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    Antisemitismus und Antiislamismus in verschiedenen Klassen und Schichten
    - Monopolbourgeoise:

    Für die Monopolbourgeoisie dient der Antisemitismus als ideologische Waffe und letztendlich auch als materielle Kriegswaffe gegen die imperialistischen Konkurrenten (v. a. USA), und gegen die Arbeiterklasse (in welcher Form, das hängt davon ab, wie sich die Arbeiterbewegung im Land und international entwickelt. Unter dem Hitlerfaschismus galt die Sowjetunion – berechtigterweise – als Verkörperung der internationalen Arbeiterklasse). Es geht nicht darum, ob einzelne Monopolkapitalisten Antisemiten sind, sie sind Charaktermasken, der Antisemitismus entspricht in bestimmten historischen Situationen (v.a. in der Situation der Zuspitzung der zwischenimperialistischen Widersprüche) ihrem Klasseninteresse.

    Die veralteten Rituale des Islam passen nicht in die moderne Produktion. Insofern nützt der Antiislamismus der Monopolbourgeoisie, um muslimisch geprägte Arbeiter zur Räson zu bringen. Außerdem nützt er zur Spaltung und Zersplitterung der Arbeiterklasse. Gleichzeitig kann er sich in der Produktion ungünstig auswirken, wobei ja Arbeitskräfte aus z. B. Syrien oder Türkei durchaus gebraucht werden. Es handelt sich für die Monopolbourgeoisie um die Gratwanderung, wie bei allen Formen des Rassismus nach unten: Zum einen ist die Gleichheit aller Arbeiter und die Gewinnung von Arbeitern aus der ganzen Welt notwendig für den Erfolg der Produktion, auf der anderen Seite ist die Spaltung der Arbeiter ein wichtiges Mittel zur günstigsten Verwertung der Arbeitskraft. Die Formel für diesen Widerspruch lautet: Der Islam gehört zu Deutschland. In dieser Formel ist enthalten sowohl, dass man die Arbeitskräfte braucht, als auch die Drohung, dass diese Arbeiter Deutschland als Vaterland anzuerkennen haben. Der Islam soll integriert werden, d. h. nicht stören und als Herrschaftsinstrument der deutschen Bourgeoisie fungieren, über Koranschulen, über den Religionsunterricht, über die Grauen Wölfe… Das ist der eigentliche Sinn von „Integration“ in dieser Gesellschaft. (Wurde C. Wulff wegen der Formel „Der Islam gehört zu Deutschland“ gestürzt? Das wird manchmal behauptet, wir wissen es nicht. Wichtig ist nur, dass diese Formel eine imperialistische ist und keine antirassistische, antifaschistische). Die faschistische Variante „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ und sei grundgesetzwidrig, ist die andere Option, die der Monopolbourgeoisie zur Verfügung steht, die von faschistischen Kräften angeboten wird, aktuell aber offenbar noch nicht im Interesse der Monopolbourgeoisie liegt. Dennoch ist der Antiislamismus aktuell für die Monopolbourgeoisie nützlich als Vorwand zum Abbau der bürgerlichen Demokratie und zur militärischen Einmischung in andere Länder („Anti-Terror-Kampf“).

    - Nichtmonopolistische Bourgeoisie und reaktionäres Kleinbürgertum:

    Da der Antisemitismus die Möglichkeit bietet, das Monopolkapital und die Arbeiterklasse gleichermaßen als Bedrohung darzustellen, ist bei der nichtmonopolistischen Bourgeoisie und dem reaktionären Kleinbürgertum die Hauptmasse der Anhänger bzw. potenziellen Anhänger des Antisemitismus zu finden. Dass diese Schichten sich in diese Richtung entwickeln, ist viel wahrscheinlicher als die Hoffnung, es werde sich ein antimonopolistischer Widerstand entwickeln (d. h. einschließlich des nichtmonopolistischen Teils der Kapitalistenklasse) mit dem sich die Arbeiterklasse verbünden könnte. Eine Meldung aus dem Jahr 2005 ist typisch für die Entwicklung in diesen Schichten: „Paul Spiegel zieht eine bittere Bilanz seiner bisherigen Zeit als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Mit viel Optimismus habe er im Januar 2000 sein Amt angetreten, sagte er in einem Gespräch des Nachrichten-Magazins DER SPIEGEL. Nun glaubt er: ‚Du kannst machen, was du willst, du erreichst nichts.‘ In den vergangenen Monaten sei die ‚Hemmschwelle für den Transport antisemitischer Vorurteile deutlich gesunken – und das in Kreisen, in denen ich das nicht für möglich gehalten hatte‘. Das gelte auch etwa für ‚Kirchenfürsten, die Holocaust und Abtreibung in einen unverantwortlichen und gefährlichen Sinnzusammenhang bringen‘.“1

