und Löhnen, auch bei den Profiten selbst geht die Schere auseinander. Dies wollen die Bosse nutzen und den Lohnkonflikt weiter in die Einzelbetriebe verlagern - z. B. mit "Einmalzahlungen, die abhängig gemacht werden können vom wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens" (Kannegiesser, NOZ, 2. 12. 2006). Dies Einfallstor zur Spaltung und Schwächung der Gewerkschaften hat die IG Metall 2006 akzeptiert - diesen "Erfolg" will Gesamtmetall ausbauen.

Einfallstor für Lohndumping sind auch die zunehmenden Fälle der Unterschreitung des Flächentarifs durch betriebliche Abkommen, mit oder ohne IG Metall. "Schutzgeld zahlen" für den Arbeitsplatz mobilisiert die Betroffenen nicht für den Tarifkampf - obwohl dieser ja gerade eine Gelegenheit wäre, sich etwas vom geraubten Lohn zurückzuholen.

Ein weiteres Problem: die Umsetzung des einheitlichen Entgeltrahmens für Arbeiter und Angestellte (ERA). Viele Metall- und Elektrounternehmen wollen die Neubewertung aller Arbeitsplätze zur Lohnssenkung missbrauchen (siehe UZ vom 5. 1. 2007). KollegInnen werden kaum für höhere Tarife streiken, wenn sie als "Überschreiter" wegen ERA jahrelang nichts davon haben. Ohne Widerstand gegen Billig-ERA kein Erfolg im Tarifkampf!

Auch 2007 wird die Kampf- und Streikbereitschaft der Arbeitenden darüber entscheiden, ob es nach jahrelanger Stagnation auch bei Löhnen und Gehältern einen "Aufschwung" gibt. Und mehr als jemals zuvor entscheidet die Kampfkraft jeder einzelnen Belegschaft in "ihrem" Betrieb, wie viel am Ende bei ihr ankommt. Nach wie vor gilt: Lohnfragen sind Machtfragen!


 
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  Kommentar zum Artikel von Kalle:
Sonntag, 04.02.2007 - 18:58

...mal abgesehen davon, daß Konkurrenzgewerkschaften zum DGB unter den derzeitgen Kräfteverhältnissen sowieso das Dümmste wäre, was man machen könnte...

Ich gebe meinen beiden Vorrednern vollkommen Recht.


  Kommentar zum Artikel von Stephan:
Samstag, 03.02.2007 - 13:04

der Schwäche der Gewerkschaften, deren große Tiere über die paritätische Mitbestimmung und Hartz V (Bordellbesuche auf Betriebskosten) mehr oder minder korrumpiert sind, darf nicht den Blick verstellen: Ohne Gewerkschaft ist der Arbeiter in jedem Falle schlechter dran, ein Austritt, weil man mit den Kollegen von oben nicht mehr zufrieden ist, ist mindestens langfristig ein Schnitt ins eigene Fleisch. Und da es vollkommen illusorisch ist, neue Gewerkschaften zu etablieren, bleibt die Einheitsgewerkschaft als einzige Option - so bitter das in gewissen Momenten auch sein mag. Diese Momente sind zahlreicher geworden, nicht nur das Abwürgen der Arbeitskämpfe von Opel oder AEG. Trotzdem erledigen Gewerkschaftsgegner das Geschäft der Reaktion.

Unsere Möglichkeiten? Hinein in die Gewerkschaft und versuchen, sich durchzusetzen...