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Es ist ein besonders beliebtes Gentechnik-Märchen: das jedes Mal aufs Neue magisch wirkende Versprechen von der Abschaffung des Hungers und der Bekämpfung der Mangelernährung in der Welt. Solche Argumente sind nicht nur Schönfärberei und Dummenfang. Sie dienen vor allem den Konzernen zur Legitimation ihres Handelns.
Hunger auf der einen Seite und Überfluss auf der anderen – beides in sehr unterschiedlichen Ausprägungen, aber dennoch sowohl in unterdrückten als auch Unterdrückerländern – sind ein besonders übler Ausdruck des Widerspruchs zwischen der Vergesellschaftung der Produktion, durch deren Zunahme die Produktionspotenzen anschwellen und der privaten Aneignung, die vielen Menschen nicht einmal mehr die Reproduktion erlaubt. Und die Zahl dieser Menschen steigt weiter an.1

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Vor noch gut 20 Jahren – 1980 – wurden lt. FAO schon 500 Millionen hungernde Menschen auf der Erde gezählt. Heute leiden 800 Millionen Menschen an chronischer Unterernährung, wovon zirka 24.000 täglich an den Folgen sterben. 33 Länder sind vom Ernährungsnotstand bedroht: mehr als 60 Millionen Menschen in 16 Ländern Afrikas, 11 in Asien, vier in Lateinamerika und zwei in Europa sind vom Risiko der Unterernährung bedroht.2
1996 wurde in Rom auf dem Sondergipfel beschlossen, die Zahl der Hungernden bis zum Jahre 2015 um die Hälfte zu reduzieren. Der UN-Millenniumsgipfel im September 2000 hat dieses Ziel erneut bestätigt. Aber an der 800 Millionen-Schwelle hat sich bis heute nichts geändert. Darüberhinaus: kaum weitet sich der Imperialismus auf Osteuropa aus, schon gibt es erneut Hunger und Armut in erheblichem Umfang in Ländern, die sich einmal vom Joch des Kapitals befreit hatten und jetzt wieder in seine Abhängigkeit geraten sind.

Weltweit stehen aber genug Nahrungsmittel zur Verfügung, um alle Menschen auf dieser Erde satt zu machen, sagt die Welternährungsorganisation FAO. Die Ursachen für den Hunger liegen nach Auffassung der FAO weniger in Naturkatastrophen wie Dürre und Überschwemmungen, sondern seien mehr struktureller Art, hervorgegangen aus dem engen Zusammenhang zwischen Armut und Hunger. Der wahre Hintergrund wird damit sehr gut verschleiert. Denn die Probleme „struktureller Art“ liegen in der Art und Weise der kapitalistischen Produktions- und Verteilungsweise. Beides – Armut und Hunger – haben weitgehend ein und dieselben Ursachen: die Ausbeutung von Menschen, Boden und Natur durch das Kapital und seine Kriege um Ressourcen und Märkte.
Biopiraterie, Aneignung des Saatgutes bis zum Gen-Food, Zerstörung traditioneller einheimischer Märkte in den in Unterentwicklung gehaltenen Ländern und schließlich Ausweitung des Kapitals auf neue Märkte sind an der Tagesordnung. In den reichen Ländern leben nur 20 Prozent der Weltbevölkerung, doch die Industrieländer kontrollieren vollständig die globalen Exportmärkte. 68 Prozent der ausländischen Direktinvestitionen haben hier ihre Besitzer. Das imperialistische Finanzkapital kontrolliert die Nahrung dieser Welt.

„Der Reichtum zu vermehren, der unsere Armut macht!“

Es werden nicht zu viel Lebensmittel produziert im Verhältnis zur vorhandnen Bevölkerung. Umgekehrt. Es werden zu wenig produziert, um der Masse der Bevölkerung anständig und menschlich zu genügen. ... Aber es werden periodisch zu viel Arbeitsmittel und Lebensmittel produziert, um sie als Exploitationsmittel der Arbeiter zu einer gewissen Rate des Profits fungieren zu lassen. ... Sie (die Produktion) kommt zum Stillstand, nicht wo die Befriedigung der Bedürfnisse, sondern wo die Produktion und Realisierung von Profit diesen Stillstand gebietet.“3
Das schrieb Marx als Ergebnis seiner Untersuchungen des Konkurrenzkapitalismus, wo der Hunger sozusagen das „normale“ Ergebnis der kapitalistischen Produktionsweise war. Um wie viel mehr verstärkt sich diese Gesetzmäßigkeit, wenn Monopole durch zeitweise Beherrschung der Märkte und Nahrungsquellen den Hunger z.B. durch Verknappung organisieren und für die Erzielung von Monopolprofit einspannen können.

