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    Das "Querfront“-Phänomen - also der Versuch, zwischen sich vorgeblich ausschließenden politischen Ideologien Gemeinsamkeiten zu finden, „linke wie rechte revolutionäre Potentiale zu verbinden“ und für „gemeinsames Vorgehen“ gegen angebliche „gemeinsame Gegner“ zu nutzen - ist so alt wie die Herausbildung revolutionärer Arbeiterparteien, gewann während des antifaschistischem Kampfes in der Epoche der Weimarer Republik an Zugkraft und ist heute in einem seit dieser Zeit nicht mehr gekannten Maß erneut zu beobachten - wir stehen heutzutage wieder eine Rechten gegenüber, die „antikapitalistisch“ auftritt und sich virtuos an einst originär „linken“ Parolen, Symbolen und Strategien bedient.

    Dieses Phänomen einzuordnen, seine Charakteristika zu bestimmen, die daraus drohenden Gefahren für die Linke aufzuzeigen und deutlich zu machen, was wir dem engegenzusetzen haben, ist das Anliegen des folgenden Artikels. Er soll den Auftakt für eine Themenreihe bilden, in der verschiedene Ausprägungen und historische wie aktuelle Versuche, eine „Querfront“ herzustellen, schlaglichtartig durchgenommen werden. Neben erklärten Vertretern der „Querfront“ und offen faschistischen Versuchen, in die Linke einzubrechen, wollen wir ebenfalls die möglichen Schnittstellen, an denen faschistische Kräfte an die Linke andocken, herausanalysieren. Nicht alles, was wir erwähnen, ist also automatisch schon „die Querfront“ – wohl aber drohen auch bei theoretischen Schwächen, populistischen Ansätzen und unreflektierten Aussagen „gutmeinender Linker“ Gefahren.

    Analyse und Bekämpfung der „Querfront“ ist eminenter Teil antifaschistischer Tätigkeit. Gerade deswegen ist dies überfällig und wichtig, heute mehr denn je.



    I. historische Wurzeln und heutige Paralellen

    „Querfront“-theoretische Ansätze gehen von links wie von rechts aus. Originäres Interesse an der Aufweichung linker Positionen, am Eindringen, an der Zersetzung und schlußendlich an der (physischen) Eliminierung der Arbeiterbewegung hat jedoch die (faschistische) Rechte; von Links bestehen allerdings Schnittmengen, die solches Vorgehen überhaupt erst ermöglichen: genau dort, wo die bewußte Arbeiterklasse ohne politische Führung den Klassenkampf aus dem Blick verliert. Die politische und zum Teil auch ökonomische Korrumption von Teilen der Arbeiterklasse durch den Sozialdemokratismus und dem daraus resultierenden Verlust der durch Klassenkampf und Systemüberwindung zu erreichenden Ziele ermöglicht es rechten Querfrontstrategen, an die Linke anzudocken. „Querfront“ ist also, kurz gesagt: der Versuch faschistischer Kräfte, unter Ausnutzung theoretischer Schwächen in die Arbeiterbewegung einzudringen, um diese zu zersetzen und schlußendlich zu vernichten.

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    © by Ernst-Thormann-Archiv Großbildansicht ernst_thormann_nazidemo1930_polizeischutz.jpg (90.7 KB)
    Arbeiterfotograf Ernst Thormann, ca. 1932: die faschistische SA demonstriert in Berlin-Neukölln unter Polizeischutz. So weit her war es mit dem "revolutionären Element" der Nazis heute wie damals nicht, dass man auf die Schützenhilfe eines parteiischen Staates verzichtet hätte.
    Der Hintergrund dafür ist in der Verschärfung der Klassenwidersprüche und im Anwachsen der revolutionären Arbeiterbewegung zu suchen: spätestens seit Ende des ersten Weltkrieges wurde die klassenkämpferisch orientierte, revolutionäre Linke in Form der Weimarer KPD zu einer nicht mehr ignorierbaren Größenordnung.
    Diese „Gefahr von Innen“ für das kapitalistische System und die als Bedrohung verstandene Existenz einer realen Systemalternative in Gestalt der erstarkenden UdSSR auf der einen; die Schwächung des deutschen Imperialismus durch die große Niederlage im innerimperialistischen Verteilungskrieg 1914-18 auf der anderen Seite machten neue Methoden nötig, um die Herrschaft der Bourgeoisie zu sichern und die Revanche für die Niederlage 1918 vorzubereiten.
    Die Paralysierung der deutschen Arbeiterbewegung war der dafür nötige Zwischenschritt – die „Querfront“-Konzeptionen sind ein Bestandteil dieser Strategie; sie wiedersprechen den anderen Methoden des Strassenterrors, des politischen Mordes und der physischen Liquidierung der Avantgarde der Arbeiterbewegung nicht, sondern ergänzen diese.

    1919-1933
    Von Seiten der Hitlerfaschisten wurden gezielt mit sozialdemagogischen Parolen, pseudo-"sozialistischen" Programmen und (verbaler) Berufung auf die Arbeiterklasse Versuche unternommen, den linken Massenparteien, also vor allem der KPD und der SPD, Boden zu entziehen und gleichzeitig das radikalisierte Kleinbürgertum zu vereinamen. Namen wie die der Gebrüder Strasser, des sog. „Röhm-Flügels“ und das lumpenproletarische Gehabe der faschistischen SA stehen hierfür. In der sog. „Konservativen Revolution“ während der Weimarer Republik wurden dafür die theoretischen Vorleistungen erbracht: Arthur Moeller van den Bruck, Oswald Spengler, Ernst Jünger und der sog. „TAT-Kreis“1 entwickelten neben originär faschistoiden Positionen auch die Hinwendung zur „proletarischen Nation“, die Verherrlichung der „schwieligen Faust“ und verschiedene Volksgemeinschafts-Konzeptionen. General Schleicher versuchte, durch Einbindung der Gewerkschaften und der SPD (im Kampf gegen die KPD) eine „Querfront“-Regierung gegen die faschistische Konkurrenz der NSDAP zu etablieren; aber auch im NSDAP-Parteiprogramm wurde diese Strategie ebenso konsequent wie schwammig2 weiterformuliert: Neben dem bekannten Slogan „Brechung der Zinsknechtschaft3 (Gottfried Feder) fand auch die Forderung nach „Abschaffung des Bodenzinses“ und „Verhinderung jeder Bodenspekulation4 Einzug.

    Von Teilen der Linken wurden diese Strategien gelegentlich erwidert: schon 1918 entstand in Hamburg eine Gruppe, die sich „Nationalkommunisten“5 nannte und – von der frühen KPD bis hin zu den antisemitischen, antikommunistischen Freikorps – eine Volksgemeinschaftspolitik anstrebte. Die Konzeptionen des sog. "Nationalbolschewismus"6, also der Absage an die internationalistische Dimension des proletarischen Befreiungskampfes, sollte angeblich vorhandenes "revolutionäres Potential" bei der äußersten Rechten dienstbar machen. Ernst Niekisch7, Karl Radek und verschiedene, meist unbedeutend gebliebene Gruppierungen wären in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Auch wenn sich die organisierte Arbeiterbewegung als am wenigsten anfällig für die Annäherungen der Raffinierteren unter den Faschisten erwies, ist in der insgesamt als erfolgreich zu betrachtenden sozialdemagogischen Politik der Faschisten einer der Gründe für die Niederlage von 1933 zu suchen.

    Heute, wo wir wieder ähnlichen Parolen von rechts ausgesetzt sind, fehlt eine starke KPD, die den Klassenkampf gegen die Sozialdemagogie setzen könnte. Wir begegnen der modernen „Querfront“ bei den Versuchen z.B. der NPD, mit der Thematisierung der „sozialen Frage“ auf der Straße zu punkten; bei der Einreihung strammer Faschisten unter einst „linke“ Slogans, Parolen und Symbole; in der Überschneidung (und gelegentlichen Deckungsgleichheit) von sozialen Forderungen nach „Börsenertragsbesteuerung“, „Standortsicherung“ oder „Spekulationsbekämpfung“.

    die PDS ist die einzig bekannte Partei, die sich gegen die neoliberalistische Globalstrategie wendet. Man kann feststellen, dass die Masse der Mitglieder [...] national orientiert und der Meinung ist, dass das internationale Finanzkapital über die regierenden Systemparteien an der Zerstörung von Sozialstaat und Kultur arbeitet.“

    Prof. Michael Nier im neofaschistischen Organ "Nation+Europa".

    in den kommenden Jahren werden sich neue politische Strukturen bilden, durch die sich zwar auch gegensätzliche Interessenfronten ziehen werden. Jedoch wird die Bewahrung des Landes gegen die Weltherrschaft der anglo-amerikanischen Milliardärsgruppen das entscheidende politische Einigungsziel bilden.“

    Wieder Michael Nier - diesmal im "Neuen Deutschland".8
    In der BRD begann dies nicht erst in den letzten Jahren, sondern bereits in den Sechzigern, als die kleinbürgerlich dominierte sogenannte „Studentenrevolte“ in Teilen auf nationale Parolen kippte: gegen die „Fremdherrschaft“ über das „besetzte Deutschland“ durch die „raumfremden Mächte“ USA und UdSSR; in der reaktionären Forderung nach „Wiedervereinigung“, also Auslöschung der DDR; in der unreflektierten und nicht wissenschaftlichen aufgearbeiteten „Völkerbefreiung“, unter die en passant auch das „unterdrückte Volk“ der BRD subsumiert wurde.

