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Der deutsche Antisemitismus ist eine Kampfansage unserer Herren an ihre inneren und Ă€ußeren Feinde – an die organisierte Arbeiterklasse im Land und international und an die imperialistischen Konkurrenten. Der Hauptgrund fĂŒr die heutige antisemitische Gefahr in Deutschland ist die VerschĂ€rfung der WidersprĂŒche unter den Imperialisten seit der Einverleibung der DDR durch die BRD.

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Die deutschen Kriegsverbrecher kommen wieder aus ihren Verstecken und GefÀngniszellen. Das Bild zeigt Alfried Krupp von Bohlen und Halbach 1951 bei seiner vorzeitigen Entlassung aus dem GefÀngnis.
Mai 1945. Die Hitlerfaschisten sind besiegt. Das Grauen, das sie hinterlassen haben, ist so ungeheuerlich, dass kein Verbrechen in der bisherigen Menschheitsgeschichte damit verglichen werden kann. 55 Millionen Menschen hat der deutsche Imperialismus mit seinem bisher grĂ¶ĂŸten Raub- und Vernichtungsfeldzug umgebracht. 6 Millionen Menschen wurden aus dem einzigen Grund ermordet, weil sie Juden waren oder von deutschen BĂŒrokraten als Juden definiert wurden – Polen, SowjetbĂŒrger, Ungarn, RumĂ€nen, Deutsche, NiederlĂ€nder, Tschechen und Slowaken, Franzosen, Griechen, Jugoslawen, Österreicher, Belgier, Italiener, Luxemburger, Norweger, Albaner, DĂ€nen, Finnen ..., Frauen und MĂ€nner, Arme und Reiche, Kranke und Gesunde. Unter diesen 6 Millionen waren mehr als eine Million Kinder, die unter dem Schlachtruf „Die Juden sind unser UnglĂŒck“ umgebracht wurden.

Die Völker der Welt waren entsetzt ĂŒber diesen systematischen, staatlich organisierten, industriell betriebenen Massenmord. FĂŒr die Mehrheit der Weltbevölkerung stand fest, dass diese Bestie, als die sich der deutsche Imperialismus entpuppt hatte, nie wieder ihr Haupt erheben darf.
Daran konnten auch die anderen Imperialisten nicht vorbei. Und es war ihnen nicht verborgen geblieben, dass der deutsche Antisemitismus mit seiner klassenĂŒbergreifenden Vernichtungswut auch eine Angriffswaffe gegen die kapitalistischen LĂ€nder war, die den zu spĂ€t gekommenen deutschen Emporkömmling bei der Aufteilung und Neuaufteilung der Welt stets den KĂŒrzeren hatten ziehen lassen. Es war gerade dieser eliminatorische Antisemitismus, den die anderen Imperialisten – vor allem der USA-Imperialismus – dem deutschen Imperialismus ĂŒbel nahmen, wĂ€hrend ihnen zum Beispiel der Mord an Arbeitern, Gewerkschaftern, Kommunisten und Sozialdemokraten verstĂ€ndlicherweise nicht so große Probleme machte.

Die gelÀuterte Bestie

Die nun erst mal geschlagenen Herren der deutschen Fabriken, SchĂ€chte und Banken warteten in GefĂ€ngnissen und Verstecken ab, ob sie die Reste ihrer Produktionsanlagen, die die Arbeiter aus Schutt und Asche wieder ausbuddelten, nicht wieder zu gegebener Zeit an sich reißen könnten. Die Chancen standen nicht schlecht: so hatte Siemens schon vor Kriegsende in Zusammenarbeit mit US-Konzernen den Umzug des Hauptteils der Produktion von Berlin nach MĂŒnchen organisiert, um sie dem Zugriff der herannahenden Sowjetarmee zu entziehen1; und die Übergabe ThĂŒringens durch die USA an die Besatzungsmacht Sowjetunion hatte zur Folge, dass Zeiss Jena fast gĂ€nzlich einschließlich einiger menschlicher Arbeitskraft geklaut und nach Baden-WĂŒrttemberg verfrachtet wurde2. Was den Antisemitismus betraf, so lĂ€uterten sich die deutschen Monopolkapitalisten schlagartig und schneller als jeder andere, war doch auch die zu erwartende Rendite dieser LĂ€uterung weit höher als fĂŒr jeden anderen. Der Philosemitismus kam in Mode. Philosemitismus kann man so ungefĂ€hr ĂŒbersetzen mit: Judenfreundlichkeit.

[file-periodicals#6]Diese „Judenfreundlichkeit“ ist Ă€hnlich verlogen wie die heute sogar von Innenminister Schily praktizierte „AuslĂ€nderfreundlichkeit“, die nichts mit der bĂŒrgerlich-demokratischen Forderung nach der Gleichheit aller vor dem Recht zu tun hat. Dabei ist der Philosemitismus keineswegs der Normalfall in der kapitalistischen deutschen Gesellschaft, sondern ein Ausnahmefall wie die ganzen NachkriegsverhĂ€ltnisse in Westdeutschland eine Ausnahme waren. Diese besondere Situation bestand darin, dass der deutsche Imperialismus – zunĂ€chst völlig am Boden zerstört – vom USA-Imperialismus hochgepĂ€ppelt wurde trotz seiner gefĂ€hrlichen antisemitisch und antiamerikanisch geprĂ€gten AggressivitĂ€t.

Die USA meinten, sie könnten den deutschen Imperialismus gegen die Sowjetunion, gegen das große Lager der inzwischen vom Imperialismus befreiten LĂ€nder hetzen und ihn gleichzeitig im Zaum halten, so dass er nie wieder auf die USA losgeht. Die Herrschenden der USA hatten sich zwischen ihren beiden Feinden sozialistische Sowjetunion und deutscher Imperialismus fĂŒr letzteren entschieden, und zĂŒchteten mit der Restauration des Kapitalismus in Westdeutschland eine Schlange an ihrem Busen. USA und Westdeutschland in holder Eintracht, Westdeutschland als braver BefehlsempfĂ€nger der USA – diese Situation konnte es nur zeitweilig geben, und sie konnte im Ergebnis nur dazu fĂŒhren, dass der deutsche Imperialismus zum schĂ€rfsten und aggressivsten Konkurrenten des US-Imperialismus wird.

Die Propaganda des verlogenen Philosemitismus wurde in großem Maßstab vom Axel-Springer-Verlag betrieben, der zum grĂ¶ĂŸten Pressekonzern Westdeutschlands wurde. Er bediente am konsequentesten das Interesse des wieder aufstrebenden deutschen Imperialismus, sich vorĂŒbergehend dem US-Imperialismus anzupassen, was hieß: dumm-dreister Antikommunismus, heuchlerische Anbiederung an die USA und an Israel, Reinwaschung der Nazi- und Kriegsverbrecher, die sich wieder in Wirtschaft und Staat festgesetzt hatten, rassistische Hetze unter Vermeidung antisemitischer Stereotypen, Propagierung der unbedingten Treue zum Kapitalismus und zum westdeutschen Staat.

„... alles, was man in der Praxis benötigt“ (Freisler)

Wie sehr der vom westdeutschen Staat und der Springer-Presse betriebene Philosemitismus Heuchelei war, zeigt allein schon die Berufung des CDU-FunktionĂ€rs Hans Maria Globke 1949 als Ministerialdirigent, 1950 als Ministerialdirektor und 1953 als StaatssekretĂ€r ins Bundeskanzleramt3. Globke war Kommentator der NĂŒrnberger Rassengesetze gewesen, mit denen 1935 den Juden (oder wen die Nazis als Juden definierten) die BĂŒrgerrechte aberkannt wurden und Eheschließung oder Geschlechtsverkehr mit „Ariern“ verboten wurde. Mit den NĂŒrnberger Rassengesetzen wurde erstmals eine umfassende und systematische gesetzliche Grundlage gelegt, die bĂŒrgerliche Gleichheit in Deutschland aufzuheben und damit die als Juden definierten Menschen schließlich zur Vernichtung freizugeben – nicht nur in Deutschland, sondern ĂŒberall, wo man ihrer habhaft werden konnte.

Eiskalt

„Der antisemitische Wind weht uns eiskalt ins Gesicht.“ Paul Spiegel, der PrĂ€sident des Zentralrats der Juden, zieht eine traurige Bilanz seines ersten Amtsjahres. So erzĂ€hlt er etwa von einem festlichen Empfang einer Großbank fĂŒr DĂŒsseldorfer Honoratioren und besonders gute Kunden. Dabei sei „einer der angesehensten AnwĂ€lte der Stadt“ aufgestanden und habe von seiner Zeit als junger Flakhelfer in Auschwitz berichtet. Morde oder gar Vernichtungsaktionen habe er damals nicht gesehen, tönte der Mann. Und ĂŒberhaupt seien die Juden heute selbst schuld, dass der Antisemitismus wieder wachse. Sie mischten sich ĂŒberall ein und wollten Deutschland nur finanziell ausnehmen. Niemand der versammelten Bankiers, Industriellen, Ärzte und Professoren habe widersprochen.

