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  • 2.-5. Juni 2017
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    Un­ter die­ser Über­schrift schwärmt IGM-Vor­sit­zen­der Jörg Hoff­mann auf Sei­te drei in der Juli Aus­ga­be 2016 der me­tall­zei­tung zum Ju­biläum „125 Jah­re IG Me­tall“: „Es war eine würde­vol­le Fest­ver­an­stal­tung am 4. Juni in der Pauls­kir­che: Gut 650 Me­tal­le­rin­nen und Me­tal­ler, Gäste aus Wirt­schaft, Po­li­tik und Ge­sell­schaft ka­men in die Pauls­kir­che, um un­se­re IG Me­tall zu fei­ern. Der ge­schicht­li­che Ort pass­te – schließlich wur­de der Deut­sche Me­tall­ar­bei­ter-Ver­band im Juni 1891 auch in Frank­furt gegründet.“

    Was Hoff­mann hier wie im Fol­gen­den von sich gibt, ist der übli­che Kla­mauk aus der Samm­lung re­ak­ti­onärer Kniefälle vor der herr­schen­den Klas­se. Sie wer­den von der Mehr­heit der op­por­tu­nis­ti­schen, so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Ge­werk­schaftsführer bei Jah­res-, Ge­werk­schafts­ta­gen und ähn­li­chen Kon­fe­ren­zen und Er­eig­nis­sen zu kei­nem an­de­ren Ziel mit den Gästen „aus Wirt­schaft, Po­li­tik und Ge­sell­schaft“ ge­fei­ert, um da­mit die ge­sell­schaft­li­che Rea­lität, Klas­sen­ge­sell­schaft und Klas­sen­spal­tung, den un­versöhn­li­chen In­ter­es­sen­ge­gen­satz zwi­schen Ar­beit und Ka­pi­tal aus­zu­blen­den und „Me­tal­le­rin­nen und Me­tal­ler“ da­von ab­zu­len­ken. Wahr­schein­lich hätten sich die Gründer des Deut­schen Me­tall­ar­bei­ter­ver­ban­des (DMV), For­mer, Fei­len­hau­er, Klemp­ner, Kup­fer-Kes­sel- und Blech­schmie­de, Me­cha­ni­ker, Me­tall­dre­her, Schlos­ser, Schläger und v. a. aus den da­ma­li­gen Be­rufs­grup­pen – wie es landläufig heißt – „im Gra­be um­ge­dreht“, wenn sie ge­se­hen und gehört hätten, wer ih­nen da von der IGM-Führung zur Fei­er ih­res Gründungkon­gres­ses als „So­zi­al­part­ner“ präsen­tiert und was ih­nen da­bei von „Gu­ter Ar­beit, Gu­tem Le­ben, so­li­da­ri­scher“ und „ge­rech­ter Ge­sell­schaft“ ver­kli­ckert wur­de und wird.
    Sozialpartnerschaft – was soll das sein?

    „So­zi­al­part­ner­schaft“: ein von der mo­der­nen bürger­li­chen Wis­sen­schaft und Po­li­tik ge­schaf­fe­ner Be­griff zur Ver­schleie­rung der tie­fen Klas­sen­ge­gensätze in der bürger­li­chen Ge­sell­schaft. (Aus: Klei­nes po­li­ti­sches Wörter­buch, Ber­lin 1973)
    Dafür ließ die IGM-Führung die Nach­fol­ger ih­rer Pei­ni­ger und Un­ter­drücker, die Ge­werk­schafts­fein­de aus Ka­pi­tal­verbänden und Re­ak­ti­on auf­mar­schie­ren. Die Nach­fol­ger der­je­ni­gen, die jah­re­lang ihre Lohn­for­de­run­gen, alle Eman­zi­pa­ti­ons­ver­su­che und al­les, was auch nur et­was mit ei­nem bes­se­ren Le­ben zu tun ha­ben könnte, bekämpft ha­ben. Und die hier­bei auch nicht da­vor zurück­ge­schreckt sind, das mit Po­li­zei- und Waf­fen­ge­walt und der Er­mor­dung von Ar­bei­tern zu ver­hin­dern. Als Ver­tre­ter ei­ner der Nach­fol­ge­or­ga­ni­sa­tio­nen der da­mals dafür mit ver­ant­wort­li­chen Ka­pi­ta­lis­ten­verbände wur­den der heu­ti­ge Präsi­dent von Ge­samt­me­tall, Rai­ner Dul­ger, vor­her Präsi­dent von Südwest­me­tall und Scharf­ma­cher bei Ta­rif­aus­ein­an­der­set­zun­gen, und Bun­des­tags­präsi­dent Dr. Nor­bert Lam­mert pro­mi­nen­ter Ver­tre­ter aus dem La­ger der Re­ak­ti­on, begrüßt. Statt ei­nes be­kann­ten, mit der Ge­schich­te der Ar­bei­ter­be­we­gung ver­trau­ten Ge­werk­schaf­ters – evtl. Det­lef Hen­sche – hat der IGM-Vor­stand Lam­mert als so­zu­sa­gen über den Klas­sen, über den Par­tei­en im Bun­des­tag ste­hen­den Fest­red­ner aus­er­ko­ren. Nach­dem IGM-Vor­sit­zen­der Hoff­mann be­reits in Vor­la­ge mit der Aus­sa­ge ge­gan­gen ist, „ohne ak­ti­ven So­zi­al­staat“ und „ohne Mit­be­stim­mung“ sei das po­li­ti­sche und öko­no­mi­sche „Er­folgs­mo­dell Bun­des­re­pu­blik“ nicht möglich ge­we­sen, hat der Bun­des­tags­präsi­dent nach­ge­legt. Beim Lob von „So­zi­al­staat“ und„So­zi­al­part­ner­schaft“ (sie­he Kas­ten) hat er den ver­sam­mel­ten IGM-Mit­glie­dern und „Gästen“ in die­sem Sin­ne un­ter­ge­ju­belt: „Wir ha­ben im Lau­fe die­ser 125 Jah­re, wir alle ge­mein­sam, man­ches auf den Weg ge­bracht und möglich ge­macht, was da­mals für völlig aus­ge­schlos­sen ge­hal­ten wor­den wäre.“