    Die nichtmonopolistische Bourgeoisie hat zum Thema Islam bzw. Antiislamismus ähnliche Widersprüche wie die Monopolbourgeoisie, die wir dort schon beschrieben haben.

    Ein Teil des städtischen Kleinbürgertums hat ein Problem damit, dass gerade Menschen aus muslimisch geprägten Ländern sich oft als Kleingewerbetreibende niederlassen und zu manchmal recht erfolgreichen Konkurrenten werden. Außerdem wirkt da alles, was beim Kleinbürger den Rassismus attraktiv macht: Abstiegsangst, Sozialneid („German Angst“ – ein Schlagwort aus englischsprachigen Ländern). Und natürlich die Möglichkeit, nicht als Rassist zu erscheinen (Antiislamismus als Veredelung des Rassismus, wie schon gesagt).

    - Demokratisches Kleinbürgertum:

    Ein Teil des demokratischen Kleinbürgertums betreibt nach unserer Beobachtung eine Art von „antiimperialistischem Kampf“, der die Veränderungen seit 1990 – den wiedererwachenden Antisemitismus und die erneuten Weltmachtgelüste des deutschen Imperialismus – nicht wahrnimmt. Damit können diese Menschen – obwohl sie das gar nicht wollen – in die Falle des Antisemitismus (unter der Idee des Antizionismus) laufen. Nicht mehr unter den Linken befinden sich diejenigen, die auf den Abwegen der Esoterik wandeln, wo der offene Antisemitismus blüht („gegen Rothschild und zionistische Weltherrschaft“).

    Ein anderer Teil des demokratischen Kleinbürgertums wendet sich gegen den heutigen Antisemitismus (Zum Beispiel findet jedes Jahr in Berlin am 9. November eine Demonstration zum Gedenken an die verfolgten und ermordeten Juden statt). Hier kann es unter Umständen sehr breite Bündnisse geben2 – das hängt damit zusammen, dass der Antisemitismus sich ja immer auch nach oben wendet, rückwärtsgewandt antikapitalistisch ist. Gerade bei denen, die sich um die Gefahr des Antisemitismus kümmern, finden wir oft sehr arbeiterfeindliche, antikommunistische Anschauungen und leider auch Aktivitäten. Eine sehr typische Vertreterin ist Annette Kahane. Sie zieht durch Deutschland mit einer Ausstellung, die beweisen soll, dass die DDR antisemitisch war. Ihr ideologischer Ansatz ist, dass jeglicher Antikapitalismus antisemitisch sei, jede Kritik an der bürgerlichen Freiheit, der kapitalistischen Ausbeutung, ob es sich nun um faschistische rückwärtsgewandte Demagogie oder um den proletarischen Kampf gegen Regierung und Kapital handelt. Trotz alledem ist sie potenziell Bündnispartner beim Kampf gegen den Antisemitismus. Man könnte noch sehr viel sagen über die Breite von Bündnissen, wichtig ist allerdings immer, was wir daraus machen, ob wir unseren Standpunkt darstellen oder den Bürgern hinterherlaufen.

    Ein Teil des demokratischen Kleinbürgertums glaubt den Antisemitismus durch Antiislamismus bekämpfen zu können. Besonders krass äußerten sich hier Teile des Zentralrats der Juden in Deutschland (dazu weiter unten mehr). Ein anderer Teil des demokratischen Kleinbürgertums idealisiert den Islam als Religion der Barmherzigkeit und Menschlichkeit (und fordert z. T. sogar ein Zinsverbot), was natürlich den antifaschistischen Kampf auch nicht gerade voranbringt. Ein weiterer Teil des demokratischen Kleinbürgertums versucht, gegen den Antiislamismus als rassistische Abart zu kämpfen.