Evangelischer Pressedienst, 5.Januar 2001, zitiert nach KONKRET 2/2001, S.11
Globke war dafĂŒr zustĂ€ndig, die NĂŒrnberger Rassengesetze allgemein verstĂ€ndlich darzustellen. 1936 wurde diese Kommentierung im Ministerialblatt des Reichsinnenministeriums dafĂŒr gelobt, dass sie „allen beteiligten Volksgenossen, den Parteistellen, Behörden, Gerichten, StandesĂ€mtern und GesundheitsĂ€mtern wertvolle Dienste“ leisten werde. Und Freisler, der spĂ€ter zum berĂŒchtigten Blutrichter und Vorsitzenden des Volksgerichtshofes wurde, fand, man habe mit diesem Kommentar „alles, was man in der Praxis benötigt“. Bundeskanzler Adenauer war nicht bereit, den Protesten aus der Öffentlichkeit zu folgen und die Vergangenheit Globkes durch einen Untersuchungsausschuss ĂŒberprĂŒfen zu lassen. 1980 wurde Globke in einer Huldigungsschrift der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung als „der wichtigste und verlĂ€sslichste, bald auch der erste Berater des Bundeskanzlers“ gewĂŒrdigt. Als im Mai 1996 im Bundestag ein Abgeordneter der PDS wissen wollte, ob diese Schrift noch dem heutigen TraditionsverstĂ€ndnis der CDU entspreche, kamen Zurufe aus den Reihen der CDU/CSU: „Am Thema vorbei!“

Am Thema vorbei – das könnte wohl auch als Überschrift ĂŒber dem mit Philosemitismus geschmĂŒckten offiziellen westdeutschen GeschichtsverstĂ€ndnis stehen. Die Ermordung der europĂ€ischen Juden wurde nicht geleugnet – aber die Opfer dieses furchtbaren Verbrechens wurden missbraucht, um – es ist kaum zu fassen – die anti-antifaschistische und antikommunistische Politik der BRD zu rechtfertigen. Der Mord an sechs Millionen Menschen wurde als unfassbar und unerklĂ€rbar deklariert, da ein Geisteskranker das Volk verfĂŒhrt habe, niemand weiß wie und warum. Das Monopolkapital konnte sowieso daran nicht schuld sein, das sich ja nun wieder aufpĂ€ppelte und den Marsch ins westdeutsche „Wirtschaftswunder“ antrat. Vor allem aber konnte man mit dem antisemitischen Massenmord sehr erfolgreich verdecken, dass die ersten Opfer der Naziherrschaft Kommunisten waren, und dass dies eine Voraussetzung fĂŒr die Vernichtung der Juden war.
So konnte unter Adenauer und Globke das bis heute gĂŒltige KPD-Verbot vorbereitet und durchgesetzt werden. Und man konnte mit dem antisemitischen Massenmord ebenso erfolgreich verdecken, dass noch vor der Vernichtung der Juden Gewerkschafter ermordet wurden. So konnte unter Adenauer und Globke durchgesetzt werden, dass den Gewerkschaften das Recht des politischen Streiks genommen wurde, und auch das gilt bis heute. Dass die deutsche Arbeiterbewegung noch am 30. Januar 1933 mit einem politischen Massenstreik die MachtĂŒbertragung an die Hitlerfaschisten hĂ€tte verhindern können, soll mit dieser Politik vergessen gemacht werden. Als einzig zulĂ€ssiger Widerstand wird das missglĂŒckte Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 gewertet, das von Teilen der militĂ€rischen Elite vorbereitet wurde, die bis dahin den Hitlerfaschismus einschließlich der Judenverfolgung und –vernichtung unterstĂŒtzt hatte. Der Widerstand von Arbeitern und Soldaten wird dagegen als unzulĂ€ssig erklĂ€rt. Deserteure der faschistischen Wehrmacht galten bis August 1998 sowieso als vorbestraft. Seitdem können sie nur dann rehabilitiert werden, wenn sie nach all der jahrzehntelangen Schmach einen Antrag stellen und ein demĂŒtigendes Verfahren auf sich nehmen4.
Und all diese SchlĂ€ge gegen die Arbeiter und ihre Organisationen geschehen im Schatten der „Unfassbarkeit“ des antisemitischen Massenmords, so dass die Herrschenden der BRD auch nach 1945 stets noch ihren Nutzen von diesem Verbrechen hatten!

Wir sind wieder wer

In den siebziger Jahren begannen die noch auf Westdeutschland zusammengedrĂ€ngten deutschen Monopolherren Licht im Tunnel ihrer geheuchelten Ergebenheit gegenĂŒber den USA zu sehen. Ökonomisch waren sie stĂ€rker geworden und konnten selbstbewusst in den Handel mit der Sow-jetunion einsteigen. WĂ€hrenddessen hatte der Ziehvater USA alle HĂ€nde voll zu tun mit dem aufsĂ€ssigen vietnamesischen Volk, das seinen eigenen Weg in Richtung Frieden und Sozialismus gehen wollte.
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Dieses Denkmal in der Großen Hamburger Straße in Berlin steht an einem Ort, an dem die Gestapo ein jĂƒÂŒdisches Altersheim in eine Sammelstelle fĂƒÂŒr Deportationen umgewandelt hatte. Von hier aus wurden 55.000 Berliner in die Vernichtungslager deportiert.
Der „Entwurf fĂŒr Europa“5 von Franz Josef Strauß wurde zum Handbuch westdeutscher Politik. Dieses Buch lĂ€uft auf die Empfehlung hinaus, gemeinsam mit Frankreich zu gehen, auf diesem Wege den Widerstand Großbritanniens gegen ein Erstarken Westdeutschlands und gegen eine deutsche „Wiedervereinigung“ aufzuweichen und so eine europĂ€ische Großmacht gegen die USA zu schaffen. Und Strauß war es auch gewesen, der 1969 den fĂŒr die deutschen Monopolherren befreienden Schlachtruf losgelassen hatte: „Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen erbracht hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen.“6

1975 wurden die USA gerupft und geschwĂ€cht aus Vietnam verjagt. So bedeutend dieser Sieg des Befreiungskampfes fĂŒr die internationale Arbeiterklasse war, so verheerend war es doch, dass dieser Kampf nicht von den Arbeitern der imperialistischen LĂ€nder gegen ihre eigenen Ausbeuter fortgesetzt wurde, und so die deutsche Monopolbourgeoisie als Geier ĂŒber den Schlachtfeldern aus der Niederlage des US-Imperialismus Nutzen ziehen konnte. Es wuchs das „deutsche Nationalbewusstsein“ in seiner durch den zu spĂ€t und zu kurz gekommenen deutschen Imperialismus fĂŒrchterlich zugerichteten Gestalt.

Im Februar 1977 wurde bei einem Kameradschaftsabend in der Bundeswehrhochschule MĂŒnchen eine „symbolische Judenverbrennung“ durchgefĂŒhrt. Das Entsetzen der antifaschistischen und friedliebenden Öffentlichkeit wurde mit dem ab da immer hĂ€ufiger benutzten Argument des „bedauerlichen Einzelfalles“ beschwichtigt7. Der Herbst 1977 wurde zu einer Orgie der ZerstĂŒckelung der bĂŒrgerlich-demokratischen Rechte unter dem Vorwand der Terror-BekĂ€mpfung.
Gleichzeitig traten Nazi-Gruppen und Nazi-Publikationen immer stĂ€rker ins Bild der Öffentlichkeit. Hitler-Filme fĂŒllten die Kinos und Hitler-„Biographien“ die BuchlĂ€den. Einer der berĂŒhmtesten Filme dieser Zeit war der von Joachim C.Fest „Hitler – eine Karriere“ nach dem Buch des gleichen Autors, frĂŒherer Herausgeber der FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Es wurde mit diesem von allen Seiten der deutschen Bourgeoisie geförderten Film ein ideologischer Großangriff gestartet auf die bis dahin noch in weiten Teilen der Arbeiter- und demokratischen Bewegung vorhandenen Ansicht, dass der deutsche Faschismus vom deutschen Finanzkapital, den Herren der Großindustrie und der Großbanken, an die Macht gebracht worden war.8

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1998 wurde das Denkmal von Nazis gesprengt. Inzwischen wurde es wieder hergestellt. Die DenkmalsschÀnder wurden natĂƒÂŒrlich nicht gefasst.
Der „Kampf gegen den Terrorismus“ hatte aber nicht nur Wirkungen nach innen, sondern auch nach außen: es gab den ersten deutschen Kampfeinsatz im Ausland – noch nicht von der Bundeswehr, aber von der Bundesgrenzschutzeinheit GSG 9 in Mogadischu, um ein entfĂŒhrtes Flugzeug zu stĂŒrmen. So begann der deutsche Imperialismus auch militĂ€risch an seinen durch den Sieg der Antihitlerkoalition auferlegten Fesseln zu rĂŒtteln.
Zur gleichen Zeit reiste der CSU-Vorsitzende F.J. Strauß in das damals von einer faschistischen MilitĂ€rjunta unter Pinochet regierte Chile. „Sorgen Sie dafĂŒr, dass die Freiheit in Chile erhalten bleibt“, rief er auf einer öffentlichen Kundgebung Pinochet zu9. Am meisten zeigte er sich „von dem inneren Frieden und der politischen StabilitĂ€t in Chile beeindruckt“10. Über den Sturz der gewĂ€hlten Regierung Chiles und die Ermordung des PrĂ€sidenten Allende höhnte er, es sei „nicht freundlich zugegangen, wenn MilitĂ€rs eingreifen, ist es anders, als wenn der Franziskanerorden Suppen verteilt“11.