    1933 – Statt Arbeitereinheitsfront – Staatstreue bis zum Schluss

    Zur Zer­schla­gung der Ge­werk­schaf­ten durch die Na­zi­ver­bre­cher 1933 heißt es beim ge­schicht­li­chen Rück­blick in der me­tall­zei­tung, Ju­biläum­s­num­mer:

    „2. Mai 1933, 10 Uhr mor­gens: In ganz Deutsch­land stürmen Na­zi­trup­pen die Ge­werk­schaftshäuser. Sie verwüsten die Büros, miss­han­deln und ver­schlep­pen Ge­werk­schaf­ter. Die Ge­werk­schaf­ten wer­den, ver­bo­ten, zer­schla­gen, ent­eig­net. Den Zeit­punkt zum Wi­der­stand ha­ben sie ver­passt. Als die Na­zis am 30. Ja­nu­ar1933 an die Macht ka­men, war­te­ten sie ab. Ruhe be­wah­ren, hieß die De­vi­se. Not­falls könne man ja noch den Ge­ne­ral­streik aus­ru­fen, wie da­mals beim Kapp Putsch (…). Al­ler­dings sind die frei­en Ge­werk­schaf­ten viel schwächer als 1920. Die Zahl ih­rer Mit­glie­der hat sich mehr als hal­biert – von 8 Mil­lio­nen auf un­ter 3,5 Mil­lio­nen. Als die Na­zis dann in­ner­halb we­ni­ger Wo­chen den Staats­ap­pa­rat und die Po­li­zei in ihre Ge­walt brin­gen und ers­te Ge­werk­schaftshäuser be­set­zen, schrei­ben die Ge­werk­schaftsführer Bitt­brie­fe. In den letz­ten Wo­chen vor der Zer­schla­gung bie­dern sie sich bei den Na­zis an, um ihre Or­ga­ni­sa­ti­on zu ret­ten. Vie­len Mit­glie­dern an der Ba­sis passt das nicht. Sie würden lie­ber kämp­fen. Doch schließlich mar­schie­ren Tau­sen­de Ge­werk­schaf­ter mit beim neu­en »Tag der na­tio­na­len Ar­beit« der Na­zis am 1. Mai.

    Die Er­ge­ben­heit nutzt nichts. Am nächs­ten Tag sind die frei­en Ge­werk­schaf­ten zer­schla­gen. Hit­ler und sei­ne Hel­fer ha­ben ihre „Gleich­schal­tungs­ak­ti­on“ seit Wo­chen durch­ge­plant. Ei­ni­ge Ge­werk­schaf­ter wer­den von den Na­zis an Ort und Stel­le er­mor­det. In Duis­burg etwa fol­tert die SS vier Ge­werk­schaf­ter zu Tode, dar­un­ter auch den Zwei­ten Be­vollmäch­tig­ten des Deut­schen Me­tall­ar­bei­ter-Ver­bands vor Ort.“

    Die Ge­schich­te, die die IGM-Führung in die­sem Ar­ti­kel erklären lässt, ist nur die hal­be Wahr­heit, zu­min­dest be­zo­gen auf das Ver­hal­ten von SPD und der da­ma­li­gen so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Ge­werk­schaftsführung des All­ge­mei­nen Deut­schen Ge­werk­schafts­bun­des (ADGB). Da wird so­zu­sa­gen als Ent­schul­di­gung für nicht ge­leis­te­ten Wi­der­stand ge­gen die Hit­ler­fa­schis­ten und Zer­schla­gung der Ge­werk­schaf­ten der ver­pass­te Zeit­punkt und die re­du­zier­te Zahl der Ge­werk­schafts­mit­glie­der ins Feld geführt. Was hier­bei den ver­pass­ten Zeit­punkt an­geht, hat die Führungs­spit­ze der SPD am 30. Ja­nu­ar 1933 in ih­rer Zei­tung, dem „Vorwärts“, zur Hit­ler-Re­gie­rung erklären las­sen: „Ge­genüber die­ser Re­gie­rung der Staats­streich­dro­hung stellt sich die So­zi­al­de­mo­kra­tie und die gan­ze Ei­ser­ne Front mit bei­den Füßen auf den Bo­den der Ver­fas­sung und Ge­setz­lich­keit. Sie wird den ers­ten Schritt von die­sem Bo­den nicht tun. Sie wird viel­mehr durch Aus­nut­zung al­ler ver­fas­sungsmäßigen und ge­setz­li­chen Mit­tel den al­lerschärfs­ten Kampf ge­gen die­se Re­gie­rung führen ...“

    Zu die­sem Zeit­punkt hat­ten die Na­zis nicht nur be­reits ei­nen Schritt außer­halb der Ver­fas­sung ge­macht, son­dern vie­le Schrit­te von dem an­gekündigt, was sie später in „al­ler Schärfe“ ge­gen SPD und Ge­werk­schaf­ten durch­ge­setzt ha­ben. Das hat den SPD-Vor­stand nicht da­von ab­ge­hal­ten, sei­ne Staatsgläubig­keit – das an­geb­lich über den Klas­sen ste­hen­de Or­gan – und sei­ne Ge­set­zes­treue ihm ge­genüber er­neut zu be­kun­den. Am 31. Ja­nu­ar 1933 ließ er im „Vorwärts“ noch­mals erklären: „Wir führen un­se­ren Kampf auf dem Bo­den der Ver­fas­sung.“

    Auf die­sem le­ga­lis­ti­schen dem Staat bis zur Selbst­ver­nich­tung die Treue hal­ten­den Bo­den ste­hend, hat­ten die SPD-Führer be­reits am 30. Ja­nu­ar das von der KPD ge­mach­te An­ge­bot zur Ak­ti­ons­ein­heit, zu dem der fol­gen­de Auf­ruf gehörte, ab­ge­lehnt. „Die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Deutsch­lands wen­det sich vor der ge­sam­ten pro­le­ta­ri­schen Öffent­lich­keit mit die­sem Auf­ruf zu­gleich an den ADGB, an den AFA-Bund, an die SPD und die christ­li­chen Ge­werk­schaf­ten mit der Auf­for­de­rung, ge­mein­sam mit den Kom­mu­nis­ten den Ge­ne­ral­streik ge­gen die fa­schis­ti­sche Dik­ta­tur der Hit­ler, Hu­gen­berg, Pa­pen, ge­gen die Zer­schla­gung der Ar­bei­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen, für die Frei­heit der Ar­bei­ter­klas­se durch­zuführen ...