Es funktioniert im Grunde genommen wie bei den Miethaien, trotz Überfluss an leer stehenden Wohnungen (trotz Überfluss an Nahrung), und obwohl Profit nur gemacht wird, wenn sie sie vermieten (Nahrungsmittel verkaufen), wird gerade deshalb nur Monopolprofit gemacht, wenn die Preise durch Leer-stehen-lassen (Verknappung) künstlich in die Höhe getrieben werden. Es lässt sich mit weniger mehr Profit machen.

Hunger der Massen sorgt mit für den Reichtum der herrschenden Minderheit. So ist z.B. der Reichtum der drei reichsten Personen der Welt größer als die Summe des Bruttoinlandsproduktes der 48 am wenigsten entwickelten Länder mit ihren 600 Millionen Einwohnern. Und: Die reichen Länder geben jährlich 780 Milliarden Dollar für militärische Zwecke aus! Denn Drohung mit Gewalt, Militär und Kriege gehören unvermeidlich zu diesem System – zum Schutz der Reichen und zur Reproduktion des Hungers.

Es ist Tatsache, je mehr Getreide und Fleisch in der Welt produziert wurde, umso mehr Hunger gibt es. Trotz Rekordernten sterben in der eiweißreichen Kornkammer Argentinien die Kinder der Ärmsten an den Folgen von Unterernährung, Eiweiß- und Vitaminmangel. Übrigens werden 99% des dortigen Sojas mit transgenen Pflanzen angebaut. In Argentinien gibt es mehr Kühe als Menschen. Das Land produziert so viele Lebensmittel, dass es damit fast das Zehnfache seiner eigenen Bevölkerung ernähren könnte. Brasilien verbesserte in der Hitliste der Exportnationen für Schweinefleisch seine Position bei Schweinefleischexporten innerhalb von nur 2 Jahren vom zehnten auf den vierten Platz. An die 70 kg Sojaschrot frisst das moderne Schwein, um in einem halben Jahr zur Schlachtreife heranzuwachsen. Steht sein Stall in Deutschland, dann ist rund ein Drittel des Eiweißinputs brasilianischen Ursprungs. Zur Erzeugung einer Kalorie Rind- oder Schweinefleisch muss jedoch der zehnfache Energiewert an Getreide eingesetzt werden. Damit steht die Tierproduktion in vielen Entwicklungsländern in direkter Nahrungskonkurrenz zu den Menschen.

Im größten Bewässerungsobjekt der Welt – im sudanesischen Nil-Dreieck zwischen blauem und weißem Nil, eine Fläche so groß wie die ehemalige DDR, wird fast ausschließlich Baumwolle angebaut – für einen Großhändler, der in London sitzt, um sie nach asiatischen Ländern zur Verarbeitung schippern zu lassen. Auf fruchtbarstem Boden, der auch Getreide, Obst und Gemüse tragen würde, schuften Kinder und Frauen für unsere Wegwerfbekleidung und hungern dafür. In Indien hungern Tausende. Indien ist aber auch gleichzeitig das größte Reis-exportierende Land der Welt. Hunger hat vor allem auch ein afrikanisches Gesicht. Allein 25 Länder, die in Afrika südlich der Sahara liegen, leiden wegen Bürgerkriegen, Wassermangel, wirtschaftlicher Probleme und einer wachsenden Zahl von Flüchtlingen und Vertriebenen an Nahrungsmittelmangel.
Schizophren? Nein. System! Die Ursachen von Hunger sind augenscheinlich unterschiedlich und dennoch haben sie einen gemeinsamen Nenner.