Die immer ungenierteren Töne und Handlungen aus Westdeutschland hinterließen auch ideologisch ihre Spuren da, wo Geld und Einfluss des deutschen Imperialismus außerhalb seiner engen territorialen Grenzen Fuß fassten. So wurde im Januar 1978 in der Ă€gyptischen Stadt Marsa-Matruh ein dem Nazi-Feldmarschall Rommel gewidmetes Museum eingerichtet, der im 2. Weltkrieg den Oberbefehl ĂŒber das Afrika-Korps der Wehrmacht fĂŒhrte. Die Familie Rommels lieferte aus Westdeutschland UnterstĂŒtzung in Form von ErinnerungsstĂŒcken12. Und Bundeskanzler Helmut Schmidt, der in dieser Zeit mehrere Staatsbesuche und -empfĂ€nge mit der Ă€gyptischen Regierung absolvierte, fand nichts dabei13.

1978 wurde dann das Jahr, in dem Westdeutschland den gro sÂąĂŸV sÂąĂŸVÂĂšÂ—ĂŸVPlÂ•ĂŸVˆsÂąĂŸV@sÂąĂŸV@@sÂąĂŸVBundestages endgĂŒltig festgelegt, der UNO-Konvention ĂŒber die NichtverjĂ€hrbarkeit von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht beizutreten, sondern stattdessen die UnverjĂ€hrbarkeit jeglichen Mordes festzulegen. Schon seit 1968 waren alle Verbrechen unterhalb von Mord (z.B. Beihilfe zum Mord und Totschlag) sowieso verjĂ€hrt. Die Nazi-Massenmörder, die 1978 noch ĂŒbrig und am Leben waren, konnten nur noch – wenn ĂŒberhaupt – als Menschen wie du und ich vor Gericht gestellt wurden.

Mit der Entsendung sowjetischer Truppen nach Afghanistan 1979 und der Einmischung der USA durch AufrĂŒstung der „WiderstandskĂ€mpfer“ (aus denen sich sowohl die heutige Taliban als auch die Nordallianz entpuppten) verschĂ€rften sich die WidersprĂŒche unter den Imperialisten – sie haben bei dem strategisch wichtig gelegenen Afghanistan mit seiner großen Bedeutung fĂŒr den Zugriff zu den BodenschĂ€tzen Zentralasiens noch nie viel Spaß verstanden. Bundeskanzler Helmut Schmidt findet im FrĂŒhjahr 1980 einen bemerkenswerten Vergleich: er meint, die Situation sei mit der des Juli 1914 vergleichbar14, also der Situation, in der die WidersprĂŒche zwischen den imperialistischen MĂ€chten sich im ersten Weltkrieg entluden (wobei Anstifter und Auslöser dieses Krieges bekanntlich der deutsche Imperialismus war).

Wir werden total normal

Bei der Bundestagswahl 1980 provozierte Strauß mit seiner Kanzlerkandidatur. Erstmals wurden in Westdeutschland vietnamesische FlĂŒchtlinge ermordet15. Ein faschistischer SelbstmordattentĂ€ter, Angehöriger der Wehrsportgruppe Hoffmann, tötete mit einer Bombe auf dem Oktoberfest in MĂŒnchen 12 Menschen und verletzte 219 schwer. Noch im MĂ€rz 1980 hatte Strauß ĂŒber die Wehrsportgruppe Hoffmann gesagt: „Mein Gott, wenn jemand Spaß daran hat, am Sonntag mit einem Rucksack und im Kampfanzug mit Koppelschloss durchs GelĂ€nde zu spazieren, soll man ihn in Ruhe lassen.“16

Am 19. Dezember 1980 wurde erstmals seit 1945 auf deutschem Boden ein Mensch nur deshalb ermordet, weil er Jude war. Opfer war der Verleger Shlomo Levin und seine LebensgefÀhrtin Frida Poeschke. Der Tatort war Erlangen. Der TÀter war Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann17.
Westdeutschland begab sich in die achtziger Jahre, in den Weg zur „NormalitĂ€t“. Dieser Weg war nicht nur gekennzeichnet durch die Kohl’sche „Wende“, sondern auch durch eine große oppositionelle Bewegung, die nicht mehr von internationaler SolidaritĂ€t getragen war wie die Mehrheit der Studentenbewegung Ende der sechziger Jahre, sondern von der Angst vor der atomaren Bedrohung, von der Angst, Austragungsfeld in einem Atomkrieg zu sein. Ein deutscher Nationalismus wuchs fast unmerklich bei Massen heran, die vorher fĂŒr ausgesprochen reaktionĂ€re Bestrebungen nicht in Frage gekommen waren. Riesige Kundgebungen „fĂŒr den Frieden“ klagten die USA und die Sowjetunion an und deckten den Hauptfeind im eigenen Land, der ungestört mit seinen „deutsch-deutschen Beziehungen“ an der Destabilisierung der DDR arbeiten konnte.

Die offene Reaktion wurde immer frecher in ihrem Antisemitismus – so der innenpolitische Sprecher der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Hermann Fellner, der 1985 erklĂ€rte, dass sich die Juden schnell zu Wort melden, wenn irgendwo in den deutschen Kassen Geld klimpert18. Etwas gediegener sagte dasselbe der Bundestag im Dezember 1987 mit einer Resolution: „Der Deutsche Bundestag spricht allen Opfern der NS-Gewaltherrschaft sein MitgefĂŒhl aus. Und er ist sich bewusst, dass das Leid und die SchĂ€den der NS-Verfolgung und des NS-Unrechts nicht mit Geldleistungen wieder gutgemacht werden können.“19 (Und deshalb halten wir das Portemonnaie auch fest verschlossen!)

„... das glĂŒcklichste Volk der Welt“ (Momper)

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Dieses Plakat hat ein Genosse der KAZ 1999 in Berlin aus dem Straßenbild entfernt.
Mit der Einverleibung der DDR und dem Abzug der Truppen der Alliierten war das imperialistische Deutschland nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch die stĂ€rkste Macht in Europa geworden. Seinen Einstand gab das nun „glĂŒcklichste Volk der Welt“20 (Walter Momper) mit der ZerstĂŒckelung Jugoslawiens, der diplomatischen Anerkennung Sloweniens und Kroatiens gegen den erklĂ€rten Willen der anderen EU-Mitglieder und der USA21 1991, und mit mörderischen rassistischen Aggressionen gegen Menschen aus anderen LĂ€ndern oder mit dunkler Hautfarbe, die einen vorlĂ€ufigen Höhepunkt 1992 in dem Pogrom in Rostock-Lichtenhagen gegen vietnamesische Asylbewerber fanden. Inzwischen leugnen selbst eifrige Verfechter dieser VerhĂ€ltnisse nicht mehr, dass sich vom Zeitpunkt der Beseitigung der DDR als Staat antisemitische Übergriffe auffĂ€llig hĂ€ufen, der Antisemitismus besonders auch in Intellektuellenkreisen immer mehr salonfĂ€hig wird und die Vernichtung der europĂ€ischen Juden mehr und mehr verharmlost wird.

Die neu errichtete Dresdner Synagoge wurde nicht einmal bis zum zweiten Tag nach ihrer Einweihung am 9. November 2001 vor einer Nazi-SchĂ€ndung geschĂŒtzt. Nur wenige Wochen vorher entschied ein Gericht, dass der stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland als „Zigeunerjude“ bezeichnet werden darf22. Als nach einem Brandanschlag auf das Haus eines jĂŒdischen BĂŒrgers in Babenhausen (Hessen) 1997 dieser BĂŒrger die Verschleppung der Ermittlungen kritisierte, erklĂ€rte der BĂŒrgermeister der Stadt: „FĂŒr Juden gibt es keine Sonderbehandlung.“23

Diese drei VorfĂ€lle geben nur einen kleinen, aber typischen Ausschnitt aus diesem antisemitischen Zusammenspiel staatlicher Instanzen und fast ungehindert agierenden faschistischen Mobs. Aber was soll das mit der AggressivitĂ€t des deutschen Imperialismus nach außen und seiner wachsenden Konkurrenz mit den USA zu tun haben?
Peter Edel litt auch fĂŒr Euch!