    1953-1968
    Das Verbot der FDJ 1953 und der KPD im Jahre 1956 erleichterte nicht nur dem bürgerlichen Staat die Verfolgung und Zerschlagung der organisierten revolutionären Arbeiterbewegung, sondern nahm den entstehenden, kleinbürgerlich dominierten Protestbewegungen die Möglichkeit, an die organisierte Arbeiterschaft Anschluß zu finden und den gemeinsamen Kampf - um nachholende bürgerlich-demokratische Reformen; Solidarität (trotz aller berechtigten oder unberechtigten Kritik) mit den sozialistischen Ländern und systemüberwindende, sozialistische Konzeptionen - zusammen zu führen. Das Fehlen einer kommunistischen Partei machte sich nicht nur in mangelnder Verbindung der protestierenden Studenten und bürgerlichen Demokraten mit der werktätigen Bevölkerung bemerkbar, sondern führte auch theoretisch aufs Glatteis: dies gipfelte in Slogans wie „Deutschland dem deutschen Volk9, mit dem die damalige KPD/ML in den Siebzigern Politik machte und anderen, teilweise extrem nationalistischen Parolen - wie der Aufforderung, zum Kampfe gegen die DDR und UdSSR aktiv und bejahend in der Bundeswehr tätig zu werden - weiterer Zerfallsprodukte der bürgerlich-demokratischen Revolte.

    Neben den vielfachen Formen internationaler Solidarität, sei es mit dem kämpfenden Vietnam, den antikolonialen Bewegungen Afrikas oder den Revolutionen in Südamerika, herrschte bei vielen Beteiligten der "Revolte" grundsätzliche Konfusion in der "deutschen Frage": die als Kritik am "Realsozialismus" verstandene militant antikommunistische Haltung gegenüber der DDR, der Ruf nach "Abzug der Besatzungsmächte" in West wie Ost und die "Wiedervereinigung" war für die unwissenschaftlich-kleinbürgerliche Grundhaltung der „68er“ oftmals symptomatisch. Wenn ein damaliger „Kopf“ der Bewegung wie Bernd Rabehl heute seinen verstorbenen Freund Rudi Dutschke und die „antiautoriäre Bewegung“ grosso modo zu den „Nationalrevolutionären“ rechnet10 und auch ein Faschist wie Horst Mahler keinerlei Widerspruch zwischen seiner einstigen Tätigkeit als RAF-Anwalt und KPD/A0-Anhänger und seiner Tätigkeit für die NPD und heutigen geschmacklosen antisemitischen Ausfällen sieht ist dies sicher nicht repräsentativ - allzu oft vergessen wird dabei jedoch, dass es tatsächlich Anknüpfungspunkte gab und gibt: gerade auch im Falle des heute beinahe verklärt gesehenen Rudi Dutschke, der zeitlebens gegen den DDR-"Realsozialismus" kämpfte und die deutsche Wiedervereinigung und "Klärung" der "deutschen Frage" als Ziel sah. 11 Um dies zu erkennen, muss man nicht auf rechte Milchbrüder wie Bernd Rabehl hören, der mit seiner Behauptung, Dutschke sei immer in erster Linie "Nationalrevolutionär" gewesen, deutlich zu weit geht. Doch Rudi Dutschke machte in seinen späteren Jahren, seiner Paktiererei mit Herbert Gruhl und Werner Haverbeck, selbst mehr als deutlich, wohin theoretische Konfusion (insb. in Dutschkes Kritik am "Realsozialismus" und "Leninismus") führen kann.

    1970-1989
    Die sich gegen "Nato-Doppelbeschluß" und sowjetische "SS-20" richtende "Friedensbewegung" der 80er Jahre, die anfänglich ihre wahlpolitische Heimat ebenfalls meist bei den "Ökopaxen", den "Grünen", sah, bewegte sich in ähnlichem Kielwasser: das Problem, die zunehmende Militarisierung der Gesellschaft, wurde oftmals einseitig bei den feindlich positionierten "Supermächten" verortet, die man aus Deutschland nur herausschmeißen müsse, um so nicht nur die Wiedervereinigung zu bewältigen, sondern auch die "raumfremde Dominanz" über Deutschland zu beseitigen. Die Analyse der im imperialistischen System eminent angelegten Gewalttätigkeit, die vor 1989/90 in der BRD sicherlich längst nicht so ausgeprägt vorhanden war wie heute, dennoch aber kaum verborgen blieb, spielte in den Hauptströmungen der "Friedensbewegung" nie eine wesentliche Rolle. Das grandiose Scheitern sollte sich rund 15 Jahre später zeigen, als einige der ehemals an der "Friedensbewegung" der 80er beteiligten Personen als Verantwortliche an den Schaltstellen des Staates den ersten regulären Krieg Deutschlands nach 1939/45 vom Zaun brachen.

    Die „neurechte“ Zeitschrift „Nation+Europa“ frohlockte zu Beginn der 80er Jahre, „die Rechte sollte sehr aufmerksam verfolgen, wie sich der Linksnationalismus entwickelt und sie sollte von ihm lernen“. Gemeint war die entstehende Friedensbewegung und die Gründung der „Grünen“, in deren Reihen sich – von Anfang an – alte wie neue Rechte tummelten. Unter den Forderungen nach „Beendigung des Besatzungsstatus’“ und „Souveränität“ für (Gesamt-)Deutschland; aber auch in der untergründig mitschwingenden „Blut-und-Boden“-Romantik einiger Grüner sahen „Linksnationale“ wie „Nationalpazifisten“ die Möglichkeit, gemeinsam mit der originären Rechten das „Verhältnis zur Nation“ neu auszuloten. Zentrale Forderungen waren „Abzug fremder Truppen aus beiden deutschen Teilstaaten“ und „Wiedervereinigung“. In Figuren wie dem DDR-Dissidenten Rudolf Bahro, der offen ins Lager des esoterischen Faschismus wechselte und einen „grünen Hitler“ und die „Miterlösung“ Hitlers durch eine kommende „grüne Revolution“ forderte12, und Rainer Langhans, einstigem „Kommunarden“ aus der Frühzeit der 68er, der Hitler als verhinderten „spirituellen Führer“ und den Faschisten an sich als „jemand, der was wirklich Gutes wollte“ verstand13 und eine faschistisch-religiöse Renaissance einforderte: „Wir müssen dieses Erbe von unseren Eltern übernehmen, nicht im Sinne dieses braven, ausgrenzenden Antifaschismus, sondern im Sinne einer Weiterentwicklung dessen, was da von Hitler versucht wurde.“14, delirierten die einstigen linken Vorzeigeköpfe dem ganz gewöhnlichen, metaphysisch überhöhten Faschismus entgegen.

    nach 1989
    Seit der Annexion der DDR erlebt der Drall vieler einst (mehr oder weniger) Linker nach Rechts eine neue Beschleunigung. Nach Willy Brandts einleitenden Worten „jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört“, nehmen sich auch viele ehemals in der Linken herumgereichte Gestalten neue Frei- und Frechheiten heraus: da wäre Wolf Biermann, der nach seiner Einweisung in die BRD zur links-kleinbürgerlichen Ikone avancierte und nach Ablegen der - nun nicht mehr nötigen - Camouflage als "Systemkritiker von links" mit Ronald Schills gescheiterter Rechtspartei liebäugelte (als Begründung diente ihm deren harter Kurs gegen "die Kriminalität", unter der auch seine Kinder leiden würden..) und scheinheilig fragte: „ist das rechtsradikal?15
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    Ein sozialdemagogischer Slogan der faschistischen NPD - mit ähnlichen Sprüchen gingen schon die Nazis auf Kleinbürgerfang
    Da wäre Martin Walser, der sich von der „Auschwitzkeule“ regelrecht erschlagen fühlt und mit sozialnostalgischen Parolen an die Gefühle von DDR-Linken appeliert, um der staatlichen Einverleibung eine nationale „Versöhnung“ zwischen Ost- und Westdeutschen folgen zu lassen.16

    Auf der anderen, rechten Seite wird seit 1990 ähnlich umgeschaltet: die Absetzung des dumpfen und wenig öffentlichkeitswirksamen Holocaustleugners Deckert als NPD-Vorsitzender und die neue Strategie des „Kampfes um die Straße“ mit Hinwendung zu „sozialen Themen“ und Slogans wie "Nicht Kapitalismus! Nicht Kommunismus! Für deutschen Sozialismus" hat der NPD nicht nur den rechten Rollback des ehemaligen DDR-Gebietes ermöglicht, sondern der ehemaligen Hinterzimmer-Partei zudem noch eine breite, vorher allerhöchstens in kleinen „Kameradschaften“ organisierte Jugendbewegung erschlossen. Die (leider oftmals nicht verhinderte) Beteiligung von Faschisten an den neuen sog. „Montagsdemonstrationen“ gegen Hartz IV und die (ebenfalls oft erfolgreiche) Einreihung in die Anti-Irak-Kriegs-Demos 2003 sind nur der Ausdruck einer neuen „Querfront“-Strategie.

    Was es mit der „Querfront“ auf sich hat, wo ihre Denkmuster liegen, an welche Schnittstellen in der Linken sie andockt – und was für Gefahren von ihr ausgehen, soll die folgende Aufarbeitung klären.


    II. Definition "Querfront"

    Die "Querfront"-Konzeptionen sollen dabei klassenspezifische Funktionen erfüllen:
    • das Proletariat soll demoralisiert, vom Klassenkampf abgelenkt und schließlich in seiner organisierten Form zerschlagen werden. Das Ziel der "Querfront"-Konzeptionen ist der Einbruch in die Reihen der organisierten Arbeiterbewegung, um nach Möglichkeit den Massenrückhalt für die Herrschenden auch in der Arbeiterschaft auszudehnen - und gleichzeitig die revolutionäre Arbeiterbewegung bis aufs Blut zu bekämpfen;

    • das Kleinbürgertum soll unter scheinradikaler Phraseologie organisatorisch dem kapitalistischen Machterhalt dienstbar gemacht werden. Mit spezifischen Apellen an die Ängste und Hoffnungen des Kleinbürgertums, an seine klassenbedingte Tendenz zur Radikalisierung, soll einerseits der Einfluß der Arbeiterbewegung unterminiert; andererseits die Verankerung bürgerlicher Ideologien unter pseudorevolutionären Parolen vorangetrieben werden.

