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Das Kommando Heer treibt die Debatte √ľber den Einsatz unbemannter, zum Teil autonom operierender Waffensysteme mit einem neuen Thesenpapier voran. Das Papier, das unl√§ngst ausgew√§hlten Journalisten zur Verf√ľgung gestellt wurde, soll den "Auftakt f√ľr das zu erstellende 'Operationskonzept f√ľr Landstreitkr√§fte'" bilden und nicht zuletzt im Bundestag um Zustimmung zu kostspieligen Aufr√ľstungsvorhaben werben. Dazu stellt es m√∂gliche Szenarien k√ľnftiger Landkriege dar, die am Beispiel etwaiger K√§mpfe russischer Truppen gegen NATO-Einheiten im Baltikum beschrieben werden. Eine besondere Rolle spielen darin Drohnenschw√§rme. Experten zufolge sind solche Verb√ľnde einer bis zu dreistelligen Zahl unbemannter Flugk√∂rper, die eine Spannweite von nur wenigen Dutzend Zentimetern haben und lediglich einige hundert US-Dollar pro St√ľck kosten, nicht nur zu Aufkl√§rungszwecken, sondern auch f√ľr Angriffe aller Art geeignet. Das Thesenpapier aus dem Kommando Heer sieht die Nutzung von Drohnenschw√§rmen auch durch die Bundeswehr vor.

Wie Landstreitkr√§fte k√ľnftig k√§mpfen

Mit einem neuen Thesenpapier treibt das Deutsche Heer die Debatte √ľber die Kriegsf√ľhrung mit unbemannten, teilweise autonom und damit ohne jede menschliche Kontrolle operierenden Waffensystemen voran. Das Papier ist vor kurzem unter dem Titel "Wie k√§mpfen Landstreitkr√§fte k√ľnftig?" vom Kommando Heer in Strausberg bei Berlin erstellt worden. Verantwortlich zeichnet Generalleutnant Frank Leidenberger, der gegenw√§rtig - als Kommandeur Deutsche Anteile Multinationale Korps/Milit√§rische Grundorganisation - der Heeresf√ľhrung angeh√∂rt. Das Thesenpapier bildet erkl√§rterma√üen den "Auftakt f√ľr das zu erstellende 'Operationskonzept f√ľr Landstreitkr√§fte'".1 Dar√ľber hinaus soll es als "Anregung zur Diskussion" dienen; wie es hei√üt, zielt dies nicht zuletzt auf den Bundestag, den die Heeresf√ľhrung zur Genehmigung kostspieliger Aufr√ľstungsprojekte veranlassen will. Um die gew√ľnschte Wirkung zu erreichen, skizzieren die Autoren einige Beispiele aus einem Kriegsszenario, das "den Kampf gegen einen gleichwertigen Gegner" annimmt. Wenngleich Gegner und Kriegsschauplatz nicht namentlich benannt werden, l√§sst sich den Rahmenangaben entnehmen, dass es sich um bewaffnete K√§mpfe gegen russische Truppen im Baltikum handelt.

Autonome Maschinen

Eine bedeutende Rolle spielen in den Kriegsszenarien des Deutschen Heeres Drohnenschw√§rme. Deren vielf√§ltiger milit√§rischer Nutzen wird seit geraumer Zeit systematisch erforscht und erprobt. Bereits 2015 testeten die US-Streitkr√§fte im Rahmen eines Man√∂vers in Alaska die F√§higkeiten eines Schwarms von 20 "Perdix"-Drohnen. Bei ihnen handelt es sich um relativ kleine, nur einige hundert US-Dollar teure Flugk√∂rper, die dank hochmoderner Software in Formationen fliegen und eigenst√§ndig gemeinsame Entscheidungen treffen k√∂nnen.2 Im Oktober 2016 folgte ein Test, bei dem 103 Perdix-Drohnen von drei US-Kampfjets im Flug abgesetzt wurden. Dabei gelang es, sie trotz einiger Verluste durch Zusammenst√∂√üe als geschlossenen Schwarm auftreten und agieren zu lassen. Ein solcher Schwarm k√∂nne Aufkl√§rung √ľber einem beliebigen Territorium durchf√ľhren, feindliche Kr√§fte aufsp√ľren oder sie, best√ľckt mit kleinen Sprengs√§tzen, jagen und attackieren, berichten Fachmedien. Auch sei es m√∂glich, Schw√§rme als fliegende Kommunikationsnetze sowie zur St√∂rung feindlichen Radars zu nutzen.3 Ein US-Monopol auf Drohnenschw√§rme ist dabei keineswegs gegeben. Am 11. Juni demonstrierte die staatseigene China Electronics Technology Group ein Man√∂ver mit einem Schwarm von 119 Drohnen; es l√∂ste das US-Man√∂ver aus dem Jahr 2016 als bislang gr√∂√üte Drohnenschwarm√ľbung ab. China und die USA bef√§nden sich in einer Art "Schwarmrennen", urteilt Paul Scharre, ein Experte f√ľr Milit√§rroboter am Washingtoner Center for a New American Century.4