    Insgesamt sehen wir hier das demokratische Kleinbürgertum als sehr bunte (zu bunte) Mischung, wo der Antifaschismus immer wieder auf der Strecke bleibt. Das heißt, es ist zurzeit sehr schwierig, auf dieser Ebene feste Bündnisse zusammenzukriegen, viele Bündnispartner heute können morgen schon ganz schnell wieder erbitterte Gegner sein. Durch die Konflikte innerhalb des demokratischen Kleinbürgertums wird ein günstiges Klima für Querfrontaktivitäten erzeugt – d. h. Faschisten versuchen in die demokratische und womöglich sogar in die kommunistische Bewegung einzudringen.

    - Arbeiteraristokratie:

    Von Seiten der Arbeiteraristokratie (SPD, privilegierte Schichten aus der Arbeiterklasse, Gewerkschaftsführung) gibt es kaum ausdrückliche antisemitische Aktivitäten. Allerdings reichten schon die vorhin erwähnten Andeutungen des früheren Bundeskanzlers Schröder, um antisemitische Strömungen und Kräfte zu ermutigen.

    In den Aktivitäten der Gewerkschaftsführungen spielt der Kampf gegen den Antisemitismus kaum eine Rolle außer hier und da in Lippenbekenntnissen. Nun macht die Abstinenz vom antifaschistischen Kampf bekanntlich nicht klüger. So stiefelte die IG Metall-Führung im Jahr 2005 in eine missliche Lage. Nachdem SPD-Müntefering sich plötzlich und unerwartet gegen den Kapitalismus ausgesprochen hatte (er meinte natürlich die amerikanischen „Heuschrecken“), legte die IG-Metall mit ihrer Mitgliederzeitung nach und zeigte ein Titelbild, das das antisemitische Klischee der ausländischen Blutsauger bediente. Zum Glück gab es dann doch wache IG-Metall-Mitglieder, die eifrig Leserbriefe schrieben – das sprach sich im Internet herum, abgedruckt wurden sie nicht. Seitdem hat es offenbar eine so dämliche Aktion nicht mehr gegeben – typisch daran ist, dass Antisemitismus von der Arbeiteraristokratie in der Regel aus Opportunismus (wie 1933, als die SPD alle Juden aus dem Parteivorstand schmiss) oder aus hemdsärmeligem, dummem Antiamerikanismus kommt. Beides ist nicht ungefährlich. Der Antiamerikanismus kann immer zu Antisemitismus führen. Dazu dienen Verschwörungstheorien und Metaphern wie „Wall Street“, Ostküste u. dgl. mehr.

    Von der SPD insgesamt gibt es keine besonderen antiislamischen Aktivitäten. Allerdings gibt es eine innerparteiliche Strömung, die verkörpert wird durch Sarrazin und Buschkowsky. Sarrazin hat aus dem Antiislamismus eine ganze Theorie gemacht, sein Buch dürfte die Grundlage für Pegida etc. sein. Buschkowsky gilt aufgrund seiner Tätigkeit als Bürgermeister von Berlin-Neukölln als erfolgreicher Praktiker gegen die „Parallelgesellschaften“ und darf seinen Schmutz nun auch als Rentner noch weiter verbreiten. Die SPD lässt diese Typen gewähren. Gabriel z. B. nimmt ab und zu Anleihen bei denen, wenn es um das sogenannte „Flüchtlingsproblem“ geht.

    Beides, Antisemitismus und Antiislamismus, wird von der Arbeiteraristokratie unterstützt, indem sie die Arbeiter desorgansiert und Kämpfe vermeidet. Der Antiislamismus und überhaupt der einfache Rassismus entfaltet dazu noch eine Wirkung durch die Standortlogik, die Schürung der Konkurrenz unter den Arbeitern. (Wie wichtig hier die Wirkung des Antiislamismus als veredelter Rassismus, wissen wir nicht)

    - Arbeiterklasse:

    Für die Arbeiterklasse hat der Antisemitismus nicht mal einen scheinbaren Nutzen. Er hat in der Arbeiterklasse kaum einen Boden (und hatte den auch nie). Der Hitlerfaschismus hat es nie geschafft, die Arbeiter in die antisemitische Pogromstimmung einzubeziehen. Das eigentlich Schlimme war damals und ist heute die Gleichgültigkeit der Arbeiter gegen den Antisemitismus.