    Die "Querfront"-Konzeptionen weisen also zwangsläufig eine große Spanbreite an Themen und Zielen auf, da die Zielgruppen heterogen und in einigen Fragen antagonistisch positioniert sind. Es gehört zum Wesen faschistischer wie auch "querfront"-theoretischer Ansätze, auf alles eine "Lösung" feilzubieten - gezielt geschürte Ängste werden mit simplen, oft personalisierten Antworten bedient. Wie dies im Einzelnen vor sich geht, mit welchen Klischees und Stereotypen die verschiedenen "Querfront"-Theorien arbeiten und wo Verbindungen nach Links gesucht werden, sollen die folgenden fünf Kriterien, die unterschiedlich stark akzentuiert in nahezu allen historischen wie aktuellen „Querfront“-Theorien zu finden sind, verdeutlichen. "Querfront"-Konzeptionen arbeiten:

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    die "Volksgemeinschaft": sozialdemagogische Chimäre der Faschisten. Werbeplakat der "Deutschen Arbeitsfront" von 1934.
    1) mit verkappter Kapitalismus-"kritik" und sozialer Demagogie - einzelne Teile der gesetzmäßig verlaufenden kapitalistischen Entwicklung werden als kritikwürdig herangezogen, die Grundkonzeption des zwangsläufig immer wieder zu solchen Auswüchsen führenden kapitalistischen Systems jedoch nicht in Frage gestellt. "Raffendes und schaffendes Kapital" hieß das bei den Nazis, heute werden "Börsenspekulation", "ausländische Hedgefonds" und "Heuschrecken" kritisiert, ohne diese Phänomene als kapitalismusimmanent zu begreifen. Dazu stellte Lenin bereits 1914 fest: „Die Kapitalien der Banken teilt der Verfasser [Bankier Agahd] in „produktiv“ (in Handel und Industrie) und „spekulativ“ (in Börsen und Finanzoperationen) angelegte ein; dabei glaubt er von dem ihm eigenen kleinbürgerlich-reformistischen Standpunkt aus, man könne unter Beibehaltung des Kapitalismus die erste Art der Kapitalanlage von der Zweiten trennen und die Zweite beseitigen.“17
    Die Faschisten schreien nach der "Volksgemeinschaft" der „Versöhnung“ von Klassengegensätzen („Arbeit nur für Deutsche“ und der „Betriebsgemeinschaft“ als Volksgemeinschaft im Kleinen); manche Linke fordern (unsinnige, weil am Kern der Sache vorbeigehende) Besteuerungen von Börspenspekulationsgewinnen oder des internationalen Devisenhandels zwecks Eindämmung der „kurzfristigen Spekulation“18 oder gar "Abschaffung der Börse", um dem Kapitalismus die Hörner abzustoßen. Zur ökonomischen Unsinnigkeit dieser und ähnlich gelagerter Forderungen kommen wir noch; das Ziel ist jedoch klar: der Klassenkampf soll abgemildert, die Klassengegensätze versöhnt werden.

    2) mit Negierung des historischen Subjekts, der Arbeiterklasse. „Querfront“-Theorien kommen originär aus dem Kleinbürgertum; der im Kapitalismus tendenziell zerriebenen, ständig auf Aufstieg hoffenden und um Abstieg bangenden Zwischenklasse, die nach oben möchte, real aber aufgrund immanenter ökonomischer Gesetzmäßigkeiten proletarisiert wird.
    Dieser Widerspruch aus Wollen und Können erzeugt eine dem Kleinbürgertum eigene Radikalität, die in ihrer Zielrichtung massiv von den gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen beeinflußt wird: Ist die Arbeiterbewegung stark, schwenkt der progressive Teil des Kleinbürgertums – mit all seinen ökonomisch bedingten theoretischen Schwächen – nach Links; ist die Arbeiterbewegung schwach, richten sich die Kleinbürger tendenziell nach rechts. Hier greifen faschistische Kräfte ein, um (nicht nur bei einer erstarkenden Arbeiterbewegung) eine scheinradikale Alternative feilzubieten: mit Theorien, die speziell auf Ängste, Hoffnungen und Befürchtungen des Kleinbürgertums zugeschnitten sind wird eine pseudosoziale Gegenbewegung, die den Arbeiter im Worte und den Kapitalismus in seiner erbarmungslosesten Ausprägung in der Tat führt, etabliert.

    Der Klassenkampf ist zäher und länger als die Geduld der Kleinbürger, die zwar viele Feinde sehen, aber nicht die politökonomische Schulung besitzen, diese auf das kapitalistische System, dass sie zwangsläufig deplaziert, zurückzuführen. Bei ausbleibenden „Erfolgen“ wird die Arbeiterklasse zunächst beschimpft, nicht mehr ernst genommen, dann nicht mehr wahrgenommen. Sie verschwindet damit allmählich aus dem Bewusstsein vieler linker Organisationen. Was bleibt, ist der kleinbürgerliche Radikalismus.

    3) mit hemmungslosem Antiamerikanismus – also der Verortung des (weltweiten) Hauptfeindes in den USA, die als „Welthegemon“, „Sheriff“, „Besatzermacht in Deutschland“ oder Nervenzentrum einer „globalisierten“ Welt wahrgenommen werden. Die ökonomische Grundlage des Antiamerikanismus ist der Konkurrenzkampf der deutschen Monopole. Dabei sind Kleinbürgertum und Arbeiterklasse in unterschiedlicher Weise für den Antiamerikanismus empfänglich:
    • Die Sozialdemokratie wettert gegen „hire and fire“ und gegen „amerikanische Verhältnisse“. Im Zweifel wird das noch mit "Heuschreckenschwärmen"19 gespickt und unterfüttert. Der fortgeschrittenere Kapitalismus in den USA wird so (anstelle der einzig richtigen Orientierung auf den Hauptfeind im eigenen Land) als Schreckensvision für das auch hier Drohende inszeniert; die Gewerkschaftskollegen werden zu antiamerikanischen Chauvinisten erzogen.
    • Das Kleinbürgertum ist gegen die einzig verbliebene Supermacht, Todesstrafe, Weltölmonopole, den „Cowboy“ Bush; eben gegen alles, was der Spiegel und ähnliche Blättchen so hergeben. Auch hier dient der fortgeschrittene Kapitalismus als Zerrspiegel eigener Ängste, der (im Laufe des Kapitalismus tendenziell zwangsläufig) zunehmenden Marginalisierung des „Mittelstandes“, der in den USA viel rasanter fortschreitet als hier. Anstelle der notwendigen Verbrüderung mit der Arbeiterklasse wird Antiamerikanismus als Klassenkampfsurrogat für das Kleinbürgertum aufbereitet.
    • Die deutsche Groß- und Monopolbourgeoisie, die den Triumphzug des neuen deutschen Reiches gegen die imperialistische Konkurrenz inszenieren will (was erstmal nichts Erstaunliches ist; jeder Imperialist will die Weltherrschaft), sehen die USA als Hauptkonkurrenten. Der „Platzhirsch“ mit der derzeit größten ökonomischen, politischen und militärischen Macht wird von einzelnen Fraktionen der deutschen Bourgeoisie als Haupthindernis auf dem Wege der Durchsetzung eigener Großmachtsansprüche wahrgenommen – und dementsprechend auf allen Ebenen, die zur Verfügung stehen, bekämpft. Da die militärische Option (noch) nicht in Frage kommt, werden bevorzugt politische Mechanismen ausgespielt.

    Welche Motive im Einzelnen auch immer eine Rolle spielen mögen: Objektiv läuft all dies nur darauf hinaus, dem eigenen Imperialismus im Kampf um globale Dominanz Schützenhilfe gegen einen der Hauptkonkurrenten - die USA - zu geben.

    4) mit antisemitischen Verschwörungstheorien 20 - passend zu der halbherzigen und letzen Endes sozialdemagogischen Fixierung auf ausländische Imperialismen und einzelne Auswüchse des kapitalistischen Systems wird die Welt nahezu manichäisch schlicht interpretiert:
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    eine antisemitische Karikatur, die das gnostische Weltbild der Verschwörungstheoretiker illustriert: die "Zionisten" steuern den US-Imperialismus, der den Rest der Welt zu Marionetten macht
    wenige kapitalistische Zentren (in der Regel nur zwei: "Wallstreetkapital" und "weltweit agierende Zionisten" als Handlanger und/oder Auftraggeber der US-Börsen) unterjochen die gesamte Welt, und dagegen muss gemeinsam mit allen potentiell „revolutionären“ Kräften von links bis rechts vorgegangen werden.

    Dieser schlichten Schwarz-Weiß-Analyse stehen holzschnittartige Stereotypen beiseite: der fette Börsenkapitalist mit Frack und Zylinder, der auch den Karikaturen des "Stürmer" entsprungen sein könnte; der "Kindermörder" Israel, der eine "weltumspannende zionistische Verschwörung" inszeniert; der "Weltgendarm" USA, der - wahlweise als "kleiner" oder "großer Satan" im Bunde mit Israel - die Welt zu unterjochen gedenkt; der durch Hochfinanzspekulation ruinierte "fleissige Mittelstand"; die „ausländischen Hedgefonds“ als „Heuschreckenschwärme“, die über eben jenen Mittelstand herfallen; etc.
    Diese "moderne" Ausprägung ganz klassischer antisemitischer Stereotypen21 macht dabei im Grundsatz nichts anderes als ihre historischen Vorläufer: sie produziert Angst. Vor namenlosen, allmächtigen, überall verorteten Feinden, die - ganz nach der klassischen Propagandaformel - unter einen Nenner subsumiert und somit sicht- und angreifbar gemacht werden.