Kampfverb√ľnde

Auch die Bundeswehr bezieht zunehmend Drohnenschw√§rme in ihre Zukunftsplanungen ein. Dies belegt das aktuelle Thesenpapier aus dem Kommando Heer. Demnach kommen Drohnenschw√§rme etwa als Hilfsinstrument in Frage, um die feindliche Luftabwehr auszuschalten. So k√∂nnten sie genutzt werden, hei√üt es, um die Luftverlegung von Einheiten in Gebiete durchzusetzen, zu denen feindliche Kr√§fte den Zugang zu verhindern suchten (Anti-Access/Area Denial, A2/AD). Eine solche A2/AD-Zone hat Russland √ľber der √∂stlichen Ostsee und dem Baltikum errichtet (german-foreign-policy.com berichtete5). Das Thesenpapier aus dem Heereskommando sieht vor, Truppentransporter von Drohnenschw√§rmen begleiten zu lassen, die dieselben Signale aussenden wie Hubschrauber und "der gegnerischen Luftverteidigung eine Vielzahl von Einsatzverb√§nden vort√§uschen". Der Feind werde von der Signal√ľberflutung rasch √ľberfordert sein und seine Geschosse auf die kleinen Drohnen verschwenden. Erg√§nzend sieht das Papier unterschiedlichste Attacken auf die feindliche Luftabwehr vor - Cyberangriffe, Raketenangriffe "aus der Luft, vom Boden und von See", St√∂rman√∂ver mittels elektronischer Waffen und "Eins√§tze von Spezialkr√§ften gegen F√ľhrungseinrichtungen".6 Auch die Luftwaffe bezieht schon l√§ngst den Einsatz von Drohnenschw√§rmen in ihre Planungen ein. So soll zum Beispiel die n√§chste Kampfflugzeug-Generation ("Future Combat Air System", FCAS) im Verbund mit Begleitdrohnen fliegen, "die es sch√ľtzen und als Sensoren dienen": "So k√∂nnen sich Piloten auf ihre Mission konzentrieren."7



Hochenergielaser

Neben der Nutzung eigener Drohnenschw√§rme f√ľr offensive Operationen bereitet sich das Heer auch auf die Abwehr gegnerischer Drohnenschw√§rme vor. So befasst sich ein Teilszenario aus dem Thesenpapier des Heereskommandos mit etwaigen Versuchen feindlicher Streitkr√§fte, das Vorr√ľcken deutscher Panzertruppen durch einen Masseneinsatz unbemannter Flugk√∂rper zu behindern. Dem k√∂nne man entgegenwirken, indem etwa Puma-Sch√ľtzenpanzer ihre Bordmaschinenkanonen "mit airburst-anti-UAV-Munition" l√ľden, die "Splitterwirkung im Sinne eines 'Sperrvorhangs'" entfalte.8 Erg√§nzend k√∂nnten Boxer-Gefechtsfahrzeuge mit einem einem speziellen Modul eingesetzt werden, das in der Lage sei, gegnerische Drohnenschw√§rme "zum Absturz zu bringen". Die dazu notwendigen Waffen produzieren etwa Rheinmetall (D√ľsseldorf) und Diehl (N√ľrnberg). Rheinmetall stellt ein Abwehrsystem her, das Drohnenschw√§rme mit einem Hochenergielaser (HEL) bek√§mpft; Diehl hat eine Defensivwaffe im Angebot, die "mittels elektromagnetischer Impulse direkt auf die Steuerelektronik der Mini-Drohnen" einwirkt und sie zum Absturz bringt.9 "Durch den kombinierten Einsatz" der Abwehrsysteme k√∂nne "der Angriff abgewehrt" und das Vorr√ľcken der Panzertruppen durchgesetzt werden, hei√üt es im Heer.10