In den „Entwicklungsländern“ leben drei Viertel jener Familien, die an Armut und chronischem Nahrungsmangel leiden, in ländlichen Gebieten. Ihr Lebensunterhalt ist direkt oder indirekt von der Landwirtschaft oder der Fischerei abhängig. Ihre Armut wird meist durch den Mangel an verfügbarem, qualitativ gutem Land verursacht. „Selbst dort allerdings, wo solches vorhanden ist, führen Mangel an Geld und/oder Know-how für die Produktionssteigerung zu Hunger“, schreibt auch die FAO in einem Bericht. Armut und Hunger in den Entwicklungsländern können nach Einschätzung von Experten nicht durch den Einsatz grüner Gentechnik beseitigt werden. „Das ist eine Illusion“, sagte die Direktorin des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP), Sakiko Fukuda-Parr, bei einer Tagung in der Evangelischen Akademie zu Berlin 20034 . Das ist aber nur die halbe Erkenntnis, denn Hunger ist kein Problem der Technik. Der Inder Devinder Sharma vom Forum Biotechnologie und Ernährungssicherheit in Neu-Delhi kommt der Ursache schon etwas näher: in Indien seien ausreichende Nahrungsmittelvorräte vorhanden. Sie müssten nur den Armen zur Verfügung gestellt werden. Dieses „Verfügungsrecht“ wird ihnen aber strittig gemacht.

Goldener Reis ...

Die Koryphäen der Genforschung lassen es sich nicht nehmen, wenigstens noch ein bisschen an ihrem alten Propagandamärchen fest zu halten. „Die Gentechnik könne zwar das Hungerproblem nicht lösen, aber einen winzigen Anteil daran haben“, sagte Professor Klaus-Dieter Jany von der Bundesforschungsanstalt für Ernährung in Karlsruhe.
Eine semantische Spitzfindigkeit zwar, aber immerhin hat er verglichen zum früheren Standpunkt zwar keine ganze, aber eine halbe Wende vollzogen. Schließlich werden inzwischen – zwar noch größtenteils im Versuchsstadium – Papayas, Süßkartoffeln und andere exotische Früchte – gentechnisch manipuliert. Auch hält er und seine Kollegen an der Auffassung fest, dass die Gentechnik beim Ausgleich von Mangelernährung durchaus eine Rolle spielen könne. Gentechnisch veränderter, mit Vitamin-A angereicherter Reis („Golden Rice“) soll jetzt beispielsweise eine sinnvolle Lösung sein, so Jany. Selbst von den mit Vitamin-A-Mangel betroffenen Ländern ist diese These widerlegt worden, da bei den Klein- und Subsistenzbauern dieser Reis erstens gar nicht ankommt bzw. nicht bezahlt werden kann, zweitens eine Supplementierung im Obst- und Gemüseanbau billiger und in Bezug auf weitere Vitamine und Mineralstoffe viel sinnvoller ist und drittens der Vitamin-A-Reis mit seiner gelben Farbe nicht zu deren Kultur passt.

Vitamin A ist fettlöslich – gerade an ölhaltiger Nahrung mangelt es aber in vielen armen Ländern. Entscheidender ist die Tatsache, dass in diesen Ländern bereits kostengünstige Projekte erfolgreich sind: Vitamin-A-Pillen helfen kurzfristig. Langfristig wird der Anbau von einheimischem Blattgemüse in kleinen Hausgärten gefördert – grüne Blätter enthalten nämlich besonders viel Provitamin A. In Bangladesh, Thailand und Indonesien konnte die Anzahl der auf Grund von Vitamin-A-Mangel erkrankten Kinder so um 2/3 gesenkt werden. Davon abgesehen verursacht die einseitige Reis-Ernährung gleichzeitig Vitamin-B , Jod- und Eisenmangel. Insbesondere der zu Blutarmut und Immunschwäche führende Eisenmangel stellt mit etwa zwei Milliarden Betroffenen ein viel größeres Problem als der Vitamin-A-Mangel dar. Schließlich wird um den Vitamin-A-Reis so viel Aufsehen gemacht, weil es letztendlich um eine riesige weltweite PR-Kampagne für Gen-Tech-Food geht. Endlich haben die Saatgutmonopole jetzt das Beispiel, das Akzeptanz schaffen soll. Damit aber der Altruismus nicht in den Himmel wächst, wurde der „goldene“ Reis inzwischen patentiert (für Großabnehmer) und somit universitäre zu einem großen Teil aus Steuergeldern finanzierte mehrjährige Forschung privatisiert.