    Nicht zufällig augenfällig ist dabei Eines: mit derartiger Agitation wird das hiesige System nicht gefährdet. Der oder die Gegner sitzen woanders; in Jerusalem, in New York oder im Pentagon, bloß nicht in der BRD. Und damit kommen wir zum fünften Kriterium:

    5) mit Leugnung der Aggressivität oder des schlichten Vorhandenseins des deutschen Imperialismus. Deutschland wird als Vasalle des US-Imperialismus, als unterdrücktes und besetztes Land oder bestenfalls als kleiner, einflußloser Mitpokerer am großen Tisch der Mächte wahrgenommen, nicht aber als selbstständiger und selbstbewußter Akteur, der Interesse an globaler Machtausweitung hat. "Imperialismus" ist entweder zugunsten von "transnationalen Konzernen" und "Globalisierung" von der Tagesordnung gestrichen worden, oder nur noch in den USA (und Israel) anzutreffen - die BRD hingegen, die es genauso wie ihre historischen Vorläufernstaaten immer gut verstand, sich selbst als "antiimperialistische" Macht darzustellen, muss allerhöchstens (vom US-Einfluß) "befreit", nicht jedoch als imperialistisches System bekämpft werden. Folgerichtig wird mehr geschrieben und ist mehr bekannt über die (vergleichsweise wenigen) ausländischen Großkonzerne in Deutschland wie McDonals, Shell, Nestle oder Phillip Morris, statt sich mit den hiesigen Monopolen und Ihrer Expansion (insbesondere nach Ost- und Südosteuropa) überhaupt eingehend zu beschäftigen.


    III. Exkurs: die sozialen Funktionen von Antisemitismus und Antiamerikanismus

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    "Blut für Öl", ein alter Nazi-Slogan erlebt 2003 eine Renaissance: "Imperialisten", das sind immer die anderen...
    Hier kommen wir zur historischen Dimension der besonderen Aggressivität des deutschen Kapitals: der deutsche Imperialismus betrat die Weltbühne, als der Kuchen unter den bereits positionierten Großmächten weitestgehend aufgeteilt war; eigene Beute konnte also nur zu Ungunsten globaler Konkurrenten gemacht werden. Es war also durchaus in deutschem Interesse, sich selbst als "Freund der Völker" in der Befreiungsschlacht gegen den (US-amerikanischen, britischen oder französischen) Imperialismus hinzustellen. Genau so verfuhr nicht nur das deutsche Kaiserreich, sondern auch der Hitlerfaschismus: als "antiimperialistische" Kraft dienten sich die Nazis "Befreiungsbewegungen" in aller Welt an - um letztendlich selbst dort das Ruder zu übernehmen, denn wirkliche Befreiung war den Faschisten ferner als sonst irgendetwas.

    Der späte Eintritt in die Phase der bürgerlichen Nationenbildung und der ungünstige Startplatz beim globalen Wettlauf um den sonnigsten Platz auf Erden bedingen nicht nur den besonders aggressiven Charakter des deutschen Imperialismus gegenüber den imperialistischen Konkurrenten, sondern machten auch besondere Methoden nach innen nötig, um dennoch im globalen Wettrennen eine Positionierung zu erreichen. Deutschland etablierte sich erst 1871 als bürgerliche Nation, als in anderen Ländern wie England oder den USA schon erbitterte Klassenkämpfe tobten - in Deutschland waren zudem noch feudale Strukturen großen Ausmaßes in den Kapitalismus hinübergerettet worden, die der entstehenden Bourgeoisie, die auf ihrem Wege zur Macht eine Reihe von Niederlagen, vom Bauernkrieg bis 1848, einstecken musste und deswegen auf das Bündnis mit den überlebten Kräften des Feudalismus in Gestalt des Adels angewiesen war, Hemmschuhe anlegten22. Der Versuch, mit spezifisch deutschen Mitteln den inneren Klassenkampf abzumildern, um nach Außen umso geeinter und schlagkräftiger vorgehen zu können, fand seinen Weg von der Bismarckschen Sozialgesetzgebung über die Einbindung der Gewerkschaften mittels Betriebsräten bis hin zum "Volkgemeinschafts"-Schlagwort der Nazis: Burgfrieden nach innen, geeinte Aggression nach außen.

    Der (bis heute) nicht bewältigte feudale Ballast, unter dem die deutsche Bourgeoisie ächzt, und der schlechte Startplatz beim globalen Wettrennen, der der deutschen Bourgeoisie eine Art "Minderwertigkeitskomplex" einimpfte, fand sein Ventil im Antisemitismus: "Der Jude" stand für all das, was der deutschen Bourgeoisie versagt blieb: (angeblicher) ökonomischer Erfolg, (angeblich) nackte kapitalistische Effizienz, (angebliche) globale Macht. Das deutsche Judentum, unter der antijüdischen Gesetzgebung des Mittelalters in die damaligen ökonomischen Nischenbetriebe Handel und Zinsvergabe gedrängt, konnte in der Frühphase des Kapitalismus, der sog. "primären Akkukmulation", durch verfügbare Kapitalien schneller als die "christliche Konkurrenz" die entstehenden Möglichkeiten der neuen bürgerlichen Gesellschaft nutzen. Auch wenn dieser Vorteil nur für einen winzigen Bruchteil des Judentums und höchstens über eine Generation galt, zog er den aus alten Vorurteilen gespeisten Neid der deutschen "Mittelschicht", die unter feudalen Ständeordnungen, adligen Beamtenhierarchien und reaktionären Relikten vergangener Epochen ächzte, auf das Judentum. "Der Jude" war Sinnbild für all das, was der die deutsche Landschaft überrollende Kapitalismus an Negativem mit sich brachte: Wucherzinsen, Verarmung, Ausbeutung und Lohnversklavung; die Pauperisierung und Proletarisierung kleinbürgerlicher Schichten und "unfaire" Geschäftsmethoden - kurz: den "raffenden" Teil des Kapitalismus. Der Antisemitismus ist somit als besondere Form des Rassismus der Aufstand der Mittelmäßigkeit gegen das weiter Entwickelte, das Erfolgreichere. Er ist die Ideologie und Politik der zu spät und zu kurz Gekommenen.

    Der mittelalterliche Antijudaismus, der seine ökonomischen Ursachen in Politik des Klerus hatte, der katholischen Kirche aus Gründen der Macht- und Bodenakkumulation die Zinsvergabe zu verbieten, gleichzeitig aber aufgrund der spätfeudalen und frühkapitalistischen Explosion der Produktivkräfte auf Zinsverleiher – und damit auf die notgedrungen in diesem Bereich tätigen Juden - angewiesen zu sein, schlägt im 19. Jahrhundert in den Antisemitismus um. Eigen ist beiden Varianten, nicht aus vorgeblich religiösen, kulturellen oder anderen Differenzen zwischen „Deutschen“ und „Juden“ gespeist zu sein, sondern in beiden Fällen den pragmatischen Zielen der jeweils Herrschenden zu dienen: dem Erhalt und der Erweiterung ihrer Herrschaft.23

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    Die "Heuschrecken" kommen: unsägliche Karikatur auf der IG-Metall-Zeitschrift "metall"
    Zwischen Antiamerikanismus und Antisemitismus besteht dabei eine Art Wesensverwandtschaft und Wechselwirkung. In den USA, dem historisch wie heute immer noch fortschrittlichsten Land (nach kapitalistischen Maßstäben!), sieht die deutsche Bourgeoisie all das, was ihr abgeht: durch die historisch einmalige Entwicklung des nordamerikanischen Kontinentes, der zwar eine europäische Protobourgeoisie, nicht aber die alten feudalen Eliten importierte, konnte ein Kapitalismus etabliert werden, der in seiner Gestalt unter allen kapitalistischen Gesellschaften der Erde den geringsten feudalen Ballast, der gerade in Deutschland die freie Entfaltung der Produktivkräfte und die bürgerliche Nationenbildung nachhaltig hemmte, mit sich schleppen musste. Die USA werden gehasst und angegriffen, nicht nur weil sie globaler Konkurrent, sondern weil sie fortschrittlicher sind – im Antiamerikanismus wie im Antisemitismus kummulieren Ängste, Befürchtungen und Minderwertigkeitskomplexe der zu spät gekommenen deutschen Bourgeoisie und des Kleinbürgertums, das seine eigene Überflüssigkeit, drohende Marginalisierung und Proletarisierung im fortgeschritteneren Kapitalismus der USA erkennen kann.24

    Gemeinhin übersehen wird bei all den Versuchen, dem entfesselten Kapitalismus die schlimmsten Kanten abzuschleifen, dass all die "negativen" Seiten des Systems für alle beteiligten Akteure gelten; dass der triumphierende Kapitalismus alle vorhandenen Bindungen des Menschen zum Menschen - außer der nackten „baren Zahlung"25 - niederreißt; dass jeder Beteiligte zu dem wird, was die Greuelpropaganda als "Juden" zeichnet: jeder muss schachern, übers Ohr hauen, betrügen und mauscheln, wenn er im ökonomischen Kampf Erfolg haben will - und ein jeder tut es auch: kapitalistischer Handel an der Börse, steigender Einfluß der Banken und durch den tendenziellen Fall der Profitrate bedingter Ausverkauf der „Mittelschicht“, des Kleinbürgertums, sind zwangsläufige Erscheinungen des Kapitalismus, die sich nicht singulär beseitigen lassen. Diese "negativen" Seiten des Kapitalismus abzutrennen und nur die "positiven", also "schaffenden" Seiten - verkörpert durch den "etwas Praktisches, Anfasbares" erzeugenden "rheinischen Kapitalisten" vom Schlage eines Krupp oder Thyssen - zu akzeptieren, war der ideologische Reflex des Kleinbürgertums: Kapitalismus, ja, weil es nicht anders geht - aber handzahm, ohne Klassenkampf, ohne "Hochfinanz" und "Spekulation" - der "deutsche Sonderweg", mit Sozialstaat oder "Volksgemeinschaft".