Ohne menschliche Kontrolle

Dabei sieht das Thesenpapier aus dem Heereskommando den Einsatz nicht nur "teilautonomer", sondern auch "autonomer Systeme" vor; von einem "Verbund der teilautonomen und autonomen Systeme zur Zielaufkl√§rung und -bek√§mpfung" ist die Rede.11 Mit "autonomen Systemen" sind unter anderem Drohnen oder Drohnenschw√§rme gemeint, die ohne jede menschliche Kontrolle operieren k√∂nnen. Offiziell wird ihre Nutzung noch √ľberwiegend abgelehnt; im vergangenen Jahr wurde etwa der damalige stellvertretende US-Verteidigungsminister Robert Orton Work mit der Zusicherung zitiert: "Wir werden einer Maschine die Entscheidung √ľber t√∂dliche Gewalt nicht √ľberlassen."12 Work relativierte dies aber umgehend: Weil Computer Entscheidungen erheblich schneller tr√§fen als Menschen, werde man f√ľr den Fall, dass potenzielle Feinde der USA zum Einsatz autonomer Drohnen und Drohnenschw√§rme √ľbergingen, Ma√ünahmen ergreifen m√ľssen, "um mitzuhalten", erkl√§rte er. Dass unbemannte Kampfsysteme Entscheidungen √ľber den Einsatz t√∂dlicher Gewalt f√§llten, sei vermutlich "unaufhaltsam": "Das wird passieren."

Tödlicher denn je

Nicht zuletzt mit Blick auf die Entwicklung von Drohnenschw√§rmen urteilt das Kommando Heer, "das Gefechtsfeld" k√ľnftiger Kriege werde durch das "Zusammentreffen von verbesserter Aufkl√§rung, schnelleren Entscheidungs- und Bek√§mpfungszyklen" sowie "zielgenauerer und verbesserter Wirkmittel" - gemeint sind Waffen - "letaler" ("t√∂dlicher") - "selbst f√ľr gut gesch√ľtzte Kr√§fte".13 Beispiele, die das Thesenpapier anf√ľhrt, beschreiben das vollst√§ndige Ausradieren ganzer Bataillone - binnen Minuten.



Ausz√ľge aus dem Thesenpapier "Wie k√§mpfen Landstreitkr√§fte k√ľnftig?" finden Sie hier.


Anmerkungen:
1 Autorenteam Kdo H II 1 (2): Thesenpapier: Wie k√§mpfen Landstreitkr√§fte k√ľnftig? Strausberg 2017.
2 Shawn Snow: Pentagon successfully tests world's largest micro-drone swarm. militarytimes.com 09.01.2017.
3 Kyle Mizokami: The Pentagon's Autonomous Swarming Drones Are the Most Unsettling Thing You'll See Today. popularmechanics.com 09.01.2017.
4 Emily Feng, Charles Clover: Drone swarms vs. conventional arms: China's military debate. www.ft.com 24.08.2017.
5 S. dazu Die Militarisierung der Ostsee
6 Autorenteam Kdo H II 1 (2): Thesenpapier: Wie k√§mpfen Landstreitkr√§fte k√ľnftig? Strausberg 2017.
7 Gerhard Hegmann: Neuer deutscher Bomber fliegt mit Drohnen-Schwarm. www.welt.de 02.01.2017.
8 Autorenteam Kdo H II 1 (2): Thesenpapier: Wie k√§mpfen Landstreitkr√§fte k√ľnftig? Strausberg 2017.
9 HPEM-System von Diehl Defence sch√ľtzt vor Mini-Drohnen. www.diehl.com 29.03.2016.
10, 11 Autorenteam Kdo H II 1 (2): Thesenpapier: Wie k√§mpfen Landstreitkr√§fte k√ľnftig? Strausberg 2017.
12 Morten Friedel: Wenn Maschinen Krieg f√ľhren. www.faz.net 18.09.2017.
13 Autorenteam Kdo H II 1 (2): Thesenpapier: Wie k√§mpfen Landstreitkr√§fte k√ľnftig? Strausberg 2017.

 
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