    Führt ge­mein­sam mit eu­ren kom­mu­nis­ti­schen Klas­sen­ge­nos­sen in al­len Be­trie­ben und Ar­bei­ter­wohn­vier­teln die Mas­sen­de­mons­tra­tio­nen, den Streik, den Mas­sen­streik, den Ge­ne­ral­streik durch!“

    Nicht nur die SPD-Führung, son­dern in ih­rem Ge­fol­ge die Führer des ADGB, der an­de­ren Ge­werk­schaf­ten und sons­ti­ger Ar­bei­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen lehn­ten die Auf­for­de­rung der KPD ab. Da­bei wa­ren Hun­dert­tau­sen­de un­abhängig von Par­tei­zu­gehörig­keit oder in der Ge­werk­schaft or­ga­ni­siert oder nicht, in vie­len Städten Deutsch­lands auf den Straßen. Sie schlos­sen sich zu großen De­mons­tra­ti­onszügen zu­sam­men und in ei­ner gan­zen Rei­he von Be­trie­ben zeig­ten die Be­leg­schaf­ten mit Streiks ihre Be­reit­schaft, den Kampf ge­gen die Hit­ler­dik­ta­tur auf­zu­neh­men. Es ist also nicht – wie oben im IGM-Ar­ti­kel ver­sucht wird – den feh­len­den Auf­ruf zum Ge­ne­ral­streik wie beim Kapp-Putsch, mit der auf­grund ge­sun­ke­ner Mit­glie­der­zah­len ge­schwäch­ten Ge­werk­schaft zu begründen. Das ist ein gern ge­brauch­tes Ar­gu­ment der op­por­tu­nis­ti­schen Ge­werk­schaftsführer, im­mer dann, wann es gra­de passt, ei­ge­nes Nichts­tun, das „ru­hi­ge Ab­war­ten“, die feh­len­de Or­ga­ni­sie­rung von Wi­der­stand ge­gen die Schand­ta­ten und Willkür des Ka­pi­tals mit der Be­haup­tung von zu „we­nig Mit­glie­der“ zu ver­tu­schen. Ge­schicht­li­che Tat­sa­che bleibt, dass SPD- und ADGB-Führung, als sie be­reits das Mes­ser der Nazi-Fa­schis­ten an der Keh­le hat­ten und die ei­ge­nen Ge­nos­sen und Ar­bei­ter in den Straßen und bei Ver­samm­lun­gen er­mor­det wur­den, An­ge­bo­te und For­de­run­gen der KPD nach Bil­dung ei­ner Ein­heits­front und den Auf­ruf zum Ge­ne­ral­streik ge­gen die Na­zi­dik­ta­tur im­mer wie­der ab­ge­lehnt ha­ben. Hier­bei hat der An­ti­kom­mu­nis­mus ei­ner gan­zen Rei­he von So­zi­al­de­mo­kra­ten, die eine Zu­sam­men­ar­beit mit den Kom­mu­nis­ten ab­ge­lehnt ha­ben, die beim Kapp-Putsch kei­ne Rol­le ge­spielt hat, auch Aus­wir­kun­gen ge­habt. Statt­des­sen, wie im IGM-Ar­ti­kel oben ge­sagt, An­bie­de­rung: Dazu gehörte am 21. März 1933 u. a. die Erklärung von Theo­dor Lei­part, dem 1. Vor­sit­zen­den des ADGB, alle Ver­bin­dun­gen zur SPD zu lösen und die Be­reit­schaft zur Zu­sam­men­ar­beit mit den Un­ter­neh­mern. Dem folg­te als nächs­tes An­ge­bot, die Be­reit­schaft zur Un­ter­stel­lung der Ge­werk­schaf­ten un­ter die Führung ei­nes Reichs­kom­mis­sars und die Ent­las­sung von Funk­ti­onären, die die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten aus ras­si­schen oder po­li­ti­schen Gründen nicht mehr dul­den woll­ten. Und am 1. Mai 1933 sind die Ar­bei­te­rin­nen und Ar­bei­ter nicht so ein­fach mit­mar­schiert, wie im IGM Ar­ti­kel be­schrie­ben. Die Ge­werk­schaftsführer des ADGB hat­ten sie mit fol­gen­den Wor­ten dazu auf­ge­ru­fen: „Wir begrüßen es, dass die Reichs­re­gie­rung die­sen un­se­ren Tag zum ge­setz­li­chen Fei­er­tag der na­tio­na­len Ar­beit, zum deut­schen Volks­fei­er­tag erklärt hat. An die­sem Tag soll nach amt­li­cher Ankündi­gung der deut­sche Ar­bei­ter im Mit­tel­punkt der Fei­er ste­hen. Der deut­sche Ar­bei­ter soll am ers­ten Mai stan­des­be­wusst de­mons­trie­ren, soll ein voll­wer­ti­ges Mit­glied der deut­schen Volks­ge­mein­schaft wer­den. Das deut­sche Volk soll an die­sem Tag sei­ne un­be­ding­te So­li­da­rität mit der Ar­bei­ter­schaft be­kun­den.“ (Aus: Hans Lim­mer, Die deut­sche Ge­werk­schafts­be­we­gung, Ol­zog Ver­lag München, 2. Auf­la­ge 1968)
    Da­bei hat der smar­te Herr Lam­mert als Ab­schluss und zur Un­ter­maue­rung sei­ner Rede der IGM-Führung ihre Lo­sung „Ge­mein­sam für ein gu­tes Le­ben“ un­ter die Nase ge­rie­ben (Re­de­ma­nu­skript sie­he IGM-Extra­net).