Lebenswichtige Mikronährstoffe in jene Pflanzenteile zu konzentrieren, die verzehrt werden, kommt zweifellos den armen Konsumenten zugute, wenn sie denn die bessere Qualität bezahlen könnten und Zugang zum Saatgut besäßen. Aber auch an dieser Stelle muss in erster Linie gefragt werden, warum sind diese Menschen arm, was sind die Ursachen für einseitige Ernährung und mit welchen Mitteln soll diese Armut im Interesse der Betroffenen bekämpft werden? Liegt es nur am fehlenden Vitamin, an der Subsistenzwirtschaft, an der Technik, am Geld? Und wenn wir ihnen das Vitamin A - den Brosamen aus der „ersten Welt“ übergeben, dann stellen wir fest, dass Vitamin B fehlt oder das Eisen oder... Was den Völkern der Welt fehlt, ist das, wofür sie und ihre Lebensgrundlagen ausgenutzt werden, für den Reichtum der ehemaligen Kolonisten und „Herrenländer“, die heute noch als Minderheit in die Taschen der Mehrheit greifen.

... Gold für wen?

Der Hunger ist eine Folge der herrschenden kapitalistischen Eigentumsverhältnisse, der Vergesellschaftung der Produktion aber privaten Aneignung und daraus resultierenden ungerechten Verteilung der Reichtümer auf unserer Welt und nicht die Frage einer neuen Technologie.
Die grüne Gentechnik in den Händen der ausbeutenden Minderheit wird diese Ungleichheit noch verschärfen, denn sie ist eine teure Technologie, sie privatisiert, patentiert und treibt die armen Länder weiterhin in eine tiefe Abhängigkeit von Saatgutmultis. Diese zerstören mit ihren „einfältigen Kulturpflanzen“ die Lebensgrundlage von Millionen Menschen. „Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen allen Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“5 Nach wie vor weiden unsere Kühe am La Plata und kommt das Tierfutter, selbst das so wertvolle und eiweißreiche Fischmehl, aus den Ländern mit Hunger, wo wir doch selbst Nahrungsmittel vernichten, Butter in die Intervention (staatlicher Aufkauf von Überschüssen) schicken und staatlich subventioniertes Milchpulver an die „Dritte Welt“ zurücksenden.

• KAZ #305 [Ausschnitt]
KAZ #305 [Ausschnitt] (© by Gruppe KAZ)
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Die biologischen Schätze der Erde wurden unablässlich der Unterwerfung und Ausbeutung ausgesetzt. Einst begonnen mit großen Erkundungen der neuen Welt werden heute noch Pflanzungskolonien der Industrieländer in den in Unterentwicklung gehaltenen Ländern forciert – aber mit raffinierten politischen Druckmitteln, wirtschaftlichen wie Finanzmittel über Internationalen Währungsfonds, Weltbank, Tochtergesellschaften der großen internationalen Monopole. Nicht zuletzt hat auch die so genannte Entwicklungshilfe – das politische Mäntelchen der Barmherzigkeit – einen nicht unerheblichen Anteil an fehlgeleiteter zum Teil nutzloser Hilfe für die Hungernden. Hungerhilfe – über die Produktion und Verarbeitung teilweise mehrfach staatlich subventioniert, fließt im Interesse der Konzerne und als Instrument der imperialistischen Kolonialpolitik in Geldform aus Steuergeldern vom Staat direkt in die Taschen der Konzerne. Sie verhindern, dass sich Entwicklungsländer ihre eigene Produktionsbasis aufbauen oder die für die eigene Ernährung erforderliche Menge im Lande behalten. Das Futter für die Armen wirft nichts ab, wenn sie sich selbst ernähren, deshalb muss es durch die Taschen der Großgrundbesitzer, Großhändler, Exporteure, Spekulanten und schließlich als willkommene Geste der chauvinistischen Politiker fließen.

Auch die Entwicklungshilfe hat neue „Spender“ bekommen: werden doch aus den Töpfen der Monsantos, Bayers & Co. Forschungsprojekte für transgene Pflanzen in den Entwicklungsländern finanziert – verglichen zu den zu erwartenden Gewinnmargen jedoch Portobeträge. Und wie sich herausstellt, sind es merkwürdigerweise die Pflanzen der Industrieländer: Gen-Mais, -Weizen, -Soja und -Reis – die zum Wohle der Pflanzenschutzmittel-Industrie beforscht werden. Der Anlass zu solchen „Wohltaten“: keine Sicherheitsvorkehrungen, kein Risiko, keine Verantwortung.