    Dass die (faschistische, in den Querfrontkonzeptionen wieder auftauchende) Idee der widerspruchsfreien „Volksgemeinschaft“ ohne Klassenkampf den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten widerspricht und allerhöchstens temporär, durch Raub und Krieg finanziert, existieren kann, hat die Geschichte hinlänglich bewiesen. Kurz gesagt: die Aufteilung des Kapitalismus in "gut" und "böse" ist unsinnig - jeder Kapitalist ist immer auch Spekulant; jeder Produzent automatisch auch Händler; jede Bank immer auch Wucherer. Das ist Kapitalismus - und lässt sich nur beseitigen, wenn das kapitalistische System beseitigt wird. Alles andere ist Demagogie. Wohin die historischen Versuche - der "deutsche Sonderweg" der "Versöhnung" der Klassengegensätze - führte, wissen wir spätestens seit Auschwitz und Stalingrad.

    IV. rechte Sozialdemagogie und linke Schnittmengen

    Die soziale Demagogie des Faschismus, die mit "dem Juden" als Verkörperung alles Negativen am Kapitalismus das personifizierte Schreckbild im Kleinen und mit der „jüdisch-bolschewistisch-plutokratischen Weltverschwörung“ das Pendant im Großen zeichnet, erfüllt mehrere Funktionen:
    • der revolutionäre Unmut der verarmenden und ausgebeuteten Klassen der Gesellschaft, des Proletariats und insbesondere des für solche Theorien besonders empfängliche Kleinbürgertums, wird auf einen personalisierten Feind gelenkt: „der Jude“, oder das, wofür „der Jude“ stehen soll, als Metapher auf die „negativen Seiten“ des Kapitalismus, dient als Ersatzzielscheibe. Revolutionäre Bewegungen sollen dadurch geschwächt werden; „Burgfrieden“ zwischen den Klassen erreicht werden.
    • die (mittels „Querfront“ angestrebte) Aktionseinheit von linken und rechten Gruppen gegen angebliche gemeinsame Gegner – „Weltimperialismus“, „Globalisierung“ und „Unterjochung durch die USA / durch Zionisten“ - soll der organisierten Arbeiterbewegung das Genick brechen – zunächst durch Ablenkung vom Klassenkampf und antifaschistischer Aktionseinheit; in der Konsequenz durch physische Eliminierung.
    • Im weltweiten Kampf um globale Hegemonie wird der deutsche Imperialismus zum „Antiimperialismus“ gegen eine „Weltverschwörung“ gezeichnet. Mangelnde reale Einflußmöglichkeiten erleichtern dieses propagandistische Kunststück; der aufstrebende Konkurrent malt die positionierten Platzhirsche als „Imperialisten“, um seine eigene imperialistische Herrschaft – auf Kosten der imperialistischen Konkurrenten wie vorgeblich zu „befreienden“ Völker – etablieren zu können.

    Die „Querfront“-Konzeptionen schließen genau da an, wo der Sozialdemokratismus die organisierte Arbeiterbewegung aufweicht und der theoretische Verfall wissenschaftlicher Weltanschauung wie der Verlust einer kommunistischen Avantgarde den ideologiebildenden Part kleinbürgerlichen Kräften überlässt:
    • Der Sozialdemokratimus ist mit seiner reformistischen Politik der Klassenversöhnung direkt anschlussfähig an die Querfrontstrategie. Seine objektive Funktion ist es, die bewusste Arbeiterbewegung vom Klassenkampf fernzuhalten und zu zermürben; diese kann ohne kommunistische Führung den Klassenkampf nur bedingt führen. Die Sozialdemokratie ist somit besonders empfänglich für scheinkapitalkritische Stimmen, für etatistische Konzepte der “Hilfe von oben“ und der (bürgerlich-) staatlichen „Regulation“ im „Sinne der Gesellschaft“. Der „starke Staat“ spielt dann auch in den meisten „Querfront“-Konzeptionen die dominante Rolle des gesellschaftlichen „Versöhners“ und „Ausgleichers“ zwischen den Klassenwidersprüchen.
    • aus der Ablehnung „amerikanischer Verhältnisse“, dem Hoffen auf den „gerechten Staat“ und dem Griff nach tradierten deutschen „dritten Wegen“ resultiert eine Rückbesinnung auf „deutsche Werte“, die in den verschiedenen Formen des wiederaufkeimenden Nationalismus deutlich werden: vom „WM-Patriotismus“ über den sichernswerten „Standort Deutschland“ bis hin zum „positiven Heimatbekenntnis“ werden klassenneutrale „verbindende Elemente“ beschworen, um Deutschland vor dem „Kaugummi- und Kulturimperialismus“ der USA zu retten. Schon das Kommunistische Manifest lehrt: „die Arbeiter haben kein Vaterland“26. Der Versuch, im Kapitalismus eine „Heimat“ aller ansonsten sich ausschließenden Klassenstandpunkte zu schaffen, ist immer klassenversöhnlerisch und tendenziell brandgefährlich.
    • Von einer angeblich alle nationalen Schranken niederreissenden „Globalisierung“ über „transnationale Konzerne“ bis hin zum „US-Superimperialismus“ entstehen Erklärungsmuster in der Linken, die – wenn auch nicht automatisch der Querfront zuzuordnen – durchaus kompatibel sind mit ihren sozialdemagogischen Stereotypen. Festzuhalten bleibt: die inflationäre Verwendung des Imperialismusbegriffes („EU-Imperialismus“, „Globalisierungsimperialismus“, etc.) ist heute Mode – entweder sind überall Imperialisten, oder es gibt – außer den USA – gar keine mehr. Unter dem Banner des Kampfes gegen den US-Imperialismus kann sich, ohne ideologische Verrenkung, auch jeder Neofaschist einordnen.
    • die (jeder tatsächlichen Relation Israels als einem Land von der Größe Hessens mit der Einwohnerzahl Niedersachsens spottenden) ausgemachten „zionistischen Verschwörungen“ „im Weltmaßstab“ sind oftmals nur einen Steinwurf entfernt vom altbekannten Antisemitismus (und haben nichts zu tun mit einer Kritik an einer bürgerlichen Regierung eines kapitalistischen Landes - diese würde im Sinne der Arbeiterklasse, der israelischen wie der palästinensischen, argumentieren!). Natürlich ist nicht jeder, der Kritik an der Politik der USA oder Israels übt, deswegen der „Querfront“ zuzurechnen oder Antisemit. Wenn sich hinter „israelkritischen“ Losungen jedoch problemlos stramme Faschisten einordnen können, ist dies mehr als die oft unterstellte „Unterwanderung von rechts“ unter „an sich“ guten Parolen: Genau dann wird es kritisch, weil man mit Sicherheit davon ausgehen kann, dass die Hauptfeindfrage falsch gestellt wurde.
    • Ein verändertes Weltszenario, spätestens seit der Annektion der DDR mit einem widererstarkenden deutschen Imperialismus, erfordert spezifische Strategien, auf die die Rezepte der sechziger und siebziger Jahre nicht mehr automatisch passen. Die Losung des proletarischen Klassenkampfes – der Hauptfeind steht im eigenen Land – ist für viele Linke nicht mehr aktuell. Anstatt die Interessen Deutschlands zu analysieren und der eigenen Bourgeoisie die Niederlage zu wünschen und auf eben diese praktisch hinzuarbeiten, wird „das Böse“ in aller Welt, bevorzugt in den USA und seinem Verbündeten Israel, gesucht, bloß nicht im eigenen Lande.
    Die Entwicklung treibt die Arbeiterbewegung in Widersprüche hinein, die sie sich nicht aussuchen kann. Zu diesen Widersprüchen gehören die unterschiedlichen, einander oftmals widersprechenden und häufig wechselnden Interessen von Monopolfraktionen, die aus dem Windschatten des US-Imperialismus, der bis 1990 das Überleben des deutschen Imperialismus sicherte und dafür von der deutschen Bourgeoisie Solidarität erhielt, heraustreten. Die mit der einstigen absoluten Dominanz des US-Imperialismus verbundenen (verbalen) Bekenntnisse der deutschen Bourgeoisie, aus ihren historischen Fehlern gelernt zu haben, gehören ebenfalls der Vergangenheit an: der einstige Philosemitismus der BRD-Eliten, das bedingungslose Bekenntnis zur „transatlantischen Partnerschaft“, sind einem neuen Selbstbewußtsein gewichen, dass sich nicht nur in deutschen Soldaten um den halben Erdball, sondern auch in einer offeneren Sprache niederschlägt: Man „ist wieder wer“, hat Ansprüche und artikuliert diese auch.

    Und mit dem Widererstarken nicht nur der ökonomischen, sondern auch der politischen, diplomatischen und militärischen Kraft des deutschen Imperialismus holen uns die Schatten seiner Vergangenheit ein: soziale Demagogie, völkische Raumkonzeptionen, geostrategisch motivierte Selbstdarstellung als „Freund der Unterdrückten“ und Stilisierung des eigenen Imperialismus als „Friedensmacht“ (Schröder) gegen die Aggressionen der Anderen; kurzum: als „Antiimperialismus“.