    Bei die­ser Ge­hirnwäsche von so vie­len, von Ge­werk­schaf­ten, Ka­pi­tal und Re­gie­rung „auf den Weg ge­brach­ten Ge­mein­sam­kei­ten“ bleibt kein Auge mehr tro­cken und die Ge­mein­hei­ten und Willkür die die­se Klas­sen- und ka­pi­ta­lis­ti­sche Aus­beu­tungs­ge­sell­schaft den Lohn­abhängi­gen täglich ver­ord­net, ver­schwin­den hin­ter den Tränen der Rührung. Da­bei bleibt dann auch vom Klas­sen­kampf nichts mehr übrig, von dem bei ei­nem so an­ge­leg­ten „Fest­akt“ zu spre­chen wäre. Ganz in die­sem Sin­ne hat Lam­mert mit ei­nem Hin­weis auf an­geb­li­che Zeit­not die­se Klip­pe ele­gant um­schifft und erklärt: „Bei­spiels­wei­se las­se ich alle die freund­li­chen Be­mer­kun­gen zur Ge­schich­te der Ar­bei­ter­be­we­gung und ge­gen das So­zia­lis­ten­ge­setz weg, die ich ei­gent­lich hätte vor­tra­gen wol­len, die aber Sig­mar Ga­bri­el so­wie­so nicht mehr hört.“

    Of­fen­sicht­lich hat­te sich der SPD-Vor­sit­zen­de – eben­falls aus Zeit­not? – vor­her aus dem Staub ge­macht. Er hätte sonst „bei­spiels­wei­se“ viel­leicht hören können, dass der Gründungs­kon­gress der 2. In­ter­na­tio­na­le am 14. Juli 1889 in Pa­ris – 100 Jah­re nach dem Sturm auf die Bas­til­le – mit zur Ge­schich­te der Ar­bei­ter­be­we­gung, der SPD und eben­so zur Vor­ge­schich­te der Gründung des DMV gehört. Da­bei hieß es auf dem Kon­gress auf ei­nem großen Trans­pa­rent un­ter der Lo­sung „Pro­le­ta­ri­er al­ler Länder, ver­ei­nigt euch!“ als For­de­rung: „Po­li­ti­sche und wirt­schaft­li­che Ent­eig­nung der Ka­pi­ta­lis­ten­klas­se, Ver­ge­sell­schaf­tung der Pro­duk­ti­ons­mit­tel“.

    Des Wei­te­ren „for­der­te der Kon­gress eine auf dem achtstündi­gen Ar­beits­tag­be­ru­hen­de Ar­bei­ter­schutz­ge­setz­ge­bung, die Ein­be­zie­hung der Ar­bei­te­rin­nen in die pro­le­ta­ri­sche Be­we­gung so­wie glei­chen Lohn für glei­che Ar­beit ohne Un­ter­schied des Ge­schlechts.“ (Ge­schich­te der deut­schen Ar­bei­ter­be­we­gung, Ber­lin 1966, Bd. 1, S. 413)

    Da­bei wur­de der 1. Mai in die­sem Zu­sam­men­hang zum Fei­er­tag der in­ter­na­tio­na­len Ar­bei­ter­klas­se und gleich­zei­tig zum De­mons­tra­ti­ons- und Kampf­tag zur Durch­set­zung des 8-Stun­den­tags in al­len ka­pi­ta­lis­ti­schen Ländern erklärt (Sie­he KAZ 354 – „Run­ter mit der Ar­beits­zeit…“).

    Wie die Ge­schichts­schrei­bung zur Gründung der 2. In­ter­na­tio­na­le ver­merkt – da­bei wa­ren 400 De­le­gier­te aus 22 Na­tio­nen ver­tre­ten –, hat sie den An­s­toß zu ei­ner brei­ten Mas­sen­be­we­gung des in­ter­na­tio­na­len Pro­le­ta­ri­ats be­wirkt und den na­tio­na­len Ab­tei­lun­gen der Ar­bei­ter­be­we­gung neue Im­pul­se ge­ge­ben. In Deutsch­land ha­ben sich die po­li­ti­schen Ak­tio­nen der So­zi­al­de­mo­kra­tie da­bei mit ei­ner großen Streik­be­we­gung in den Be­trie­ben ver­knüpft. Ein Höhe­punkt da­von war der Berg­ar­bei­ter­streik 1889, den die Herr­schen­den mit mi­litäri­scher Ge­walt ab­zuwürgen ver­such­ten und hier­bei sie­ben Ar­bei­ter er­schos­sen. Da­bei erklärte der Kai­ser ei­ner dreiköpfi­gen De­le­ga­ti­on der Ruhr­berg­ar­bei­ter am 14. Mai 1889, die ihre For­de­run­gen vor­trug, „er wer­de al­les über den Hau­fen schießen las­sen“, was sich ihm wi­der­set­ze, wenn sich ein Zu­sam­men­hang zwi­schen Strei­ken­den und der So­zi­al­de­mo­kra­tie her­aus­stel­len soll­te.

    Trotz der To­ten und der kai­ser­li­chen Ge­walt­an­dro­hung ha­ben von Ja­nu­ar 1889 bis zum April 1890 rd. 400.000 Ar­bei­ter in über 1.100 Kämp­fen in Deutsch­land ge­streikt. „Im Jah­re 1889 er­reich­te die Streik­ak­ti­vität der deut­schen Ar­bei­ter­klas­se ih­ren Höhe­punkt im 19. Jahr­hun­dert: Etwa fünf Pro­zent al­ler Ar­bei­ter be­tei­lig­ten sich an der Aus­stands­be­we­gung.