Im September 2000 beschloss die Bezirksverordnetenversammlung des Berliner Bezirks Weißensee mit den Stimmen der CDU und der SPD, das Kulturhaus „Peter Edel“ umzubenennen. BegrĂŒndung: Peter Edel sei „IM der Stasi“ gewesen.

Peter Edel war Jude. In Auschwitz wurde er Kommunist.

Bereits 1997 versuchte die Weißenseer CDU den Namen Peter Edels zu löschen, blitzte aber ab. Originalton aus der CDU: „Die Tatsache, dass Peter Edel ein Jude ist, rechtfertigt nicht, gutzuheißen, dass er Spitzeldienste fĂŒr die Stasi geleistet hat.“ (taz 31.12.97)
Nur weil er Jude war, musste Peter Edel als Junge aufgrund der NĂŒrnberger Rassengesetze das Gymnasium verlassen. Nur weil er Jude war, wurde er als ZwanzigjĂ€hriger zur Zwangsarbeit verpflichtet, und lernte er ab seinem 22. Lebensjahr die Lager Auschwitz, Großbeeren, Sachsenhausen, Mauthausen und Ebensee kennen. Nur weil er und seine Familie Juden waren, wurden seine Frau und die meisten seiner Angehörigen ermordet.
Wie durch ein Wunder ĂŒberlebte er, der als WiderstandskĂ€mpfer sein Leben nicht geschont hatte. Er entschied sich fĂŒr den antifaschistischen Staat DDR und arbeitete dort als Schriftsteller und Grafiker bis zu seinem Tod 1983. Er war ein stĂ€ndiger Mahner und trat als Zeuge in Prozessen gegen die Naziverbrecher auf – so z.B. im NĂŒrnberger Kriegsverbrecherprozess und in dem Prozess gegen Globke, den Kommentator der NĂŒrnberger Rassengesetze und StaatssekretĂ€r Adenauers, ĂŒber den 1963 von einem Gericht der DDR das Urteil „LebenslĂ€nglich“ verhĂ€ngt wurde (leider saß Globke in Westdeutschland allzu sicher).

Die Berliner Morgenpost (15.09.2000) schreibt: „Bekannt wurde Edel insbesondere durch seine unnachsichtige Verfolgung der Nazi-TĂ€ter und durch seinen Kampf gegen das Vergessen der GrĂ€ueltaten im Dritten Reich. Nicht zuletzt aus diesem Zusammenhang heraus scheint Edel eine Zusammenarbeit mit der Stasi aufgenommen zu haben.“

1000 Unterschriften wurden gegen die Umbenennung gesammelt, die PDS hat gegen den barbarischen Akt der Weißenseer BVV geklagt. Es hat Proteste und Versammlungen gegeben. Nach der Fusion der Bezirke Weißensee, Pankow und Prenzlauer Berg liegt die DurchfĂŒhrung des Beschlusses auf Eis – das Haus sieht nach wie vor so aus wie auf diesem Foto.

Und welcher Teufel hat nun die Weißenseer SPD-Fraktion geritten, dem jahrelangen antisemitischen DrĂ€ngen der CDU zu folgen? Es gibt etliche SPD-Mitglieder in Weißensee und den Fusionsbezirken, die das auch gern wĂŒssten, darunter der damalige BĂŒrgermeister von Prenzlauer Berg. Antifaschistische Demonstranten trugen auf der BVV-Sitzung ein Transparent: „Peter Edel litt auch fĂŒr Euch!“ Daran sollten sich alle Sozialdemokraten erinnern.
Die einfachste Antwort darauf findet man bei den dreistesten und offenherzigsten Verteidigern des deutschen GrĂ¶ĂŸenwahns, den Stiefelnazis mit ihren rechtsintellektuellen FĂŒhrern. Vom Krieg gegen Jugoslawien bis zum Krieg gegen Afghanistan versuchen sich die NPD und andere Nazigruppen in die Reihen derjenigen Kriegsgegner zu mischen, deren Losungen sich hauptsĂ€chlich gegen die USA wenden, statt das Augenmerk auf das Treiben des deutschen Imperialismus zu richten. WĂ€hrend des Krieges gegen Jugoslawien verbreitete die NPD ein Plakat, das die USA als jĂŒdische Weltmacht darstellte. Naziaktivisten marschieren seit vielen Monaten mit dem Transparent „Gegen den zionistischen one-world-Terror“24. Typisch sind auch solche SĂ€tze des NPD-Prominenten Horst Mahler: „Die Luftangriffe auf Washington und New York vom 11. September 2001 markieren das Ende des Amerikanischen Jahrhunderts, das Ende des globalen Kapitalismus und damit das Ende des weltlichen Jahwe-Kultes, des Mammonismus.“ Oder: „Es ist der die glĂ€ubigen Juden auf die Erlangung der Weltherrschaft durch Geldleihe ausrichtende Jahwe-Kult, der dem kapitalistischen System gegenwĂ€rtig seine tödliche Dynamik verleiht.“
Und weiter zum 11. September 2001: „Sollte sich je herausstellen, dass es der Mossad25 war – umso besser. Diese Erkenntnis wĂŒrde Mammon den Garaus machen und Israel vom Erdboden vertilgen.“26 Kurz nach dem 11. September wurde die KZ-GedenkstĂ€tte Dachau massiv mit Hetzparolen wie „Amis sind Kriegsverbrecher“, „Jud verrecke“27, „Der Jud ist verantwortlich fĂŒr die MassenterroranschlĂ€ge in den USA“28 und „Die Juden wollen im 3. Weltkrieg ausgerottet werden“ (siehe Bild) geschĂ€ndet. Am 1. Dezember 2001 durfte die NPD in Berlin am Rande des jĂŒdischen Viertels gegen die Ausstellung ĂŒber die Verbrechen der Wehrmacht demonstrieren – auf dem Marsch grölten die Nazis: „Die Wehrmacht war ein deutsches Heer, dem Ami dient die Bundeswehr!“29

Dass antisemitische mit antiamerikanischen Phrasen oder Andeutungen verbunden werden, ist leider nicht nur den kleinen Nazi-Gruppen vorbehalten, die wir hier vor allem deshalb zitiert haben, weil sie in ihrer Schlichtheit auch den DĂŒmmsten oder Schwerhörigsten verstĂ€ndlich machen, wohin die Reise des deutschen Imperialismus gehen soll – schließlich wĂ€ren solche Parolen und Handlungen wie die oben genannten fĂŒr diese Nazi-Gruppen vor ĂŒber zehn Jahren noch undenkbar gewesen.

Es gehört seit den letzten Jahren aber sogar zum regierungsamtlichen Ton, – natĂŒrlich nicht auf so plumpe Art – antiamerikanische mit antisemitischen Untertönen zu verbinden. So erklĂ€rte Bundeskanzler Schröder wiederholt zu den Forderungen der ehemaligen Zwangsarbeiter an die deutsche Industrie, wovor er die deutsche Industrie bewahren will: vor den amerikanischen AnwĂ€lten der Opfer, die „schnöden Profit aus einer guten Sache schlagen“30 (die Profite der deutschen Industrie sind – soweit ĂŒberhaupt vorhanden – natĂŒrlich alles andere als schnöde).
Es war von Gregor Gysi sehr berechtigt festzustellen, dass man in der Abwehr der AnsprĂŒche der ehemaligen Zwangsarbeiter „einen aufkommenden neuen Antisemitismus“ spĂŒrt, „obwohl die meisten der Betroffenen keine Juden sind“31.

Viele Menschen unterschĂ€tzen diesen Antisemitismus, weil sie immer wieder irgendwelche Bekenntnisse gegen den Antisemitismus von offizieller Seite ernst nehmen und sich nicht vorstellen können, dass es wieder zu einem staatlichen, eliminatorischen Antisemitismus in Deutschland kommen könnte. In der Tat sehen wir mit bloßem Auge erst mal sehr widersprĂŒchliche und schwer einzuordnende Tendenzen.

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In der KZ-GedenkstÀtte Dachau kurz nach dem 11.September 2001.
Sehen wir uns das mal bei der Auseinandersetzung um das Denkmal fĂŒr die ermordeten Juden Europas an: CDU-Diepgen kĂ€mpfte und kotzte dagegen wie viele von der CDU, Kohl war dafĂŒr wie auch viele von der CDU. Bundeskanzler Schröder prĂ€gte den empörenden Satz, das Holocaust-Mahnmal solle eins sein, „zu dem die Menschen gern hingehen“. SPD-Thierse setzt sich dagegen mit deutlich grĂ¶ĂŸerem Ernst fĂŒr das Mahnmal ein. Unter den Antifaschisten besteht ĂŒber FĂŒr und Wider zu dem Denkmal ĂŒberhaupt keine Einigkeit. Wir haben in der KAZ Nr. 294 begrĂŒndet, warum wir fĂŒr die Verteidigung dieses Denkmals sind32 – und damit einen der ganz seltenen FĂ€lle geliefert, in denen wir einen Beschluss des Bundestages verteidigen, und wohl den einzigen Fall, in dem wir uns hinter einen Parlamentsbeschluss stellen, der von Kohl und weiteren Teilen der CDU mitgetragen wurde.