    V. wie die „Querfront“ arbeitet und was wir ihr entgegensetzen müssen

    Für die an diesen Artikel anschließende Reihe, die Betrachtung exemplarischer Vertreter historischer wie aktueller Argumente der „Querfront“, sind die eingangs erwähnten Kriterien ausschlaggebend – wir gehen davon aus, in den allermeisten Querfrontkonzeptionen folgende Elemente (in durchaus sehr unterschiedlicher Gewichtung) wiederzufinden (die, wohlgemerkt, für sich genommen natürlich nicht automatisch eine „Querfront“ machen!):
    • der Gegner wird nicht im deutschen Imperialismus, sondern außerhalb Deutschlands gesehen - "Imperialismus" gebe es eigentlich, mit Ausnahme der USA, gar nicht mehr oder zumindest nicht in der BRD,
    • die BRD wird als harmloses, wirtschaftlich höchstens mittelmäßiges Anhängsel beschrieben, wenn nicht gar als „besetzt“ und von „Siegermächten“ oder „Zionisten“ tyrannisiert und in Abhängigkeit wahrgenommen,
    • der Kapitalismus wird nicht per se kritisiert, sondern nur in „besonderen Auswüchsen“ wie "Spekulation", "Wucher" oder "Hochfinanz" und "Börsen", die in erster Linie aus den USA nach Deutschland gelangen,
    • einzelne Elemente des Kapitalismus, „Globalisierung“, „Spekulation“ oder „Heuschrecken“, sollen „abgeschafft“ werden - und sollen angeblich auch singulär abschaffbar sein,
    • die Möglichkeit einer „Klassenversöhnung“ wird als machbar und anstrebbar betrachtet, Klassenkampf als "kontraproduktiv" verworfen; im Blick ist in erster Linie "das Volk", was immer das auch sein mag, also "die Deutschen", oder - klassisch faschistisch - "die Volksgemeinschaft",
    • „ethnopluralistische“ oder völkische Konzepte werden dem internationalen Klassenkampf entgegen gestellt; angebliche "den Völkern" innewohnende verschiedene Wertigkeiten oder kulturell, rassisch oder historisch bedingte Unterschiede zwischen den verschiedenen Nationalitäten würden internationale Verbrüderung unmöglich oder gar schädlich machen,
    • die Arbeiterklasse wird als revolutionäres Subjekt ignoriert oder negiert, statt dessen wird entweder vom revolutionären "Volksganzen" ausgegangen (insb. dann, wenn die BRD als "unterdrückt" wahrgenommen wird) oder von verschiedenen, kleinbürgerlichen, Elitekonzeptionen,
    • der „starke (Sozial-)Staat“ oder andere etatistische Konzepte werden als Allheilmittel gegen gesellschaftliche Widersprüche oder als Weg zu ihrer Versöhnung propagiert, um gesellschaftliche Ungleichheiten auszugleichen oder zu nivellieren - also ein irgendwie gearteter "Sozialismus", der auf reformistischem, nichtrevolutionärem Wege erreichbar sei,
    • mit Verschwörungstheorien und antisemitischen Klischees wird die Weltlage vereinfacht dargestellt, die verschiedenen, drohenden Gefahren werden simplifizierend unter einen gemeinsamen, personalisierten Nenner wie "US-Imperialismus" oder "zionistische Verschwörung" subsumiert.
    Verschiedene „Querfront“-Konzeptionen legen unterschiedliche Gewichtung auf diese Kriterien: neben vorgeblich in erster Linie ökonomisch argumentierenden Vertretern, die der politischen Weltlage offenbar wenig bis kein Augenmerk schenken, bieten andere Konzepte nur marginale ökonomische Aussagen, sondern operieren in erster Linie geopolitisch. Viele, gerade historische „Querfronttheoretiker“ ziehen darüber hinaus nicht die Schlußfolgerungen aus ihren Ideen. Wir wollen die logischen Konsequenzen aus verschiedenen „Querfront“-Ansätzen aufzeigen, die Vorbilder argumentativer Figuren enthüllen – und schlußendlich deutlich machen, was die wahren Anliegen der Linken, in Abgrenzung zu „Querfront“-Theorien, sein müssen.

    Wir gehen dabei von einigen Prämissen aus, die für unsere Betrachtung, Einordnung und Analyse verschiedener „Querfront“-Ansätze ausschlaggebend sind:
    • wir halten das kapitalistische System nicht für grundsätzlich reformierbar. Die Auswüchse des Kapitalismus können nicht durch kosmetische Korrekturen, Zurückschneidung einzelner besonderer „Übel“ oder Verkleisterung von Widersprüchen gelöst werden, sondern nur durch Abschaffung des Kapitalismus – durch eine proletarische Revolution und durch Sozialismus.
    • die Arbeiterklasse ist für uns als historisches Subjekt die einzige gesellschaftliche Kraft, die – im Bündnis mit anderen Klassen und Schichten – in der Lage ist, eine systemverändernde Rolle einzunehmen. Dazu gehört auch die Einsicht, dass eine revolutionäre Avantgarde die Arbeiterklasse im Klassenkampf anleiten und lenken muss.
    • Für uns hat die Analyse der Arbeiterbewegung, die den Hauptfeind in der Bourgeoisie des eigenen – imperialistischen – Landes verortet, nach wie vor Gültigkeit. Wir sind Feinde des weltweiten imperialistischen Systems und leisten unseren konkreten Betirag zu dessen Abschaffung durch Bekämpfung des eigenen Imperialismus. Dementsprechend bedeutet proletarischer Internationalismus für uns: Kampf dem deutschen Imperialismus.

    • Wir lehnen primäre Abarbeitung an Imperialisten anderer Länder als kontraproduktiv ab. Es ist nicht unsere Aufgabe, andere Imperialisten zu demaskieren oder zu stürzen; dies ist die Aufgabe der dortigen Arbeiterbewegung, mit der wir uns solidarisch sehen. Ihnen helfen wir am Effektivsten, indem wir den deutschen Imperialismus niederwerfen und damit das weltweite imperialistische System schwächen.
    • Wir verstehen unsere Arbeit als wissenschaftlicher Analyse im Sinne der Klassiker des Marxismus-Leninismus und bekämpfen spekulative Vermutungen, Verschwörungstheorien und vereinfachende, klischeehafte Welterklärungen. Grundlage unserer Analyse sind in erster Linie ökonomische und politische Kriterien, nicht aber Verschwörungsszenarien.
    • Wir verteidigen das Existenzrecht und die nationale Integrität der unterdrückten, abhängigen und nicht-imperialistischen Länder gegen die Attacken des deutschen Imperialismus. Also ist für uns auch das Existenzrecht z. B. des Staates Israel, das als nichtimperialistisches Land im Brennpunkt der Interessen verschiedener Imperialisten steht, kein Diskussionspunkt. Vorwürfe z. B. gegen Israel (oder gar gegen „die Juden“), internationale „Verschwörungen“ zu betreiben oder selbst „imperialistisch“ oder gar „faschistisch“ zu sein, lehnen wir als unwissenschaftlich ab – unser Hauptaugenmerk gilt den zwischenimperialistischen Widersprüchen und der Rolle des deutschen Imperialismus.
    • Wir gehen davon aus, dass Faschismus keine abgeschlossene, historische Phase ist, sondern jederzeit – in verschiedenen Ausprägungen - wieder drohen kann, solange wir im Kapitalismus leben. Faschistische Herrschaft ist die offenste, reaktionärste und gewalttätigste Form bürgerlicher Diktatur. Antifaschistischer Kampf ist eine Hauptforderung, um überhaupt politisch arbeiten zu können.

    VI. Warum „Querfront“-Theorien per se schädlich sind
    oder: Wenn die Front quer ist, wird das Ergebnis immer mindestens schief!


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    "Arbeiter der Stirn und der Faust" und die "Betriebsgemeinschaft" als "Volksgemeinschaft im Kleinen": der "nationale Sozialismus" braucht das "Führer- und Gefolgschaftsprinzip" auch im Betrieb, um so soziale Kämpfe der Arbeiter von Anfang an zu unterbinden und im Terror zu ersticken. Plakat zum ersten Mai 1938.
    Die historischen Konsequenzen des Scheiterns der deutschen Arbeiterbewegung im Abwehrkampf gegen den Hitlerfaschismus sind hinlänglich bekannt. Unter den vielfältigen Ursachen, die dafür ausschlaggebend waren, steht der Erfolg der sozialen Demagogie der Faschisten mit an oberer Stelle – den historischen Nazis ist es gelungen, breite Teile des Kleinbürgertums für sich zu gewinnen und (wenn auch nicht vergleichbar stark) in die Arbeiterklasse einzudringen. Die Spaltung der Arbeiterbewegung, die Paralysierung antifaschistischer Kräfte, das Ausbleiben von antifaschistischen Generalstreiks und massenhafter Sabotage haben den deutschen Faschisten nicht nur die Machtübernahme, sondern auch den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust an Juden, Sinti, Roma,. „Fremdvölkischen“ und Osteuropäerrn ermöglicht. Nur durch Terror und Diktatur, ohne Massenbassis, wäre dem deutschen Faschismus kein Krieg bis zum letzten Atemzug möglich gewesen.

    Der Erfolg der historischen Nazis ist also nicht zuletzt auch im Erfolg ihrer sozialen Demagogie zu suchen. Mit dem (verbalen) Eingehen auf Teile der Forderungen der Arbeiterbewegung, mit der Selbststilisierung als „Anwalt der kleinen Leute“, wie auch mit Korrumption von Teilen des Kleinbürgertums und der Arbeiteraristokratie, die durch Raub und Krieg finanziert wurde, banden die Nazis bis zuletzt nicht unbedeutende Schichten der Bevölkerung an sich. Dass dies gelingen konnte, liegt nicht zuletzt an der Camouflage der NSDAP als „Arbeiterpartei“ und Vertreterin des „ganzen Volkes“. Auch wenn nach der Machtübergabe 1933 viele Bestandteile der sozialen Demagogie über Bord geworfen wurden, wie sich dies in der Ausschaltung der faschistischen Opposition beim sog. „Röhm-Putsch“ zeigte, bedienten die Nazis während ihrer gesamten Herrschaft vielfältige Register sozialer Demagogie; darunter Slogans wie „Brechung der Zinsknechtschaft“, bessere Stellung der Bauerschaft („Erbhofbauern“), Auflösung (jüdischer) Monopole zugunsten des „Mittelstandes“ (so im Kampf gegen die – jüdischen – „Großwarenhäuser“) und Anderes mehr. Der Antisemitismus diente als Schmelztigel und Brennglas all dieser reaktionären, demagogischen Ideen.