    In­ner­halb der herr­schen­den Klas­sen spitz­ten sich mehr und mehr die Dif­fe­ren­zen zu, die ursächlich mit der Stärke der Ar­bei­ter­be­we­gung zu­sam­men­hin­gen. Sie wa­ren so groß ge­wor­den, dass kei­ne Ei­ni­gung darüber zu er­rei­chen war, wie man die Ar­bei­ter­be­we­gung wei­ter­hin bekämp­fen sol­le. So fiel am 25. Ja­nu­ar 1890 im Reichs­tag un­ter dem Druck der Mas­sen das So­zia­lis­ten­ge­setz.“ (Ge­schich­te der deut­schen Ar­bei­ter­be­we­gung, Ber­lin 1966, Bd. 1, S. 413-415)

    Zerschlagung des FDGB – keine Erfolgsgeschichte (1990/2003)

    Das Wir­ken der west­li­chen Ge­werk­schaftsführer in der DDR An­fang 1990 und in der dar­auf fol­gen­den Zeit wird in der me­tall­zei­tung frei von jeg­li­cher Selbst­kri­tik ge­schil­dert, und so als hätte es den FDGB nie ge­ge­ben:

    „Mit­hil­fe oft un­se­riöser Glücks­rit­ter aus dem Wes­ten zer­legt die Treu­hand In­dus­trie­be­trie­be, schließt For­schungs­ab­tei­lun­gen, ver­kauft Be­trie­be oder macht sie platt. Übrig blei­ben verlänger­te Werkbänke west­deut­scher Fir­men. (…) Schon 1990 wird die IG Me­tall ak­tiv, baut ge­werk­schaft­li­che und Be­triebs­rats­struk­tu­ren auf. (…) Auch nach ei­nem Vier­tel­jahr­hun­dert lässt sich fest­stel­len: (…). In ost­deut­schen Me­tall­be­trie­ben ist (…) nicht mal je­der Fünfte ta­rif­ge­bun­den, im Wes­ten im­mer­hin mehr als je­der Zwei­te. Im­mer noch zie­hen vie­le Jun­ge weg, weil die Ar­beits­be­din­gun­gen im Wes­ten bes­ser sind.“

    Ha­rald Bühl, früher Funk­ti­onär beim Bun­des­vor­stand des FDGB, be­rich­te­te über den «Auf­bau ge­werk­schaft­li­cher Struk­tu­ren» in der DDR im Ja­nu­ar/​Fe­bru­ar 1990 ganz an­ders. Da „(…) wur­de der Dach­ver­band FDGB zer­schla­gen (…). Die Auf­tei­lung des Gel­des und der Gebäude auf die Ein­zel­ge­werk­schaf­ten be­gann. (…) Man folg­te dem Vor­bild der west­deut­schen Ge­werk­schaf­ten.

    Die ver­meint­li­chen und selbst­man­da­tier­ten ‚Er­neue­rer der Ge­werk­schaf­ten’ be­rie­fen sich auf eine an­geb­li­che Un­zu­frie­den­heit der Mit­glie­der mit ih­rer Or­ga­ni­sa­ti­on und ih­ren Leis­tun­gen. Das stimm­te so nicht.

    In Hun­der­ten von Brie­fen an den Bun­des­vor­stand, in den Gesprächen mit unzähli­gen De­le­ga­tio­nen in den Ge­werk­schaftshäusern und in den Ver­samm­lun­gen wur­den nur ver­ein­zelt Rück­trit­te ge­for­dert, an Auflösung wur­de nicht ge­dacht. (…)

    Der FDGB war als In­ter­es­sen­ver­tre­ter, als Mas­sen­or­ga­ni­sa­tor und ak­ti­ver Mit­ge­stal­ter Teil des So­zia­lis­mus­ver­su­ches. Die Or­ga­ni­sa­ti­on ging un­ter wie das Land. Die Chan­ce des Zu­sam­men­ge­hens mit dem DGB (...) gab es of­fen­sicht­lich nicht. Es blieb nur der An­schluss bzw. die Mit­glied­schaft in ei­ner Ein­zel­ge­werk­schaft.

    Es war das Ziel der herr­schen­den Kräfte in der BRD, so zu ver­fah­ren.

    (…) Da wa­ren ‚Rechts­ex­per­ten’ im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes tätig. Nicht ei­ner war je­mals als Ge­werk­schaf­ter tätig ge­we­sen oder hat­te Ver­fah­ren in Sa­chen Ar­beits­recht be­ar­bei­tet. Des­halb ist bei dem in der Welt­ge­schich­te ein­ma­li­gen Vor­gang kein biss­chen Herz für die Ge­werk­schaf­ten zu spüren.

    (…) Die­se Rechts­ex­per­ten be­stimm­ten auch: Der FDGB und sei­ne IG/​Ge­werk­schaf­ten hat­ten kei­ne Rech­te, ohne zur Kennt­nis zu neh­men, dass in der DDR Ent­schei­dun­gen, die die Ar­beits- und Le­bens­be­din­gun­gen der Werktäti­gen be­tra­fen, nicht ohne Ge­werk­schaf­ten ge­trof­fen wer­den konn­ten. Unzähli­ge DGB-Funk­ti­onäre lob­ten die Rech­te der Ge­werk­schaf­ten der DDR auch öffent­lich – als es die DDR noch gab.

    In den Be­zie­hun­gen der bei­den Ge­werk­schaftsbünde wa­ren die Fol­gen des Kal­ten Krie­ges am wei­tes­ten über­wun­den. Man konn­te sich schon vor­stel­len, was für star­ke Ge­werk­schaf­ten ent­stan­den wären, wenn DGB und FDGB sich de­mo­kra­tisch ver­ei­nigt hätten“ (Ha­rald Bühl: Über den Um­gang mit dem Vermögen des FDGB, in: Bed­nareck, Bühl, Koch: Der Freie Deut­sche Ge­werk­schafts­bund, Ber­lin 2006, S. 357 f.)

    Statt­des­sen san­ken die Mit­glie­der­zah­len der Ge­werk­schaf­ten in den fol­gen­den Jah­ren ra­pi­de.

    Chris­ta Luft schrieb zu den Aus­wir­kun­gen der Auflösung des FDGB: „Das muss der Treu­hand wie ein un­er­war­te­tes Ge­schenk vor­ge­kom­men sein, denn so ent­stand 1990/​1991 in den neu­en Ländern ein ge­werk­schafts­frei­er Raum, der ihr das ri­go­ro­se Agie­ren er­leich­ter­te.“ (Chris­ta Luft: Da muss auch mal ge­stor­ben wer­den? www.ag-frie­dens­for­schung.de/​re­gio­nen/​Deutsch­land/​treu­hand.html)

    Det­lef Hen­sche, Ge­werk­schaftsführer der IG Druck und Pa­pier, dann der IG Me­di­en im DGB, kam zu der Einschätzung, dass die DGB-Ge­werk­schaf­ten an der Über­tra­gung des ka­pi­ta­lis­ti­schen Sys­tems auf Ost­deutsch­land ak­tiv mit­ge­wirkt ha­ben (sie­he Bei­trag von Chris­ta Luft).

