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Von Alex

Wer heutzutage nicht viel Geld hat, hat es schwer. Hohe Steuern und Sozialversicherungsbeiträge, üppige Miete, KFZ-Versicherung und Sprit...da bleibt schon fast nichts mehr übrig vom Lohn. Und das bei all der harten Arbeit. Doch einige sind noch übler dran, zahlen noch viel höhere Steuern, riesige Mieten, ihre Autos sind kostspieliger und schlucken noch mehr Sprit. Überdies zollt ihnen die Gesellschaft für all ihre Arbeit keinen gebührenden Respekt, ja stellt sie sogar als Sünder dar! Es sind - die Reichen!

Teil VII


Wer unter solch beschwerlichen Umständen leben und überleben muss, der kann sich freuen, denn FAZ.net, von Mitgefühl ganz benommen, stellt in dem Artikel Warum ist Reichtum keine Sünde? einmal ihre Nöte und Ängste in den Mittelpunkt.

Und was sind das für Nöte! Schon vor tausenden Jahren wurde ihnen in der Bibel symbolisch das Himmelstor durch ein Schloss von der Größe eines Nadelöhrs versperrt, das nur mit einem Kamel zu öffnen ist. Von aller christlichen Welt hatte wohl nur Calvin etwas für privaten Reichtum übrig, deshalb wurde seine Lehre auch vom Kontinent auf die ketzerische Insel verbannt. Selbst in der heutigen Zeit kümmern sich die Christen, so FAZ.net empört, vor allem um die "Mühseligen und Beladenen"; dabei ist das Seelenheil schon lange nicht mehr käuflich und der bloß mit Geld Beladene muss leer ausgehen.
So verbündet sich alle Welt, allen voran Kirche und Gewerkschaft, gegen die Wohlhabenden, nur um eins zu bekommen: ihren Wohlstand! Dabei sind die Gutverdiener doch deutlich in der Minderheit, aber bekommen sie einen Minderheitenschutz? Denkste! Sie kriegen noch eine rein von Seiten des Staats, mit Erbschaftssteuer und der sogenannten Reichensteuer, und keinen kümmert's.

Die armen Reichen! (Der musste jetzt mal sein.) Für die FAZ, die sich da auskennt, ist Reichtum viel mehr der "Beweis von Arbeit, Klugheit und Erfolg", wenn auch noch offenbleibt, ob alle drei Attribute sich auf eine Person beziehen. Dabei war das früher wohl anders: im "Merkantilismus, dem Zeitalter der Sonnenkönige" (Merkantilismus ist übrigens keineswegs ein Begriff für eine Epoche oder gar ein Zeitalter, sondern für eine spezielle Richtung ökonomischer Theorien), also wohl im französischen Spätfeudalismus, gab es Prunk und Protz, man kokettierte mit seinem Reichtum wie es heute manche Journalisten mit ihrer Ignoranz tun.

Dabei steckt doch der meiste Reichtum in den Kapitalien und Arbeitsplätzen, ist also gut für die Gesellschaft. Privat leben viele dieser Aktiensammler "vergleichsweise bescheiden, anders als manche Pop- und Fußballstars, denen wir (FAZ.net) ihren Wohlstand meist viel weniger neiden." Warren Buffett, der reichste Spekulant weltweit, will sogar einen wahnsinnig hohen Teil seines Vermögens an notleidende Menschen in Afrika spenden, und spendet es an den notleidenden Menschen Bill Gates.

Wenn es heute noch Armut gibt, dann ist doch nicht der Reichtum Schuld, stellt FAZ.net fest, sondern der noch fehlende Reichtum. Als Beispiel wird die industrielle Revolution genannt: "Es fehlte, ähnlich wie heute in vielen Entwicklungsländern, einfach an genügend Kapital, um die rasch wachsende Bevölkerung mit Arbeitsplätzen zu versorgen. Nicht die Gewerkschaften, sondern der aufblühende Kapitalismus mit seinen riesigen Investitionen hat das Problem schließlich gelöst." Logisch, nicht?