    In den realen Ergebnissen der faschistischen Diktatur zeigte sich plastisch, wie wenig von diesen sozialdemagogischen Ansätzen durchgeführt werden konnte - oder wollte: Die Monopolisierung Deutschlands erlebte, nicht zuletzt durch Rüstungsboom und Weltkrieg, nie gekannte Ausmaße. Das Sterben des kleinbürgerlichen „Mittelstandes“ wie auch der kleinen und mittleren Bauernschaft schritt hemmungslos voran und erreichte im Falle der kleinen Bauernschaft unter dem Faschismus ihren historischen Rekord. Die Gewinne und Profite des Großbourgeoisie erreichte astronomische Höhen. Und nicht zuletzt wurde die halbe Welt in eine Katastrophe einmaligen Ausmaßes gestürzt.

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    Ein sozialdemagogischer Slogan der faschistischen NPD - mit ähnlichen Sprüchen gingen schon die Nazis auf Kleinbürgerfang
    Auch modernde Faschisten arbeiten mit den Stereotypen von Gestern – der „Volksgemeinschafts“-Konzeption, angeblichen (gegen Deutschland gerichteten) „Weltverschwörungen“, Forderungen nach Bekämpfung von „Spekulation“ und „ausländischen Hedgefonds“. Die Unzulänglichkeit – und mehr noch, Gefährlichkeit – dieser irregeleiteten Konzeption, den Feind irgendwo in der Welt zu suchen, wissenschaftlich-ökonomische Analyse durch Verschwörungstheorien zu ersetzen und dabei mit brandgefährlichen Klischees zu operieren, soll hiermit aufgezeigt werden. Faschisten geht es um die Eliminierung der Arbeiterbewegung als organisierte Kraft. Aus der Linken wird dabei nicht immer mit gebotener Wachsamkeit operiert; allzu oft wird Stimmungen in der Bevölkerung nachgegeben; auf angeblich vorhandene Massenströmungen aufgesattelt und mit politischen Parolen von vorgestern operiert, die mit der veränderten Weltlage nicht mehr in Einklang zu bringen sind. Oftmals aus Unkenntnis, falscher theoretischer Analyse, „gutem Willen“ oder auch gefährlicher Konzeptionen eines „Bündnisses rechter und linker revolutionärer Potentiale“.

    Uns muss klar sein, wenn wir tatsächlich aus den Fehlern der Vergangenheit lernen wollen: Jedwedes unreflektierte Eingehen auf "Massenstimmungen", situationsbedingtes Aufsatteln auf irgendwie vorhandenen "Unmut" und populistische Anbiederung an den Stammtisch kann keine Lösung sein. Die Arbeiterbewegung befindet sich in einer Phase der Defensive; nicht immer ist es einfach und leicht, sofort die richtigen Parolen und Analysen zur Hand zu haben. Wir leben dazu noch in einem Land, in dem die Kommunistische Partei nach wie vor verboten ist - und die Verbotsgesetze zur Not auch jederzeit mit voller Härte durchgesetzt werden können. Wir stehen gleichzeitig einer Erstarkung faschistischer Bewegungen gegenüber, die mit verschiedenen Kampfformen von links zu schöpfen sucht, gleichzeitig aber auch zu den alten Methoden des physischen Terrors zu greifen bereit ist. Das legt uns besondere Verantwortung auf und erzwingt genaue Analyse, feinfühliges Vorgehen und auch breite Bündnisarbeit - innerhalb der Linken.

    Es ist hoffentlich gelungen, die Gefahren zu verdeutlichen, die durch verschiedenste "Querfront"-Konzeptionen drohen: Wir haben nichts, rein gar nichts davon, um des kurzfristigen Erfolges oder Effektes willen mit verkappten Faschisten gemeinsame Sache zu machen oder uns ihnen verbal anzubiedern. Unsere einzige Möglichkeit liegt in der theoretischen Aufarbeitung der Geschichte der Arbeiterbewegung, der schöpferisch-wissenschaftlichen Umsetzung ihrer Lehren und den daraus praktisch zu ziehenden Resultaten:
    • antifaschistische Aktionseinheit der Linken,
    • Orientierung auf den Hauptfeind, den deutschen Imperialismus und
    • internationale Solidarität mit den weltweiten progressiven Kräften, um strategisch
    • die revolutionäre Überwindung des Kapitalismus hin zum Sozialismus zu propagieren.
    Es kann keine Gemeinsamkeit mit sozialdemagogischen, halbherzigen und rückwärtsgewandten Konzeptionen geben. Zusammenarbeit mit Faschisten, völkischen „Antikapitalisten“ und Querfrontkonzeptionen kann uns nur schaden. Unserem Ziel, die Linke voran zu bringen, um letztendlich die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen in die Geschichtsbücher zu verbannen, kommen wir nur näher, indem wir solche verkappt reaktionären Doktrinen demaskieren und mit allen zu Gebote stehenden Mitteln bekämpfen.

    Dieser Artikel ist eine Gemeinschaftsveröffentlichung der secarts.org-Redaktion und der secarts.org-AG Antifaschismus.