    Der Rassismus nach unten schadet der Arbeiterklasse immens, hat leider auch einen Boden dank der Sozialdemokratie, dank der Standortlogik. Die vorhin schon gestellte Frage ist auch hier noch mal zu stellen: hat der Antiislamismus als veredelter Rassismus bei den Arbeitern einen Boden?

    Die Aufgabe, das objektive Interesse der Arbeiterklasse ist, mit ihren Kämpfen wieder auf die Höhe der Zeit zu kommen, sich gegen Regierung und Kapital, gegen die faschistische Gefahr zu vereinigen, und sich natürlich im täglichen Kampf nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Hier liegt der eigentliche Grund, warum die Sachwalter der Monopolbourgeoisie mit Antisemitismus und Antiislamismus spielen können, uns spalten können, uns zum „Kampf gegen den Terror“ und zum Verzicht auf unsere Rechte drängen können, uns zu Krieg und Vaterlandsverteidigung abrichten können, den Antisemitismus in der Hinterhand haben können, den Faschismus ungestört von Arbeiterkämpfen vorbereiten können. Die Standortlogik, die nationalistische und im Rassismus landende Auffassung, der deutsche Arbeiter sei was Besseres, das ist das Gift, das schon so ungeheuer tief in das Industrieproletariat eingedrungen ist, in dem Maß, wie sie vom Kämpfen entwöhnt wurden

    Sind Antisemitismus und Antiislamismus faschistische Strömungen?

    Beide treten nicht nur bei Faschisten auf. Beide können sogar bis in linke Kreise wirken.

    Den Antisemitismus gibt es seit Ende des 19. Jahrhunderts3, also Jahrzehnte vor dem Auftreten des Faschismus. Für die deutsche Zuspitzung des Antisemitismus, den eliminatorischen Antisemitismus, ist allerdings der Faschismus notwendig. Man kann auf Grundlage der bürgerlichen Demokratie keine Nürnberger Rassengesetze erlassen, man kann keine Reichspogromnacht staatlicherseits organisieren, man kann vor allem auf Grundlage der bürgerlichen Demokratie keine solchen Massenmorde begehen. Aber man kann sicherlich auch keinen Weltkrieg auf der Grundlage bürgerlicher Demokratie entfachen, und der eliminatorische Antisemitismus war eine materielle Kriegswaffe, eine Menschenvernichtungsmaschine zur „Feindsäuberung“ des Herrschaftsraums.

    Der Antiislamismus – wohl eher eine neue Strömung seit etwa den siebziger, achtziger Jahren – war wesentlich in Nazi-Gruppen beheimatet (die während der Zeit des offiziellen Philosemitismus z. T. sogar israel-begeistert waren). Später versuchte sich auch eine Gruppe wie Bahamas daran als falsch verstandene Solidarität mit den Juden. Seine Salonfähigkeit bekam der Antiislamismus aber erst durch die rechteste Sozialdemokratie, also durch Sarrazin, dessen Thesen und dessen Duldung in der SPD. Sein Anstrich als „Religionskritik“ lässt seine Träger als aufgeklärte Demokraten erscheinen. All das ermöglicht ein schleichendes Abgleiten aller möglichen Kleinbürger in die faschistische Bewegung. So wurde z. B. nach den letzten Landtagswahlen allenthalben erkannt, dass die AFD statt der in diesen Bundesländern nicht vorhandenen CSU gewählt wurde, die Schlussfolgerung bezog sich dann aber nicht etwa auf den Charakter der CSU, sondern der AFD wurde bescheinigt, eine normale konservative Partei zu sein. Das scheint überhaupt eine Funktion des Antiislamismus zu sein, ein Scharnier zu bieten zwischen Konservativen und Faschisten, die Unterschiede zwischen ihnen möglichst weitgehend zu verwischen.