Absolut nicht, denn wer ohne Vorzeichenfehler Jahreszahlen voneinander substrahieren kann, der wird feststellen, dass in England (passt als Beispiel hier am besten) nicht die schnell wachsende Bevölkerung den Wachstum des Kapitals verursacht hat, sondern umgekehrt. Zuallererst gab es kaum Bevölkerungswachstum, sondern viel mehr Urbanisierung, die Landbevölkerung wurde in die Städte getrieben. Also Konzentration der Bevölkerung, wodurch dem entstehenden Kapital viele billige Arbeitskräfte parat gestellt wurden, die es gnadenlos ausbeutete. Viele Menschen verdienten so wenig, dass sie ihre ganze Familie samt Kindern in die Fabrik schicken mussten, allein um dem Hunger zu trotzen. Dass bei hoher Bevölkerungskonzentration und der zunehmenden ökonomischen Wichtigkeit der Kinder in den Arbeiterfamilien die Bevölkerung rasch wuchs, ist logisch. Dadurch nahm jedoch die Armut nur weiter zu, aber "der aufblühende Kapitalismus mit seinen riesigen Investitionen hat das Problem schließlich gelöst", und zwar im malthusschen Sinn, nämlich durch menschenfeindliche Lebens- und Arbeitsbedingungen, die z.B. das Durchschnittsalter der Arbeiter Manchesters zeitweise auf nur 15 Jahre runterdrückte. Schließlich entstand eine starke Gewerkschaftsbewegung, die auch angesichts der politisch labilen Lage des damaligen Europas in der Lage war, Reformen zu erkämpfen und das Los der Arbeiter zu verbessern.

Aber zurück zu den Reichen, oder zumindest zu den Reichen in spe. Der typische Mittelständler ist z.B. auch außerhalb der Arbeitszeit mit seinem Unternehmen beschäftigt, muss über Finanzen, Bilanzen un Investitionen grübeln, während die Arbeiter sich 'nen schönen (aber bitte nicht so teuren) Tag machen: "Zumal der materielle Wohlstand besteuert wird, die Freizeit aber nicht."
Aber, kanzelredet die FAZ, "im Übrigen ist ein großer Teil des Vermögens heutzutage gleichsam 'unsichtbar'. Es besteht nämlich gerade für den Normalbürger nicht zuletzt in seinen Ansprüchen an die Renten- und Krankenversicherung, die sich leicht auf sechsstellige Beträge addieren können", welche dann allerdings auch den ganzen Lebensrest reichen sollten, also die optimistische Addition unter Berücksichtigung heutiger Preisentwicklung im Gesundheitswesen in eine griesgrämige Division umschlagen kann.
Es gibt aber auch noch das Wissen und die Bildung der Menschen, die leider in der Tat allzu oft nicht nur als "Vermögen" "gleichsam 'unsichtbar'" bleiben. Hat man kein Geld und kann die Miete nicht zahlen, hilft es auch nicht viel, wenn uns FAZ.net versichert: "Dieses Humankapital ist im Zweifel viel wertvoller als etwa ein geerbtes Häuschen."

Gegen Ende des Artikels kann sich die FAZ allerdings nochmal an der Tatsache erfreuen, dass "alle egalitären Wirtschaftsordnungen dagegen letztlich, und zwar sowohl ökonomisch als auch moralisch" gescheitert seien. "Die Menschen haben in ihnen weder mehr Wohlstand noch mehr Gerechtigkeit gefunden, sondern letztlich nur neue Herren, die sie unterdrückt und die sich auf ihre Kosten bereichert haben." Hört, hört! Dabei war es zumindest in unserer Welt so, dass z.B. Russland nach dem Zarentum innerhalb weniger Jahrzehnte von einem hauptsächlich feudalen Bauernland sich zu einer fortschrittlichen Wirtschaftsnation aufschwingen konnte, dass selbst im militärischen Vergleich mit dem hochentwickelten Industrieland Deutschland bestehen konnte. Auch in China werden heute die Menschen ohne Schwierigkeiten alle satt und leben teilweise schon sehr exquisit, und das bei Städten und einer Bevölkerung, die in ihren Dimensionen weltweit einzigartig sind, was allerdings hierzulande schon langsam zum Problem wird.