    Anmerkungen:
    1 Das seit 1909 erscheinende Monatsblatt „die Tat“ schwenkte unter dem Chefredakteur Hans Zehrer ab 1929 in das Fahrwasser der sog. „konservativen Revolution“ und verband die typische, halbherzige „Kapitalismuskritik“ mit Rufen nach nationaler Autarkie und einer großdeutschen Renaissance. „Die Zeitschrift ‚die Tat’ hat heute gerade unter den Intellektuellen der Mittelschichten einen starken Anhang. Er erklärt sich nicht nur daraus, daß der Tat-Kreis bewußt für die praktischen und ideologischen Interessen dieser Schichten eintritt, sondern auch aus seiner Kampfweise selber. Sie ist von einem Format, dessen die deutsche Intelligenz entwöhnt war“, urteilte der FZ-Journalist Siegfried Kracauer 1931.
    2 Das „Programm“ der NSDAP stammt aus der Frühzeit der Partei (beschlossen am 24.2.1920) und stellt ein Konglomerat der verschiedensten völkischen, chauvinistischen wie sozialdemagogischen Parolen dar – die vagen, kaum greifbaren Formulierungen sind Methode. Das „Programm“ verschwand schon in den 20er Jahren in der Versenkung und spielte in der weiteren Geschichte der Partei keine Rolle mehr; verschiedene spätere Anläufe, ein neues, ausführlicheres Programm zu formulieren, wie sie unter anderem von den Gebrüdern Strasser unternommen wurden, scheiterten immer am Widerstand der Parteiführung – zu groß war das Risiko, der politische Gegner könne die Nazis auf allzu konkrete Formulierungen festnageln. Hitler selbst ließ keinen Zweifel offen: die 25 Punkte seien „ein Werbeprogramm“, das „psychologisch richtig auf die Seele derjenigen eingestellt“ sein zu habe, „ohne deren Hilfe die schönste Idee ewig nur Idee bleiben würde“. (Adolf Hitler, Mein Kampf, S. 510).
    Das Programm sei „ein Flickwerk aus kleinlichsten sozialen Reformen, kleinbürgerlichen Utopien und nationalistischen Phrasen, aus liberalen, sozialreformistischen und feudalreaktionären Ideen zusammengeschustert“; nur zu dem Zwecke, um es „nach der Machtergreifung als Fetzen Papier [zu] behandeln“, schätzte die KPD denn auch richtig ein. (25 Punkte. Das Programm der NSDAP. Hrsg. von der Kommunistischen Partei Deutschlands, Berlin 1932, S. 5)
    3 „25-Punkte-Programm der NSDAP“, siehe: www.dhm.de/lemo/html/dokumente/nsdap25/index.html, Punkt 11.
    4 Ebenda, Punkt 17.
    5 Diese nationalistisch-prosowjetische Gruppe entstand um die späteren Mitbegründern der KPD, Dr. Heinrich Laufenberg und Fritz Wolffheim. Sie führten 1919 den Begriff des „Volksganzen“ ein; nach ihrer These müsste fast das gesamte deutsche Volk im Kampfe gegen das „Versailler Diktat“ und die „Verstümmelung des deutschen Volkskörpers“ revolutionär tätig werden - den marxistischen Begriff des Klassenkampfes lehnten sie ab. Laufenberg und Wolffheim wurden bereits im Oktober 1919 wieder aus der KPD ausgeschlossen.
    6 Der Begriff „Nationalbolschewismus“ geht auf Karl Radek zurück; einem zeitweise in wichtigen Funktionen der bolschewistischen Partei und der Kommunistischen Internationale tätigen Journalisten mit polnisch-deutsch-russischem Hintergrund. Radek versuchte, mit der auf dem 3. EKKI-Plenum (1923) gehaltenen „Schlageter-Rede“ (Schlageter war ein nationalistischer Freikorpsmann, der während der Ruhrebesetzung durch französische Truppen wegen Sabotage hingerichtet wurde) rechtes „revolutionäres Potential“ nutzbar zu machen – diese Linie setzte sich jedoch nie durch. 1937 wurde Radek im 2. Moskauer Prozeß zu 10 Jahren Haft verurteilt und maßgeblich von einem kriminellen Mitgefangenen 1939 erschlagen.
    7 Ernst Niekisch war 1919 Vorsitzender des Zentralen Arbeiter- und Soldatenrates der Räterepublik München und Mitglied erst der SPD, dann der USPD. In den 20er Jahren Mitbegründer des sog. „Hofgeismarer Kreises“, einem rechtssozialistischen Zusammenschluß, und als „Nationalrevolutionär“ tätig, strebte Niekisch, Antisemit und extrem frauenfeindlich eingestellt, in letzter Konsequenz ein völkisch-großdeutsches Imperium auf rassisch-volksgemeinschaftlicher Grundlage an. Den Marxismus kritisierte er als „geistigen Zwilling“ des Liberalkapitalismus, der ebenso materialistisch verdorben sei und sich nur an „wirtschaftlichen Gütern, Wohlstand und Lebensgenuss“ orientiere. Während des Faschismus wird er 1937 verhaftet, 1945 von der Roten Armee befreit und siedelt in die DDR über, wo er der KPD, später der SED und der VVN beitritt. Bis 1953 ist er als Professor für Soziologie in Berlin tätig; aus Protest gegen die Vorgänge 1053 legt er alle Ämter nieder, tritt 1955 aus der SED aus und flüchtet in die BRD. Dort erhält er „Wiedergutmachung“ von den Behörden und stirbt 1967.
    8 Michael Nier, Gesellschaftswissenschaftler aus Chemnitz und ehemaliger Professor für Marxismus-Leninismus(!) in der DDR, ist ein Reisender zwischen den Welten: in "Nation+Europa" empfiehlt er der faschistischen Leserschaft die PDS als wählbare Alternative; im PDS-Blatt "Neues Deutschland" prangert er unter der Überschrift "Amerikanisierung brutal" die "jahrzehntelange volksfeindliche Politik des transnationalen Kapitals" an (vergl. Jungle World 38). Nier war zwischenzeitlich auch mal als Mitglied in der NPD zu finden und verteidigte die faschistische Partei noch auf einem dem Verbotsprozess vorangehenden Kongreß gemeinsam mit Mahler, verließ die Nazipartei kurze Zeit später jedoch wieder, weil sie ihm auf einmal zu "antisozialistisch" eingestellt waren...
    9 Erklärung des ZK der KPD/ML zur nationalen Frage 1974
    10 Interview Gerhard Frey jr. mit Bernd Rabehl in der DVU-„National-Zeitung“.
    11 "Wenn Generationen jahrzentelang nichts anderes erlernen, als auf der einen Seite amerikanisiert zu werden und auf der anderen russifiziert zu werden, dann entsteht Geschichtslosigkeit, und Resultat dieser Geschichtslosigkeit ist, auch sich nicht mehr in dieser deutschen Misere wirklich zu verhalten..." Rudi Dutschke, Beitrag auf der Veranstaltung des "Langen Marschs", 7.7.1978 (zitiert nach Gretchen Dutschke: "Rudi Dutschke - wir hatten ein barbarisches, schönes Leben", Köln 1998).
    12 Rudolf Bahro 1987, zitiert nach Jutta Ditfurth, „Nachruf auf Rudolf Bahro“ in der Jungle World 51:„Kein Gedanke verwerflicher als ein neues anderes 1933? Gerade der aber kann uns retten. Die Ökopax-Bewegung ist die erste deutsche Volksbewegung seit der Nazibewegung. Sie muß Hitler miterlösen.“
    13 Fernseh-Magazin Panorama des NDR, „Von Mao zu Hitler“, Sendetermin 2.9.1999, Zitat Langhans: „Wir müssen die besseren Faschisten sein, denn der Faschist ist in meinen Augen jemand, der erstmal natürlich das Himmelreich auf Erden holen wollte, also der wirklich was Gutes wollte. Also unter dem Gesichtspunkt ist Hitler selbstverständlich für uns alle ein großer Lehrer, das wird keiner dann ablehnen können. Jetzt aber im speziellen Fall dieser Spiritualität würde ich sagen: Hitler ist ein verhinderter Spiritueller, und er hat das, was in die inneren Ebenen gehört, auf den äußeren Ebenen 'Ich beschloß, Politiker zu werden' durchzusetzen versucht. Das ist meiner Ansicht nach der Hauptfehler, da müssen wir hinschauen, wir Deutschen im wesentlichen, damit wir das verstehen. Wenn wir ihn von vornherein verteufeln, werden wir ihm nicht gerecht.
    14 Interview mit Rainer Langhans, 12.04.1989 in der TAZ Nr. 2781 auf S. 11-12
    15 „Der Wolf im Biermann - Liedermacher befürwortet Ronald Schills Politik der harten Hand“, 3sat Kulturzeit 05.11.2001
    16 Martin Walser, „Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede aus Anlass der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.1998. Die Rede ist im Internet abrufbar u.a. unter www.literaturseiten.de/walser.htm
    17 W. I. Lenin, „der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“, LW Band 22, Berlin 1981, S. 234
    18 insb. Die bei sog. „Globalisierungskritikern“ populäre „Tobin-Tax“ (nach dem „Erfinder“ James Tobin benannt) zielt in die Richtung der Eindämmung von Spekulation auf kurzfristige Währungsschwankungen, die angeblich für alle möglichen Übel verantwortlich sein soll. (vergl. http://www.attac.de/tobin/index.php)
    19 Der Begriff der „Heuschreckenschwärme“ als Metapher für Spekulanten stammt vom damaligen SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering, der in einem Interview mit der „Bild am Sonntag“ sagte: „Manche Finanzinvestoren verschwenden keinen Gedanken an die Menschen, deren Arbeitsplätze sie vernichten – sie bleiben anonym, haben kein Gesicht, fallen wie Heuschreckenschwärme über Unternehmen her, grasen sie ab und ziehen weiter. Gegen diese Form von Kapitalismus kämpfen wir.“ [„BamS“, 17. April 2005. Hervorhebung von mir].
    In einer später von einer Planungsgruppe der SPD-Bundestagsfraktion nachgereichten Hintergrundpapier unter dem Titel „Marktradikalismus statt sozialer Marktwirtschaft – Wie Private Equity-Gesellschaften Unternehmen verwerten“ werden die „Heuschrecken“ konkretisiert und benannt: die Beteiligungsgesellschaften KKR und WCM, die Bank Goldman Sachs, sowie die Private-Equity-Firmen Apax, BC Partners, Carlyle Group, Advent International, Permira, Blackstone Group, CVC Capital Partners und Saban Capital Group. Augenfällig: kein einziges deutsches Unternehmen ist dabei.
    20 an dieser Stelle sei erwähnt, dass durchaus nicht alle "Querfront"-Theoretiker auf Antisemitismus setzen (und selbstverständlich nicht jede Kritik an israelischer Regierungspolitik oder dem Zionismus antisemitisch ist!) - es gibt verstärkt bemerkbare Tendenzen, sich in vergleichbarer, verschwörungstheoretischer Form "antiislamistisch" zu betätigen. Darunter fassen wir nicht per se jede Kritik am Islam (als Religion und/oder politischer Ideologie), sondern spezielle, rassistische Zuschreibungen auf den arabischen und/oder gesamten islamisch/muslimischen Kulturkreis und die dort lebenden Menschen. Gleichzeitig gibt es aber - in viel stärkerem Maße - Tendenzen gerade der faschistischen Rechten, Muslime in die antisemitische Querfront hineinzuziehen: Zu beobachten war dies in der Rezeption der sog. "Holocaust-Konferenz" im Dezember 2006 in Teheran, an der Funktionäre u. a. der NPD teilnahmen. Wir haben uns entschieden, den "Antiislamismus" derzeit nicht in die Definition aufzunehmen, da er tatsächlich in den aktuellen wie historischen "Querfront"-Konzeptionen lediglich ein Randphänomen darstellt. Wir werden die Geschehnisse jedoch auch in diese Richtung weiterhin genau beobachten und ggfls. deutlicher herausstellen müssen. Zur Zeit kann allerdings eindeutig festgestellt werden, dass im klassischen Antisemitismus in all seinen Spielarten definitiv die Hauptform sozialdemagogischer Propaganda zu sehen ist.
    21 Relevant ist hierbei der Unterschied zwischen Antisemitismus und "klassischem" Rassismus, wie er im Antiislamismus zum Ausdruck kommt: Antisemitismus braucht keine real vorhandenen Juden, sondern er schafft "Juden" - als "Rasse", die nicht wirklich exisitert, sondern als Chiffre für Fortschrittsfeindlichkeit, Zukunftsangst und halbherzigen "Antikapitalismus" herhalten soll. Der "Antiislamismus" hingegen stellt eine Spielart des gewöhnlichen Rassismus, wie er sich auch gegen z. B. Asiaten oder Schwarzafrikaner richten kann, dar - und ist somit innenpolitisch gegen Angehörige des muslimisch/arabisch/türkischen Kulturkreises gerichtet.
    22 vergl.: „warum der Antisemitismus in Deutschland seine Heimat gefunden hat“, Kommunistische Arbeiterzeitung 300, Januar 2002. Im Internet u. a. nachzulesen unter: www.secarts.org/journal/index.php?show=article&id=280
    23 ebenda
    24 vergl.: „der deutsche Antisemitismus heute“, Kommunistische Arbeiterzeitung 300, Januar 2002. Im Inter u. a. nachzulesen unter: www.secarts.org/journal/index.php?show=article&id=283
    25 Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, MEW Band 4, Berlin 1972, Seite 464
    26 ebenda, Seite 479




    Im Anschluss an diesen einleitenden Artikel soll - in loser Reihenfolge - eine Betrachtung historischer und aktueller "Querfront"-Konzepte anschließen. Wir wollen auf Grundlage der hier entwickelten Definition schlaglichtartig theoretische Ansätze und praktische Umsetzungen beleuchten und dabei strategisch einen Rundumblick auf die "Querfront" ermöglichen - aufgrund unserer personellen Struktur wie auch der mangelhaften finanziellen Möglichkeiten ist dies nur in relativ großen Zeitabständen möglich. Dies bitten wir zu entschuldigen.

     
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     Kommentar zum Artikel von hardcore :
    Dienstag, 02.01.2007 - 19:52

    Danke für diesen ganz ausgezeichneten Artikel!
    Damit hat man wirklich wissenschaftlich verwertbare Definitionen an der Hand, um in dem Sumpf den Überblick zu behalten!

    Ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich sage, dass dies das Beste zum Thema ist, was ich je gelesen habe!!


     
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