Die Situation ist deshalb so verwirrend, weil sich die deutsche Monopolbourgeoisie im Umbruch befindet – weil sie sich noch nicht hundertprozentig vom US-Imperialismus lösen kann, aber seit 1945 noch nie so heftig und mit solcher Anmaßung gegen ihn vorgegangen ist – und vorgehen konnte.
FĂŒr diesen Umbruch ist die Auseinandersetzung um das Holocaust-Mahnmal ein Symptom – es gibt auch noch viele andere. Wir versuchen im Folgenden die Hauptlinien dieser Entwicklung zu verfolgen, denn wir mĂŒssen verstehen, gegen wen und mit wem wir heute kĂ€mpfen mĂŒssen, und welche Zukunft uns blĂŒht, wenn wir den Antisemitismus nicht besiegen.

Was ein Kanzler noch nicht und ein Schriftsteller schon wieder darf

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Bauplatz des kĂƒÂŒnftigen Denkmals fĂƒÂŒr die ermordeten Juden Europas, FrĂƒÂŒhjahr 2000.
Es kristallisieren sich seit dem Jahr des Regierungswechsels 1998 hinsichtlich des Antiamerikanismus und Antisemitismus zwei große Linien in den inneren KĂ€mpfen und Neuformierungen der deutschen Bourgeoisie heraus, die sich zueinander ungefĂ€hr nach dem Motto „Pack schlĂ€gt sich, Pack vertrĂ€gt sich“ verhalten:

die gegenwĂ€rtig von der sozialgrĂŒnen Regierung praktizierte (und derzeit auch fĂŒr die Herren Deutschlands einzig praktikable) zum einen und zum anderen die in Feuilletons von Schriftstellern als ideologischen Vorreitern propagierten und diskutierten nationalistischen Zukunftsvisionen – hier ist der Schriftsteller Martin Walser durch seine berĂŒchtigte Rede in der Paulskirche in Frankfurt/Main im Herbst 1998 als EmpfĂ€nger des Friedens(!)preises des Deutschen Buchhandels33 zum prominentesten KĂŒnder des bisher Unaussprechlichen geworden. Was ergibt der Vergleich zwischen diesen beiden Linien:

  • Zur einverleibten DDR: Die sozialgrĂŒne Linie kennt nur eins: Rache, niedertreten, die DDR annexionistisch auslöschen, ihre ökonomischen Strukturen vernichten, FunktionstrĂ€ger im frĂŒheren Partei- und Staatsapparat einsperren, Westdeutsche, die Kundschafter der DDR waren, ebenfalls einsperren, das Volk der DDR als antisemitisch, nationalistisch und (entgegen besseren Wissens) als Wiege der Nazi-Bewegung hinstellen. Die Walser-Linie propagiert das Zusammenwachsen der Deutschen, die große deutsche Versöhnung, weil wir eben Deutsche sind, biedert sich bei der Bevölkerung der einverleibten DDR an, nutzt ihre DemĂŒtigung aus, fordert auch schon mal – wie Walser in seiner Frankfurter Rede – die Freilassung eines eingesperrten Kundschafters der DDR, nicht wegen der bĂŒrgerlichen Gleichheit mit den Geheimagenten der BRD, sondern eben wegen der deutschen Blutszusammengehörigkeit. All das lĂ€uft – ohne dass es ausgespro sÂąĂŸV sÂąĂŸVÂĂšÂ—ĂŸVPlÂ•ĂŸVˆsÂąĂŸV@sÂąĂŸV@@sÂąĂŸVr Vernichtung der europĂ€ischen Juden: Die sozialgrĂŒne Linie wendet sich nicht offen gegen die Erinnerung an den Holocaust, nimmt entsprechende Pflichttermine und Gedenkminuten wahr – sucht aber den deutschnationalen Konsens durchaus auch auf der Ebene antisemitischer Stereotypen, wie sie Schröder z.B. anlĂ€sslich der EntschĂ€digungsforderungen frĂŒherer Zwangsarbeiter losgelassen hat (siehe oben). Vor allem aber missbraucht sie hemmungslos die Millionen von Opfer des deutschen Antisemitismus, um die neuen Verbrechen des deutschen Imperialismus, die sie als deutsche Regierung ausĂŒben dĂŒrfen, zu rechtfertigen und damit gleichzeitig das grĂ¶ĂŸte Verbrechen in der Geschichte der Menschheit zu verharmlosen. So geschehen bei der Rechtfertigung der Aggression gegen Jugoslawien, als Außenminister Fischer behauptete, mit dem Krieg solle „ein neues Auschwitz“ verhindert werden. Die Walser-Linie spricht von einer „Instrumentalisierung der Schande“, spricht dagegen, dass Auschwitz als „Moralkeule“ benutzt wird – siehe die Rede von Walser in der Paulskirche, in der er auch sagte: „Manchmal, wenn ich nirgends mehr hinschauen kann, ohne von einer Beschuldigung attackiert zu werden, muss ich mir zu meiner Entlastung einreden, in den Medien sei auch eine Routine des Beschuldigens entstanden. Von den schlimmsten Filmsequenzen aus Konzentrationslagern habe ich bestimmt schon zwanzigmal weggeschaut.“ Und den Entwurf von Eisenman fĂŒr das Denkmal fĂŒr die ermordeten Juden bezeichnete er als „Betonierung des Zentrums der Hauptstadt mit einem fußballfeldgroßen Alptraum“ und „Monumentalisierung der Schande“. Schließlich beklagt er sich: „... in welchen Verdacht gerĂ€t man, wenn man sagt, die Deutschen seien jetzt ein ganz normales Volk, eine ganz gewöhnliche Gesellschaft?“ Erinnern wir uns – das alles in einem Atemzug mit der Forderung, den frĂŒheren Kundschafter Rainer Rupp freizulassen. Das kann doch nur den Sinn haben, wir die ganz normale, ganz gewöhnliche, von jĂŒdischen Forderungen befreite, zusammengewachsene Volksgemeinschaft werden sollen!


  • Zum Krieg gegen Jugoslawien und Afghanistan: Die sozialgrĂŒne Linie setzt sich fĂŒr die militĂ€rische Beteiligung der BRD an den Kriegen gegen Jugoslawien und Afghanistan ein. FĂ€lschlicherweise wird das in der Öffentlichkeit oft als Unterwerfung unter die USA verstanden. Bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass es darum geht, den Anschluss nicht zu verlieren beim Kampf um die Neuaufteilung der Welt und dabei gleichzeitig „Besonnenheit“ und „Vernunft“ zu demonstrieren und sich stets als Vermittler und Friedensbringer anzubieten. Das war so 1999 bei der Aufteilung des Kosovo wie 2001 bei der Festlegung des Standortes Deutschland, um eine afghanische Regierung zu basteln. Die USA werden auch schon mal brĂŒskiert (wie vor dem 11. September 2001 in der Absicht, in Mazedonien zu bleiben)34, dann werden sie wieder schulterklopfend entlastet (wie nach dem 11. September, als der deutsche Imperialismus als FĂŒhrungsmacht in Mazedonien blieb). Wann den USA geholfen wird, entscheiden nicht die Hilfsgesuche der USA, das entscheidet das imperialistische Deutschland selber. Die „SolidaritĂ€t mit den USA“ wird gnadenlos eingesetzt, um den USA Macht und Einfluss zu schmĂ€lern, wo es nur geht. Die Walser-Linie ist gegen den Krieg, weil man nicht fĂŒr amerikanische Interessen sterben will (also offenbar lieber fĂŒr deutsche – darin haben wir schließlich Übung). So einfach ist das tatsĂ€chlich, auch wenn Walser und Ă€hnlich gesinnte Intellektuelle auf Unterschriftenlisten gegen den Krieg zu finden sind, deren Text etwas komplizierter und verhohlener auf den gleichen Inhalt zusteuert, aber ZugestĂ€ndnisse an die sozialgrĂŒne „Besonnenheit“ und „Vernunft“ macht. Die Walser-Linie biedert sich an die Linken in der einverleibten DDR an, die die USA hassen als Inbegriff des Weltimperialismus, der den Sozialismus besiegt hat. Nur: der Sozialismus ist vorlĂ€ufig besiegt, und so geht die Hauptgefahr weniger denn je von einem Weltimperialismus aus, sondern hauptsĂ€chlich von der wachsenden Konkurrenz unter den Imperialisten und damit dem gefĂ€hrlichen Erstarken des immer noch zu spĂ€t und zu kurz gekommenen deutschen Imperialismus, der sich ohne antiamerikanische und antisemitische Begleitmusik nicht nach vorn beißen kann.
    An der Frage der Kriegsbeteiligung Deutschlands zeigt sich am besten, warum ein Schriftsteller wie Walser und nicht ein praktisch fĂŒr das Monopolkapital tĂ€tiger Politiker öffentlich gehĂ€tschelter ReprĂ€sentant völkischer Visionen gegen die USA ist: so weit ist die deutsche Bourgeoisie heute einfach noch nicht. In den letzten zehn Jahren hat die deutsche Monopolbourgeoisie ungeheuer viel erreicht: sie ist ökonomisch und politisch die stĂ€rkste Macht in Europa und hat als einzige imperialistische Macht ihr Territorium vergrĂ¶ĂŸert. Aber ein offenes völlig eigenstĂ€ndiges Vorgehen gegen die USA ist noch nicht drin. Sondern zurzeit geht es ihnen darum, die USA in das BĂŒndnis zu zwingen, damit sie nicht im Alleingang vollendete Tatsachen schafft. Wenn das geschafft ist, wenn der deutsche Imperialismus stark genug ist, die Feuilleton-TrĂ€ume der Walser usw. praktisch umzusetzen, dann gnade uns Gott, dann haben wir statt der immerhin noch Reste von bĂŒrgerlicher Demokratie die antisemitische, antiamerikanische Volks- und Schicksalsgemeinschaft gegen die Völker der Welt – wie gehabt.