    Was auch in der Ge­schichts­schrei­bung in der me­tall­zei­tung fehlt, sind die Umstände der Nie­der­la­ge des Kamp­fes um die 35-Stun­den-Wo­che 2003 in der ein­ver­leib­ten DDR. Der Kampf wur­de von Ge­werk­schaftsführern und Be­triebs­ratsfürs­ten in den West­be­zir­ken hin­ter­trie­ben – es wur­de für eine un­so­li­da­ri­sche Stim­mung ge­sorgt, man maul­te lie­ber über die Pro­duk­ti­ons­stopps in den West­wer­ken, weil von den be­streik­ten Ost­wer­ken kei­ne Zu­lie­fe­run­gen mehr ka­men. Und es ist auch ein of­fe­nes Ge­heim­nis, dass auf dem Rücken der Me­tal­ler im Os­ten In­tri­gen um Vor­stands­pos­ten ge­spon­nen wur­den (sie­he Of­fe­ner Brief an Klaus Zwi­ckel, ar­chiv.la­bour­net.de/​dis­kus­si­on/​ge­werk­schaft/​ta­rif03/​igm/​jahn.html). Den­noch ka­men Mit­glie­der der IG Me­tall aus West­be­trie­ben, um ihre Kol­le­gen im Os­ten zu un­terstützen. Das reich­te aber bei den Störmanövern aus den obe­ren Eta­gen nicht aus.
    In o. g. me­tall­zei­tung er­fah­ren die IGM-Mit­glie­der dazu auf Sei­te 7: „1890 lau­fen die So­zia­lis­ten­ge­set­ze aus, ...“
    Und das ist al­les? Mit ein Er­folg die­ses durch den Kampf der Ar­bei­ter­klas­se er­zwun­ge­nen „Aus­lau­fens“ war der Aus­gang der Reichs­tags­wah­len am 20. Fe­bru­ar 1890. Die da­mals re­vo­lu­ti­onäre SPD wur­de mit 1.427.298 Stim­men – das wa­ren 19,7 Pro­zent al­ler Wähler – stärks­te Par­tei in Deutsch­land. Da­bei ist es der Ar­bei­ter­klas­se mit ih­ren Kämp­fen und Streiks nicht nur ge­lun­gen, den Reichs­tag zu zwin­gen, das So­zia­lis­ten­ge­setz, das „Ge­setz ge­gen die ge­mein­gefähr­li­chen Be­stre­bun­gen der So­zi­al­de­mo­kra­tie“, zurück­zu­neh­men, son­dern eben­so den Plan des da­ma­li­gen Reichs­kanz­lers Bis­marck zu durch­kreu­zen. Er hat­te geäußert, die „Ar­bei­ter­fra­ge“ durch Staats­streich und Blut­bad mi­litärisch „aus der Welt“ zu schaf­fen. Der „Ei­ser­ne Kanz­ler“, wie Bis­marck als Haupt­ver­ant­wort­li­cher für die ge­walt­sa­me Un­ter­drückung der Ar­bei­ter­be­we­gung be­zeich­net wur­de, muss­te im März 1890 von al­len Ämtern, die er jahr­zehn­te­lang be­klei­det hat­te, zurück­tre­ten. Da­mit hat­te die deut­sche So­zi­al­de­mo­kra­tie und die deut­sche Ar­bei­ter­klas­se in ih­rem 12-jähri­gen Kampf ge­gen das So­zia­lis­ten­ge­setz der da­mals herr­schen­den und mit un­ge­heu­ren Macht­mit­teln aus­ge­stat­te­ten preußisch-deut­schen Mi­litärmacht eine emp­find­li­che Nie­der­la­ge ver­passt.

    Es ist nicht da­von aus­zu­ge­hen, dass Fest­red­ner Lam­mert die Ab­sicht hat­te, über die­sen Teil der deut­schen Ar­bei­ter­ge­schich­te zu be­rich­ten. Wo­bei es den beim Fest­akt an­we­sen­den Me­tal­le­rin­nen und Me­tal­lern si­cher nicht ge­scha­det hätte, et­was mehr über die­se Kämpfe zu er­fah­ren, um dar­aus für heu­te zu ler­nen, dass kämp­fen und strei­ken not­wen­dig ist, um ge­sell­schaft­li­chen Fort­schritt – z. B. ge­setz­li­che Ar­beits­zeit­verkürzung für alle Lohn­abhängi­gen – durch­zu­set­zen. Da­bei geht es auch 127 Jah­re nach dem So­zia­lis­ten­kon­gress in Pa­ris in den Ge­werk­schaf­ten noch im­mer dar­um, über die Ab­schaf­fung des ka­pi­ta­lis­ti­schen Lohn- und Aus­beu­tungs­sys­tems ins­be­son­de­re als Ur­sa­che für Fa­schis­mus und Krieg nach­zu­den­ken und zu dis­ku­tie­ren. Das ist die Not­wen­dig­keit und Vor­aus­set­zung dafür, um auch nur an­satz­wei­se zu er­rei­chen, was der IGM-Vor­sit­zen­de Mit­glie­dern und Be­leg­schaf­ten in den Be­trie­ben in der me­tall­zei­tung mit der Aus­sa­ge verkündet: „Selbst­be­stimmt zu ar­bei­ten, das be­deu­tet der frei­en Verfügbar­keit der Ar­beits­kraft Gren­zen zu set­zen.“

    Hetze gegen die DDR statt internationaler Solidarität

    Im An­ge­sicht der in der BRD ge­gen die Kriegs­flücht­lin­ge lau­fen­den Het­ze, bren­nen­der Asyl­be­wer­ber-Häuser-Hei­me und sons­ti­ger Un­terkünfte, der ge­gen sie ge­rich­te­ten Schließung der Gren­zen und der unsägli­chen so­ge­nann­ten In­te­gra­ti­ons­ge­set­ze und sons­ti­gen An­grif­fe fällt der IGM-Führung nichts Bes­se­res ein, als im Rah­men ih­rer ge­schicht­li­chen Rück­bli­cke zum 125-jähri­gen Be­ste­hen mit dem nach­fol­gen­den Ar­ti­kel über die DDR her­zu­fal­len.