Um den Hunger zu überwinden, bedarf es einer Agrarreform mit großen revolutionär-demokratischen Umwälzungen zur Nationalisierung von Grund und Boden. Nur denen das Land, die es bestellen. Denn die Geschichte des Kolonialismus setzte sich – wenn auch auf wesentlich verschleierter und auf einem entwickelten Niveau – nicht nur mit der „Grünen Revolution“ fort, sondern wird nun auch mit dem Überstülpen einer „Biotechnologischen Revolution“ in der alten Bevormundung seinen Fortgang finden. Die Bevormunder sitzen – wie man weiß – bei uns in den imperialistischen Ländern. Ihnen das Handwerk zu legen, ist die vornehmste Aufgabe zur Befreiung der Welt vom Hunger. Dass das keine Utopie ist, dass wir Erfahrungen haben, an denen wir anknüpfen können, zeigt die DDR, die den Anfang in unserem Land gemacht hatte, um Junker und Monopol zu enteignen – und gerade deswegen den Hunger vertreiben konnte – auch wenn die Banane noch immer importiert werden musste. Hier könnte Gentechnik wahrlich Abhilfe schaffen.

Savoi/Arbeitsgruppe Gentechnologie


Anmerkungen:
1
Da nicht Befriedigung der Bedürfnisse, sondern Produktion von Profit Zweck des Kapitals, und da es diesen Zweck nur durch Methoden erreicht, die die Produktionsmasse nach der Stufenleiter der Produktion einrichten, nicht umgekehrt, so muss beständig ein Zwiespalt eintreten zwischen den beschränkten Dimensionen der Konsumtion auf kapitalistischer Basis und einer Produktion, die beständig über diese ihre immanente Schranke hinausstrebt. ... Wird gesagt, dass nicht allgemeine Überproduktion, sondern Disproportion innerhalb der verschiednen Produktionszweige stattfinde, so heißt dies weiter nichts, als dass innerhalb der kapitalistischen Produktion die Proportionalität der einzelnen Produktionszweige sich als beständiger Prozess aus der Disproportionalität darstellt, indem hier der Zusammenhang der gesamten Produktion als blindes Gesetz den Produktionsagenten sich aufzwingt, nicht als von ihrem assoziierten Verstand begriffnes und damit beherrschtes Gesetz den Produktionsprozess ihrer gemeinsamen Kontrolle unterworfen hat. Es wird weiter damit verlangt, dass Länder, wo die kapitalistische Produktionsweise nicht entwickelt, in einem Grad konsumieren und produzieren sollen, wie er den Ländern der kapitalistischen Produktionsweise passt. Wird gesagt, dass die Überproduktion nur relativ, so ist dies ganz richtig; aber die ganze kapitalistische Produktionsweise ist eben nur eine relative Produktionsweise, deren Schranken nicht absolut, aber für sie, auf ihrer Basis, absolut sind. Wie könnte es sonst an Nachfrage für dieselben Waren fehlen, deren die Masse des Volks ermangelt, und wie wäre es möglich, diese Nachfrage im Ausland suchen zu müssen, auf fernem Märkten, um den Arbeitern zu Hause das Durchschnittsmaß der notwendigen Lebensmittel zahlen zu können? Weil nur in diesem spezifischen, kapitalistischen Zusammenhang das überschüssige Produkt eine Form erhält, worin sein Inhaber es nur dann der Konsumtion zur Verfügung stellen kann, sobald es sich für ihn in Kapital rückverwandelt. Wird endlich gesagt, dass die Kapitalisten ja selbst nur unter sich ihre Waren auszutauschen und aufzuessen haben, so wird der ganze Charakter der kapitalistischen Produktion vergessen und vergessen, dass es sich um die Verwertung des Kapitals handelt, nicht um seinen Vermehr. Kurz, alle die Einwände gegen die handgreiflichen Erscheinungen der Überproduktion (Erscheinungen, die sich nicht um diese Einwände kümmern) laufen darauf hinaus, dass die Schranken der kapitalistischen Produktion keine Schranken der Produktion überhaupt sind und daher auch keine Schranken dieser spezifischen, der kapitalistischen Produktionsweise. Der Widerspruch dieser kapitalistischen Produktionsweise besteht aber gerade in ihrer Tendenz zur absoluten Entwicklung der Produktivkräfte, die beständig in Konflikt gerät mit den spezifischen Produktionsbedingungen, worin sich das Kapital bewegt und allem bewegen kann.“ (Marx: Das Kapital, in: MEW Bd. 25, S. 267)
2 Welternährungsbericht 2002, UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO
3 Marx: Das Kapital, MEW Bd. 25, S. 267-269
4 Ticker epd v. 01.07.2002
5 Karl Marx: Das Kapital, MEW, Bd. 23, S. 529


dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung aus der KAZ - Kommunistische Arbeiterzeitung - Nummer 305 übernommen.