Die sozialgrĂŒne und die Walser-Linie sind nicht deckungsgleich, aber sie bekĂ€mpfen sich auch nicht bis aufs Messer. Als Walser seine berĂŒchtigte Rede vor 1.200 ausgesuchten Honoratioren, Vertretern und Dienern der herrschenden Klasse hielt, dankte diese Elite der Berliner Republik mit stehenden Ovationen (mit Ausnahme von drei Personen: das Ehepaar Bubis und Friedrich Schorlemmer). Was die Unterschiede zwischen diesen Linien betrifft, so hat Bundeskanzler Schröder das mal so ausgedrĂŒckt: „Ein Schriftsteller darf das sagen. Ein Bundeskanzler nicht.“35 (Er hĂ€tte vielleicht gern gesagt: noch nicht.) Ein Schriftsteller kann Visionen darstellen von den antiamerikanischen und antisemitischen HöhenflĂŒgen deutschen GrĂ¶ĂŸenwahns. Das braucht die Bourgeoisie, um entscheiden zu können, wohin und wie schnell die Reise geht. Ein sozialdemokratischer Kanzler hat praktische Politik zu machen und die Realisierung dieser HöhenflĂŒge vorzubereiten – und damit ĂŒbrigens auch den Selbstmord der sozialgrĂŒnen Regierung.

Vorsicht – Falle!

Nur der Faschismus an der Macht war (und wĂ€re) in der Lage, den staatlichen Antisemitismus durchzufĂŒhren bis zur antisemitischen Massenvernichtung. Noch ist das nicht so weit, noch können wir einer solchen Entwicklung Einhalt gebieten. Dass der Antisemitismus heute wieder zu einer Modeerscheinung wird, muss allen Arbeitern und Antifaschisten eine Warnung sein und sie vor die Frage stellen: wo sind die Löcher und Ritzen, durch die der Antisemitismus eindringt und die Gehirne vergiftet?

Der Antisemitismus ist ein Wahn, mit dem vor allem das KleinbĂŒrgertum infiziert werden kann (und je weniger klassenbewusst die Arbeiter sind, je mehr sie sich zersplittern und vereinzeln lassen und kleinbĂŒrgerlichen GewerkschaftsfĂŒhrern unterwerfen, desto mehr sind sie auch gefĂ€hrdet – viel gefĂ€hrdeter als die Arbeiter in den zwanziger und dreißiger Jahren!). Deshalb sind die heutigen gĂ€ngigen kleinbĂŒrgerlichen Anschauungen zu untersuchen, wieweit sie eine offene Flanke fĂŒr das Eindringen des Antisemitismus haben.

  • Der Antisemitismus fußt auf der Ablehnung der bĂŒrgerlichen Gleichheit. Er wirkt auf KleinbĂŒrger anziehend, weil er ihr MinderwertigkeitsgefĂŒhl dĂ€mpft und tröstet.
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    Dieses MinderwertigkeitsgefĂŒhl kommt aus ihrer materiellen Lage – zum einen sind sie stĂ€ndig vom Bankrott bedroht durch das große Kapital, zum anderen fĂŒrchten sie um ihr bisschen lĂ€ngst verpfĂ€ndete Existenz durch die organisierte Arbeiterklasse. Zwischen beiden großen Klassen zerrieben, scheint es großen Massen von ihnen erst mal gĂŒnstiger, als Mitglied einer Herrenrasse doch noch wer sein zu können und auf Kosten des eigenen Nachbarn und vielleicht auch anderer Völker auch mal was abzubekommen. Um dagegen DĂ€mme zu bauen, ist der Kampf fĂŒr bĂŒrgerliche Gleichheit notwendig – bitter notwendig. Dass es hingenommen wird, dass die BĂŒrger der einverleibten DDR per Gesetz ungleich gegenĂŒber den BĂŒrgern Westdeutschlands und Westberlins behandelt werden, hat seit 1990 mit zu dem Dammbruch gefĂŒhrt, der antisemitische Ansichten und Untaten hochgeschwemmt hat. Diese Ungleichheit erstreckt sich auf Eigentumsfragen, auf das Strafrecht, auf die Lohntarife in Staatsbetrieben ... – das heißt, auf das gesamte Leben. Dies zur NormalitĂ€t zu erklĂ€ren und sich gleichzeitig ĂŒber den Antisemitismus zu entsetzen, ist pure Heuchelei. Der Kampf fĂŒr bĂŒrgerliche Gleichheit ist auch notwendig gegen die völkische Propaganda des „Zusammenwachsens der Deutschen“, die von vornherein das Sig-nal zu Pogromen gegen Menschen aus anderen LĂ€ndern oder dunklerer Hautfarbe gegeben und die staatlichen VerschĂ€rfungen gegen FlĂŒchtlinge und andere Einwanderer begleitet hat. Nicht zusammenwachsen mĂŒssen wir, sondern Arbeiterklasse und Antifaschisten mĂŒssen sich strikt trennen von allem, was das Deutschtum irgendwie hervorheben und privilegieren will.


  • Weiter fußt der Antisemitismus auf der Anbetung der schwieligen Faust. Die reaktionĂ€ren, chauvinistischen KleinbĂŒrger schreiben der Arbeit eine mystische Bedeutung zu und machen einen Unterschied zwischen „schaffendem“ und „raffendem“ Kapital – eine Unterscheidung, die im Zeitalter des Imperialismus, wenn Bank- und Industriekapital zum Finanzkapital unentwirrbar verschmolzen ist, besonders reaktionĂ€r und wirklichkeitsfremd ist und gerade aus diesem Grund jede Möglichkeit der WillkĂŒr und Rechtlosigkeit eröffnet. Heute gibt es bis in die Gewerkschaften hinein jede Menge offene Flanken, wo keine AbwehrkrĂ€fte gegen antisemitische Propaganda vorhanden sind. „Hauptsache Arbeit“ ist eine dieser dummen, dumpfen Stereotypen, auf deren Grundlage Kanzler Schröder dann die Faulheit der Erwerbslosen zum Feind der Nation erklĂ€rt hat. Die Losung „Hauptsache Arbeit“ muss bekĂ€mpft werden – welche ĂŒble Demagogie sie ist, erweist sich schon, wenn man sich mal einen vorstellt, der im Lotto gewonnen oder ĂŒberraschend eine große Erbschaft gemacht hat und weiterhin „Hauptsache Arbeit“ schreit. WĂ€re einem solchen Menschen nicht dringend ein Arztbesuch anzuraten?
    Staatsgewalt gegen jĂŒdische Gemeinde

    Die JĂŒdische Gemeinde in Göttingen hat die Durchsuchung ihrer RĂ€ume von Polizei und Staatsanwaltschaft als unbegrĂŒndet und unangemessen kritisiert. Anlass der Aktion war der Verdacht der Staatsanwaltschaft, dass Personen aus der ehemaligen Sowjetunion sich mit Hilfe der Gemeinde und gefĂ€lschter Abstammungsurkunden ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht in Deutschland sichern wollten.

    dpa, 6.Februar 2001, zitiert nach KONKRET 3/2001, S.11
    Hauptsache Arbeit – das ist die Verherrlichung der Lohnarbeit, der Arbeit fĂŒr das Kapital, Arbeit fĂŒr den Krieg und fĂŒr die Verelendung der Völker, aber auch fĂŒr unsere eigene Verelendung. Wer Arbeit sucht, tut das so wie ein Tier Nahrung sucht – weil es um das Überleben geht. Er sucht nicht Arbeit, sondern die KrĂŒmel, die diese reiche Gesellschaft ihm und seiner Familie vielleicht noch irgendwo lĂ€sst. Kann das beim heutigen Stand von Wissenschaft und Technik menschenwĂŒrdig sein? Nur die Arbeiterklasse kann – im Gegensatz zu vom Antisemitismus verfĂŒhrbaren KleinbĂŒrgern – wirklich und von Grund auf antikapitalistisch sein, indem sie nicht sagt: Hauptsache Arbeit, sondern: Hauptsache, wir Arbeiter schließen uns zusammen gegen die Kapitalisten, kĂ€mpfen fĂŒr ArbeitszeitverkĂŒrzung, fĂŒr unsere Rechte und fĂŒr eine Gesellschaft, in der wir nicht zum Teil fĂŒr unser nacktes Überleben und zum grĂ¶ĂŸeren Teil fĂŒr die Monopolprofite arbeiten, sondern in der wir nur fĂŒr uns arbeiten. Alte HĂŒte? Gesellschaften, die das bisher versucht haben (einschließlich der auf deutschem Boden), haben jedenfalls keine Weltkriege angezettelt und keine Massenvernichtung betrieben.