    „1966 – Vertragsarbeiter in der DDR

    In den 1960er-Jah­ren schließt die DDR An­wer­be­ab­kom­men mit den so­zia­lis­ti­schen Bru­der­staa­ten Al­ge­ri­en, Kuba, Mo­sam­bik, Un­garn, Po­len und Viet­nam. Of­fi­zi­ell heißt es, die so­ge­nann­ten Ver­trags­ar­bei­ter kom­men, um sich in den Be­trie­ben qua­li­fi­zie­ren zu las­sen. In Wahr­heit müssen die jun­gen und le­di­gen Frau­en und Männer körper­lich schwer ar­bei­ten, meist im Schicht­dienst. Ihr Auf­ent­halt ist auf ma­xi­mal zwei Jah­re be­grenzt und an ei­nen be­stimm­ten Be­trieb ge­bun­den und das Kündi­gungs­schutz­recht stark ein­ge­schränkt. Wer sei­ne Ar­beits­nor­men nicht erfüllt oder ge­gen die so­zia­lis­ti­sche Ar­beits­dis­zi­plin verstößt, muss vor­zei­tig zurück in sein Hei­mat­land. Ei­ge­ne In­ter­es­sen­ver­tre­tun­gen für ausländi­sche Ar­beits­kräfte exis­tie­ren nicht. Ende 1989 leb­ten noch rund 94.000 Ver­trags­ar­bei­ter in der DDR, zwei Drit­tel wa­ren viet­na­me­si­scher Her­kunft. Vie­le ver­ließen Deutsch­land nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung.“

    Kol­le­gin Dag­mar Ja­co­by hat dar­auf mit nach­ste­hen­den Le­ser­brief in der me­tall­zei­tung Au­gust ge­ant­wor­tet:

    „Ich war mehr als 30 Jah­re als In­ge­nieu­rin in ei­nem Großbe­trieb mit 4.000 Beschäftig­ten tätig und habe dort über Jah­re pol­ni­sche und viet­na­me­si­sche Werktätige be­treut. Vor al­lem für viet­na­me­si­sche Werktätige gab es ein um­fang­rei­ches Aus­bil­dungs­pro­gramm in der be­triebs­ei­ge­nen Be­rufs­schu­le, Deutsch­un­ter­richt ein­ge­schlos­sen. Sie wur­den ar­beitsmäßig in die Bri­ga­den und Kol­lek­ti­ve über­nom­men und er­hiel­ten dort auch fach­li­che Be­treu­er. Die Ver­trags­ar­bei­ter wohn­ten in be­triebs­ei­ge­nen Wohn­hei­men und wur­den dort durch ei­ge­ne und deut­sche Be­treu­er in­ter­es­senmäßig ver­tre­ten. In die­se Hei­me wur­den auch öfter deut­sche Ar­beits­kol­le­gen ein­ge­la­den. Bei ei­ner der letz­ten Ver­ab­schie­dun­gen ha­ben wir eine große Sam­mel­ak­ti­on im Be­trieb ver­an­stal­tet, so­dass je­der Viet­na­me­se mit ei­nem Fahr­rad oder ei­ner Nähma­schi­ne aus­ge­stat­tet wur­de. Über vor­zei­ti­ges Zurück­schi­cken ist mir kein ein­zi­ger Fall be­kannt. Vie­le wären gern in Deutsch­land ge­blie­ben, ha­ben nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung aber kei­ne Zu­kunft mehr für sich ge­se­hen, da sie – wie vie­le von uns auch – ihre Ar­beit ver­lo­ren ha­ben.“

    Dag­mar Ja­co­by, per E-Mail
    Wie das aus­se­hen kann, darüber be­rich­tet der Kol­le­ge Klaus Sie­be­n­eich­ner im nach­ste­hen­den Le­ser­brief an die me­tall­zei­tung: „In der Juli-Aus­ga­be habt ihr ei­nen aus­ge­zeich­ne­ten ge­schicht­li­chen Rück­blick ge­stal­tet. Ich wer­de mir die Zei­tung auf­he­ben. Die Me­tal­ler aus der ehe­ma­li­gen DDR fin­den sich lei­der nur we­nig wie­der. Ihr ver­schweigt wich­ti­ge Fra­gen. So ha­ben die Ge­werk­schafts­ver­trau­ens­leu­te in den Be­trie­ben in ei­ner Ver­trau­ens­leute­voll­ver­samm­lung über den Be­triebs­plan ab­ge­stimmt. Dar­in stand nicht nur, was und wie viel zu pro­du­zie­ren ist, son­dern auch, was der Be­trieb an so­zia­len Pro­jek­ten fi­nan­ziert.“

    Wo­von Kol­le­ge Sie­be­n­eich­ner be­rich­tet, sind die Volks­ei­ge­nen Be­trie­be, die VEBs in der DDR, wo die Ar­bei­ter­klas­se die For­de­rung der 2. In­ter­na­tio­na­le „Po­li­ti­sche und wirt­schaft­li­che Ent­eig­nung der Ka­pi­ta­lis­ten­klas­se, Ver­ge­sell­schaf­tung der Pro­duk­ti­ons­mit­tel“ um­ge­setzt, die Lohn­ar­beit ab­ge­schafft und der „frei­en Verfügbar­keit der Ar­beits­kraft“ für die Ka­pi­ta­lis­ten Gren­zen ge­setzt hat – so­lan­ge es die DDR gab – um „selbst­be­stimmt zu ar­bei­ten“.