Einen wichtigen Aspekt hat FAZ.net allerdings weggelassen, denn all der Reichtum muss ja auch irgenwoher kommen. Wenn man einen dieser Unternehmer fragt, so sind sie sich meistens einig, dass sie ihre Waren über Wert verkaufen, und wollen nicht zuletzt, durch ein paar blumige Beispiele ausgeschmückt, damit ihre geschickten Handels- und Managementtalente darstellen. Ein wenig Nachdenken bleibt dabei wiedermal "gleichsam 'unsichtbar'", denn wenn wir das Gesamtprodukt an Waren einer beliebigen kapitalistischen Nation nehmen, so wird nicht ersichtlich, wie man alle Waren insgesamt zu überhöhten Preisen verkaufen könnte, erstens ohne sich damit selbst zu benachteiligen, da man ja auch nicht überteuert einkaufen will; zweitens der Konkurrenz aus anderen Ländern ohne hohe Zölle (die so gut wie abgeschafft sind) irgendwie Einhalt gebieten will; und drittens nicht eine bloße Inflation auslöst.
Es muss also eine andere Quelle des Reichtums geben, und zwar keine Quelle, die primär in der Verteilung des Reichtums zu suchen ist, sondern in der Produktion, denn wer nix hat, kann nix zu seinen Gunsten verteilen. Produzieren tun allerdings nicht die Kapitalisten, sie haben höchstens die Oberaufsicht und die Organisation (sofern nicht selbst das abgegeben ist an Manager). Die Arbeiter produzieren; und diese haben allein das Verlangen, von ihrer Arbeit den Lebensunterhalt bestreiten zu können, und vielleicht ein bisschen für die Kinder oder für die Zukunft aufzusparen. Nun weiß der Arbeiter in etwa, was ihn das monatliche Leben kostet, allerdings nicht, was er in der Zeit an Wert produziert, denn durch die hohe Teilung der Arbeit sind die einzelnen Arbeiten qualitativ nicht vergleichbar. Man sieht z.B. beim Bau eines Autos einen, der die Türen einschraubt, einen, der den Motor einpasst, einen für die Kofferraumplatte etc. Alle Handgriffe sind nötig für das Endprodukt, aber man kann nicht sagen, wieviel sie im Einzelnen wert sind. Die Produktion lohnt jedoch für den Kapitalisten nur, wenn er am Ende nicht noch draufzahlt. Und die Kosten für die Rohstoffe und Anlagen sind gegeben, die kann er nicht oder kaum günstiger kaufen bzw. teurer weiterverkaufen (sonst wäre er ein Händler, kein produzierender Kapitalist wie in unserem Beispiel). Daher ergibt sich logischerweise die Schlussfolgerung:
Der Arbeiter kann durchschnittlich nicht so viel Wert für seine Arbeitskraft bekommen, wie er selbst produziert hat. Augenscheinlich wird dieses Beispiel, wenn man den Arbeitern statt einen Teil des in Geld verwandelten Werts des jährlichen Produkts an Autos die Autos selbst gibt, die sie gebaut haben. Was bleibt dann für den Kapitalisten übrig? Der seiner Mitarbeit an der Produktion entsprechende, gerechte Anteil - nichts!

der nächste Artikel der elfteiligen Serie "Verklär' mir die Welt - von Dummies für Dummies: die FAZ erklärt die Wirtschaft" erscheint am Dienstag, den 26.09.2006, auf www.secarts.org.


 
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