  • Und dann fußt der Antisemitismus auch auf dem Antiamerikanismus. Das mag erst mal erstaunen, ist es doch zurzeit gerade die Reaktion bis hin zu einem Stoiber, die stĂ€ndig angeblich den Kampf gegen den Antiamerikanismus fĂŒhren. Es handelt sich aber hierbei nur um eine besonders geschickte und ĂŒble Variante des Antiamerikanismus, wie sie von F.J. Strauß als Erstem kultiviert wurde: die scheinheilige Anbiederung an die USA, die man „entlasten“ will durch ein „starkes Europa“ in „gleichberechtigter Partnerschaft“. In der Bundestagsdebatte am 8.November 2001 zum geplanten Krieg der Bundeswehr gegen Afghanistan und sonstige LĂ€nder der Erde erklĂ€rte Außenminister Fischer, der 11.September 2001 mit seinen AnschlĂ€gen in New York und Washington sei eine Chance, die USA wieder in das BĂŒndnis zu bekommen. Demnach ist ja die „uneingeschrĂ€nkte SolidaritĂ€t“ der Bundesregierung mit den USA nichts, was der US-Imperialismus zurzeit irgendwie brauchen könnte, ganz im Gegenteil. Auch so kann Antiamerikanismus aussehen ... Die Verbindung von Antiamerikanismus und Antisemitismus hat sich im Vergleich zur Propaganda der Hitlerfaschisten noch verschĂ€rft, da sehr viele jĂŒdische Verfolgte in die USA geflĂŒchtet sind und dort – wie unmoralisch! – zum Teil auch noch Karriere gemacht haben.


Umso wichtiger ist es, dass wir erkennen, dass sich die Welt verĂ€ndert und der deutsche Imperialismus jetzt endlich seinen Platz an der Sonne bekommen will, nachdem er seit 1990 seine Stellung so stark verbessern konnte – aber ohne jede Aussicht, bald die Nummer 1 auf der Welt zu sein, was seine AggressivitĂ€t nur noch verstĂ€rkt. Antiamerikanismus hilft dieser Bestie, aber nicht der amerikanischen Friedensbewegung, die sehr gut auf RatschlĂ€ge ausgerechnet aus Deutschland verzichten kann. Warum zum Beispiel sollte man sich empören, wenn der frĂŒhere Außenminister der USA Henry Kissinger zur Eröffnung des jĂŒdischen Museums in Berlin eingeladen wird? Er wurde schließlich nicht zu einer Veranstaltung der VietnamsolidaritĂ€t oder zu einer Gedenkfeier fĂŒr Allende eingeladen, sondern zur Eröffnung des jĂŒdischen Museums. Henry Kissinger ist als Kind jĂŒdischer Eltern in FĂŒrth aufgewachsen. 1938 floh seine Familie in die USA. Kissinger ging als 16-JĂ€hriger in den USA arbeiten und besuchte eine Abendschule, um Buchhalter zu werden. Mit 19 wurde er zur Grundausbildung als Soldat gegen Hitlerdeutschland einberufen.

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Demonstration im Januar 1999 in MĂƒÂŒnchen unter dem Motto: „Wir unterstĂƒÂŒtzen Ignatz Bubis, alle Juden in Deutschland und alle Opfer von NS-Deutschland gegen das Vergessen und VerdrÀngen der deutschen Verbrechen – gegen den stÀrker werdenden Antisemitismus, der sich in Deutschland abzeichnet – gegen all diejenigen, die das grĂƒÂ¶ĂƒÂŸte Verbrechen der Menschheitsgeschichte relativiert haben wollen“. 300 Menschen verschiedenster Weltanschauung und Klassenlage kamen, um der Friedenspreisrede von Martin Walser und dem schrecklichen Echo, das sie in diesem Land gefunden hat, eine Antwort zu erteilen.
Das ist Kissingers Geschichte vor seiner mĂ€rchenhaften Karriere als amerikanischer Außenminister36. Unser Versagen als deutsche Arbeiterbewegung ist es, wenn dieser Mensch keine Möglichkeit hatte, in FĂŒrth seinen Lebensweg zu finden. Das ist alles, was es zur Einladung Henry Kissingers zur Eröffnung des jĂŒdischen Museums in Berlin zu sagen gibt. Außer noch diesen einen Satz Karl Liebknechts, der heute tĂ€glich wichtiger wird: Der Hauptfeind steht im eigenen Land! Und der heißt: deutscher Imperialismus.

Was ist zu tun?

FĂŒr die Arbeiterklasse ist das einzig lohnende Ziel die Überwindung der bĂŒrgerlichen Gesellschaft. Dieses Ziel kann sie aber nicht erreichen ohne fĂŒr die bĂŒrgerliche Gleichheit zu kĂ€mpfen, denn der Imperialismus heißt Reaktion auf der ganzen Linie und Verneinung der Gleichheit vor dem Gesetz, Verneinung der Errungenschaften der bĂŒrgerlichen französischen Revolution. Der Antisemitismus ist die aggressivste Kampfansage an die bĂŒrgerliche Gleichheit. Und deshalb ist es eine große Gefahr fĂŒr die politische Entwicklung in unserem Land, dass der Kampf gegen den Antisemitismus in der Arbeiter- und demokratischen Bewegung viel zu gering geschĂ€tzt wird.
Dieser Kampf ist nicht immer einfach, weil er schwierige BĂŒndnisfragen aufwirft. Da der Antisemitismus wahllos um sich schlĂ€gt und auch Kapitalisten angreift – das „raffende Kapital“, Rathenau, die US-Imperialisten, Immobilienmakler, die Treuhand ... – ist es auch notwendig, ein sehr breites BĂŒndnis einzugehen, zeitweise mit Menschen ein BĂŒndnis einzugehen, die man am anderen Tag vielleicht schon wieder als TrĂ€ger arbeiterfeindlicher Maßnahmen bekĂ€mpfen muss. Diese Schwierigkeit stellt sich ĂŒbrigens bei allen BĂŒndnisfragen, beim Kampf gegen den Antisemitismus aber besonders scharf, wegen der Wahllosigkeit, mit der er seine Opfer sucht.
Mit seiner alle Klassengrenzen ĂŒberschreitenden AggressivitĂ€t stellt der Antisemitismus die faschistische Volksgemeinschaft her und macht es umso nötiger, sich sogar mit angegriffenen Kapitalisten zu solidarisieren. Der Kampf darum, dass es nie wieder zu einem Auschwitz kommt, ist Kampf gegen den deutschen Imperialismus, ist der demokratische Kampf gegen seine aggressiven Bestrebungen und der revolutionĂ€re Kampf fĂŒr seinen Sturz. FĂŒr die Arbeiterklasse ist es wichtig, ihr Bewusstsein da-rĂŒber zu schĂ€rfen, dass sich der deutsche Imperialismus von anderen Imperialisten dadurch unterscheidet, dass er zu spĂ€t und zu kurz gekommen ist, dass er die Vollendung der bĂŒrgerlichen Revolution verhindert hat, dass er besonders aggressiv ist und diese AggressivitĂ€t auch darin zum Ausdruck kommt, dass er hemmungslos den Antisemitismus als tödliche Kriegswaffe genutzt hat. Was sollte ihn hindern, das wieder zu tun – wird er doch schon wieder von den Arbeitern und den Volksmassen unterschĂ€tzt!

Solange die Arbeiterklasse das nicht sieht, wird sie im besten Fall den Antisemitismus Ă€chten, dumm finden, nicht mitmachen, aber sie wird nicht gegen ihn kĂ€mpfen und nicht verhindern können, dass er wieder im großen Maßstab als Waffe nach innen und außen verwendet wird. „Ich habe keinen umgebracht“, sagen viele, wenn man darauf hinweist, dass wir nicht irgendwo leben, sondern in dem Land, das die grĂ¶ĂŸten Verbrechen der Menschheitsgeschichte zu verantworten hat. Es gibt aber einen Teil der Verantwortung, den die deutsche Arbeiterklasse fĂŒr die Vernichtung der Juden in Europa trĂ€gt, und das ist ihre UnterschĂ€tzung des Antisemitismus als grausame Waffe des deutschen Imperialismus.