    Aber da­von, von der Ab­schaf­fung des ka­pi­ta­lis­ti­schen Aus­beu­tungs­sys­tems oder gar von der DDR als Bei­spiel dafür, will we­der die IGM-Führung noch die Mehr­heit der op­por­tu­nis­ti­schen Ge­werk­schaftsführer et­was wis­sen. Schließlich ha­ben sie jah­re­lang mit Re­gie­rung und Ka­pi­tal im Chor ge­gen ihre Exis­tenz und bis heu­te ge­gen den SED-, „Sta­si-“ und an­geb­li­chen „Un­rechts­staat“ ge­hetzt. Das „Ver­schwei­gen wich­ti­ger Fra­gen“ be­trifft hier­bei nicht nur die DDR, son­dern eben­so ei­ni­ge der in der me­tall­zei­tung an­geführ­ten Ge­schichts­bei­spie­le (sie­he die Ar­ti­kel zu 1933 und 1990/​2003) so­wie der Tat­sa­che, dass die Na­men von Marx, En­gels, Be­bel, Wil­helm und Karl Lieb­knecht, Rosa Lu­xem­burg u. a., die die Ge­schich­te der Ar­bei­ter­be­we­gung we­sent­lich be­ein­flusst und geprägt ha­ben, nicht auf­tau­chen. Die­se Ge­schichts­schrei­bung ist der Angst vor der ge­schicht­li­chen Wahr­heit ge­schul­det, bei der ge­ra­de vie­le der rech­ten so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Ge­werk­schaftsführer, was die Ver­tre­tung der Klas­sen­in­ter­es­sen der Lohn­abhängi­gen an­geht – scho­nend aus­ge­drückt – , nicht gut weg­kom­men. Wie es mit die­ser Ver­tre­tung aus Sicht der IGM-Führung wei­ter­ge­hen soll, ließ sie durch ihre 2. Vor­sit­zen­de, die Kol­le­gin Chris­tia­ne Ben­ner, wie folgt erklären: „Wir wol­len auch in den nächs­ten 125 Jah­ren un­se­ren Bei­trag für eine Ge­sell­schaft leis­ten, in der gute Ar­beit, so­zia­le Ge­rech­tig­keit und de­mo­kra­ti­sche Teil­ha­be für alle ge­si­chert sind. Für eine Ge­sell­schaft, in der So­li­da­rität und Mensch­lich­keit wei­ter­hin Wer­te sind, die un­ser Zu­sam­men­le­ben prägen“.

    Nieder mit dem Lohnsystem!

    Gleich­zei­tig, und ganz un­abhängig von der all­ge­mei­nen Fron, die das Lohn­sys­tem ein­sch­ließt, soll­te die Ar­bei­ter­klas­se die endgülti­ge Wirk­sam­keit die­ser tagtägli­chen Kämpfe nicht überschätzen. Sie soll­te nicht ver­ges­sen, dass sie ge­gen Wir­kun­gen kämpft, nicht aber ge­gen die Ur­sa­chen die­ser Wir­kun­gen; dass sie zwar die Abwärts­be­we­gung ver­lang­samt, nicht aber ihre Rich­tung ändert; dass sie Pal­lia­tiv­mit­tel an­wen­det, die das Übel nicht ku­rie­ren. Sie soll­te da­her nicht aus­sch­ließlich in die­sem un­ver­meid­li­chen Klein­krieg auf­ge­hen, der aus den nie en­den wol­len­den Ge­walt­ta­ten des Ka­pi­tals oder aus den Markt­schwan­kun­gen un­aufhörlich her­vor­geht. Sie soll­te be­grei­fen, dass das ge­genwärti­ge Sys­tem bei all dem Elend, das es über sie verhängt, zu­gleich schwan­ger geht mit den ma­te­ri­el­len Be­din­gun­gen und den ge­sell­schaft­li­chen For­men, die für eine öko­no­mi­sche Um­ge­stal­tung der Ge­sell­schaft not­wen­dig sind. Statt des kon­ser­va­ti­ven Mot­tos: „Ein ge­rech­ter Ta­ge­lohn für ein ge­rech­tes Ta­ge­werk!“, soll­te sie auf ihr Ban­ner die re­vo­lu­ti­onäre Lo­sung schrei­ben: „Nie­der mit dem Lohn­sys­tem!“ (Karl Marx, Lohn, Preis und Pro­fit, MEAW in 2 Bänden, Bd. 1, S. 417)
    Was das in der Pra­xis heißt, hat IGM-Vor­sit­zen­der Hoff­mann im In­ter­view mit der me­tall­zei­tung klar ge­macht. Als Her­aus­for­de­rung für die IGM in den nächs­ten 125 Jah­ren sieht er die Fra­gen: „Wie sieht Ar­beit 4.0, wie sieht ein So­zi­al­staat 4.0 aus? An wel­chen Stel­len be­darf es ei­ner Wei­ter­ent­wick­lung des Ar­beits­ver­trags­verhält­nis­ses – der Ba­sis ei­nes auf Er­werbs­ar­beit bau­en­den So­zi­al­staats?“

    Dar­auf musst du auch erst­mal kom­men, den Lohn­abhängi­gen das ka­pi­ta­lis­ti­sche Aus­beu­tungs­sys­tem, die Lohn­ar­beit fürs Ka­pi­tal als „Ba­sis ei­nes auf Er­werbs­ar­beit bau­en­den So­zi­al­staats“ mit dem Ziel zu ver­kau­fen, um es den Ka­pi­ta­lis­ten für die Zu­kunft min­des­tens noch 125 Jah­re zu er­hal­ten und zu si­chern. Da­bei wird es dann wei­ter­ge­hen mit der Phra­sendre­sche­rei von „Gu­ter und fai­rer Ar­beit “, „Gu­tem Le­ben“, „so­li­da­ri­scher Ge­sell­schaft“ usw. usw., wo­mit spe­zi­ell die IGM-Führung Mit­glie­dern und Be­leg­schaf­ten die Köpfe ver­ne­belt und zu­kle­is­tert.

    In der me­tall­zei­tung vom Au­gust heißt es auf der Ti­tel­sei­te un­ter der Über­schrift „Mein Le­ben – Mei­ne Zeit: Ar­beit neu den­ken!“ Eine Ge­le­gen­heit für fort­schritt­li­che und klas­sen­be­wuss­te­re Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen das auf­zu­grei­fen und die Ab­schaf­fung der Lohn­ar­beit fürs Ka­pi­tal in Be­trie­ben und Ge­werk­schaf­ten neu zu den­ken, um in die­sem Sin­ne zu ver­su­chen, eine an­de­re Ge­werk­schafts­po­li­tik ge­gen die op­por­tu­nis­ti­sche Führung durch­zu­set­zen.

    Lud­wig Jost




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