Viele Voraussetzungen im Kampf gegen den deutschen Antisemitismus sind derzeit schlechter als in den zwanziger Jahren, was die Organisierung und das Klassenbewusstsein der Arbeiter betrifft. Aber eine Voraussetzung ist besser: das ist die geschichtliche Erfahrung unseres eigenen Versagens und unserer damaligen Unwissenheit in dieser Frage. Und diese Voraussetzung zu nutzen, das ist unsere jetzige geschichtliche Verantwortung!

Arbeitsgruppe „Gegen Antisemitismus“



Anmerkungen:
1 Geschichte des Hauses Siemens, hrsg. von der Siemens-Betriebsgruppe der Arbeiter-Basis-Gruppen, MĂŒnchen o.J. (ca. Anfang der siebziger Jahre), S.27/28
2 Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, hrsg. vom Institut fĂŒr Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Kapitel XII, Berlin 1968, S.94/95.
An dieser Stelle sind noch zahlreiche weitere Beispiele zu finden, die das oben Gesagte belegen.
3 Alle Fakten in diesem Abschnitt ĂŒber Globke: vgl. Hans Daniel, Der Weg zum Gaskammerstaat, junge Welt 03.03.2001
4 Siehe Neues Deutschland, 12.12.2001, S.4: „Warum Nazi-Unrecht kein Ende findet“
5 Franz Josef Strauß, Entwurf fĂŒr Europa, Stuttgart 1966
6 Die Zeit, 07.10.1988
7 Siehe PresseerklĂ€rung der Konferenz der Allgemeinen StudentenausschĂŒsse in Bayern, u.a. abgedruckt in: Kommunistische Arbeiterzeitung Nr.123, 18.10.1977, S.6
8 Siehe Kommunistische Arbeiterzeitung Nr.116, 13.07.1977, S.16: „Neue Hitlerwelle: Als wĂ€r’s ein StĂŒck von Riefenstahl“
9 Deutsche Volkszeitung vom 01.12.1977, „Der CSU-Chef ist ein ‚Sympathisant des Terrors’“, zitiert nach: Dokumentation Strauß in Chile, Anti-Strauß-Komitee, MĂŒnchen o.J., S.11
10 SĂŒddeutsche Zeitung, 24.11.1977, zitiert nach: Dokumentation Strauß in Chile, a.a.O., S.5
11 SĂŒddeutsche Zeitung, 25.11.1977, zitiert nach: Dokumentation Strauß in Chile, a.a.O., S.6
12 Monitor-Dienst vom 26.01.1978, zitiert in: Kommunistische Arbeiterzeitung Nr.132, 21.02.1978, S.21: „GedenkstĂ€tte fĂŒr den deutschen Imperialismus in Ägypten“
13 Kommunistische Arbeiterzeitung Nr.132, ebd.
14 Kommunistische Arbeiterzeitung Nr.185, 29.04.1980, S.1 „Wie groß ist die Kriegsgefahr?“
15 Die Opfer waren die beiden Asylbewerber Nguyen Ngoc Chau und Do Anh Lan. Siehe Kommunistische Arbeiterzeitung Nr.190, 09.09.1980, S.1, „Nein am 5. Oktober!“
16 Strauß im Interview mit dem französischen Journalisten Bernhard Völker, zitiert nach der Dokumentation einer Ausstellung „NĂŒrnberg – MĂŒnchen – Tandler und Hillermeier mĂŒssen zurĂŒcktreten“ des Anti-Strauß-Komitees MĂŒnchen/Regensburg, MĂŒnchen 1981, S.9
17 BĂŒrger im BĂŒndnis gegen Aggression, Hass und Gewalt, www.nordbayern.de/nb/buendnis/buendnis_fort02.html
18 konkret 3/87, S.24
19 Ebenda
20 Walter Momper, SPD, damals „Regierender BĂŒrgermeister“ von Westberlin, nach der Öffnung der Staatsgrenze der DDR im November 1989, siehe Die Zeit 14/2001 „Der Phantomstolz“
21 Siehe Ralph Hartmann, „Die ehrlichen Makler“, Berlin 1999, S.14/15. Hartmann zitiert dort die Berliner Zeitung vom 19.12.1991, in der Peter W. Schroeder (Washington) Folgendes berichtet hat: „US-PrĂ€sident George Bush hat seine regelmĂ€ĂŸige Telefoniererei mit dem Bonner Bundeskanzler eingestellt, denn der Chef der amerikanischen Supermacht ist verĂ€rgert. ‚Bonn lĂ€sst in der Jugoslawienfrage die Muskeln spielen’, erklĂ€rte ein Sprecher des USA-Außenministeriums, ‚und das ist uns gar nicht recht’.
In großer Aufmachung verkĂŒndigte die ‚New York Times’ das Ende des ‚Zeitalters des politischen Zwergs Deutschland’. Und der amerikanische UNO-Botschafter Thomas Pickering grummelte ĂŒber die Geburt der ‚Großmacht Deutschland’.
Nach Ansicht der Regierung in Washington leisten sich die Deutschen derzeit auch Unerhörtes: Gegen den erklĂ€rten Willen der amerikanischen Regierung will Bonn die UnabhĂ€ngigkeit der jugoslawischen BĂŒrgerkriegsrepubliken Slowenien und Kroatien anerkennen...
Nach amerikanischer EinschĂ€tzung ist Bonn ... zum ‚großen Bruder’ auf Konfrontationskurs gegangen: ‚Durch die Überwindung der deutschen Teilung sind die Deutschen in eine politische FĂŒhrungsrolle in Europa hineingewachsen’, erklĂ€rte ein Berater von James Baker. ‚Und mit einem in der Nachkriegszeit nicht erlebten Selbstbewusstsein fĂŒllen sie diese Rolle jetzt auch sehr aktiv aus’ ...
Helmut Sonnenfeld von der Washingtoner ‚Denkfabrik’ Brookings-Institution glaubt, dass die amerikanische Regierung das neue deutsche Selbstbewusstsein wie ein Schlag getroffen hat ... Befreit von RĂŒcksichtnahmen wegen des Ost-West-Konfliktes wĂŒrden sich die Deutschen jetzt so mĂ€chtig benehmen, wie sie es eigentlich schon vorher gewesen seien ...“
22 dpa-Meldung, die am 28.08.2001 von verschiedenen Zeitungen gebracht wurde.
23 Karin Übelacker/Martin Semmel, Antisemitismus im neuen Deutschland, in: Arbeitskreis Kritik des deutschen Antisemitismus, Antisemitismus – die deutsche NormalitĂ€t, Freiburg 2001, S.234. „Sonderbehandlung“ hieß im Nazi-Jargon die Ermordung der Juden.
24 Jungle World Nr.40/2001
25 Mossad: Der israelische Geheimdienst (d.Arbeitsgruppe)
26 Alle hier angefĂŒhrten Zitate von Horst Mahler wurden im Internet gefunden.
27 Handelsblatt 16.09.2001
28 SĂŒddeutsche Zeitung 17.09.2001
29 Neues Deutschland, 03.12.2001
30 SĂŒddeutsche Zeitung, 18.02.1999. Ähnlich Ă€ußerte sich Schröder auch in der SAT1-Sendung „Talk im Turm“ am 01.11.1998
31 NS-Zwangsarbeit – Warnung vor neuem Antisemitismus – Gregor Gysi zu Verhandlungen ĂŒber eine EntschĂ€digung fĂŒr NS-Zwangsarbeit (29.10.1999), in: Pressedienst PDS Nr.44, 05.11.1999, S.10
32 Kommunistische Arbeiterzeitung Nr.294, S.22/23: „Das Denkmal fĂŒr die ermordeten Juden Europas – Wessen Nutzen, wessen Schaden?“
33 Martin Walser, Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede aus Anlass der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.1998. Die Rede ist im Internet abrufbar u.a. unter www.dhm.de/lemo/html/dokumente/WegeInDieGegenwart_ redeWalserZumFriedenspreis oder www.literaturseiten.de/walser.htm
34 Siehe Jungle World Nr. 39/2001, „Ideenlose Sammler“
35 SAT1-Sendung „Talk im Turm“ am 01.11.1998
36 Walter Laqueur, Geboren in Deutschland – Der Exodus der jĂŒdischen Jugend nach 1933, Berlin – MĂŒnchen 2000, S. 167/168




 
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  Kommentar zum Artikel von Roland:
Dienstag, 12.12.2006 - 20:46

Dachte ich mir mit der Nachtschicht! Jedenfalls sehr toll geworden!


  Kommentar zum Artikel von secarts:
Dienstag, 12.12.2006 - 18:29

ich hab 'ne Nachtschicht eingelegt

Manche Themen sind eben zu wichtig, um lange zu warten...


  Kommentar zum Artikel von Roland:
Dienstag, 12.12.2006 - 17:03

Toll wie schnell Du das umgesetzt hast!