    Widersprüche unter den Opfern

    Aus jüdischen Kreisen (z. B. aus dem Zentralrat der Juden in Deutschland) kommen immer wieder die Bedenken gegen Flüchtlinge und Einwanderung aus arabischen Ländern. Diese Menschen seien antisemitisch erzogen und würden den Antisemitismus ins Land bringen. Dazu muss man erstmal sagen, dass in etlichen Ländern, aus denen Flüchtlinge kommen, sich Antisemitismus etabliert hat. Nehmen wir nur die schmählichen Holocaust-Konferenzen im Iran, oder die Tatsache, dass die antisemitische Lügenschrift des russischen Geheimdienstes aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, das „Protokoll der Weisen von Zion“, vermehrt in arabischen Ländern Verbreitung findet. Nun ist allerdings der Antisemitismus zunächst mal aus den imperialistischen Ländern (und sehr vorne dran aus Deutschland) in diese Länder exportiert worden. Soweit Flüchtlinge mit antisemitischen Gedanken zu uns kommen, handelt es sich also eher um einen Reimport und nichts, was erstmal zu uns gebracht werden müsste. Der Antisemitismus ist längst da, dazu braucht es keine Flüchtlinge. Die Gegnerschaft gegen Israel erwächst aus der Situation in diesen Ländern, die Flüchtlinge haben hier andere Probleme.

    Es hat bereits eine Demonstration gegen Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, gegeben, weil er sich für die „Kontrolle der Zuwanderung“ ausgesprochen hat. Organisiert war die Demonstration nicht von irgendwelchen Vollidioten, sondern dabei war z.B. eine Aktivistin der Besetzung des Gewerkschaftshauses durch Flüchtlinge in Berlin 2014.

    Das ist genau die Situation, die die herrschende Klasse sich wünscht: Die Opfer gehen aufeinander los. Argumente helfen hier nichts mehr. Irrationalität und Angst spielen auf beiden Seiten die Hauptrolle.

    Es gibt nur einen Weg aus dem Dilemma: Die Stärkung der Arbeiterklasse, der Kampf um die Einheit der Arbeiterklasse, unter Einbeziehung der Einwanderer, der Geflüchteten, gemeinsamer Kampf gegen das Kapital. Kampf für die Rechte der Flüchtlinge, für ihr Asylrecht, für ihre rasche Einbürgerung, für Duldung mehrerer Staatsbürgerschaften. Sie werden hier auf jeden Fall nicht von Israel unterdrückt, umso mehr aber vom deutschen Imperialismus. Diese Erkenntnis kann nur im gemeinsamen Kampf wachsen. Das ist ein schwieriger langwieriger Weg, und es ist auf den ersten Blick erschreckend, dass uns kein schnellerer Weg zur Auflösung dieser Widersprüche bleibt.

    Widersprüche unter den Linken,
    und wie wir sie überwinden sollten


    Das Folgende wurde im Jahr 2007 geschrieben:

    „Um der Klarheit willen benennen wir hier die Extreme: Die einen sehen sich in ihrer Auffassung bestätigt, dass der Hauptaggressor gegenüber den Völkern der Welt nach wie vor der US-Imperialismus ist und im Nahen Osten seine israelischen Handlanger und der deutsche Imperialismus weiterhin nur als Mitläufer seine Pfründe zu sichern sucht. Sie knüpfen dabei bruchlos an die Haltung der kommunistischen Weltbewegung in den 70er Jahren an, den Kampf des palästinensischen Volkes, damals unter Führung der PLO, und der angrenzenden Völker gegen die Politik des israelischen Staates zu unterstützen. Innenpolitisch sehen sie eine Ablösung des Antisemitismus durch die rassistische Politik gegenüber allem, was islamverdächtig sein könnte. Für die anderen liegt die Hauptgefahr ebenfalls nicht im deutschen Imperialismus, sondern klassenunspezifisch in diesem, seit der Einverleibung der DDR wieder mächtig gewordenen Deutschland und den in ihm existierenden Antisemitismus. Sie sehen Israel bedroht und jede Maßnahme des israelischen Staates als notwendige Selbstverteidigung. Der US-Imperialismus wird zum Bündnispartner gegen antisemitische Barbarei, ob von Deutschland oder arabischen Staaten bzw. islamischen Bewegungen ausgehend. „Linker Antisemitismus“ oder „Antideutsch“ sind zur Keule geworden, die teilweise jede rationale Auseinandersetzung unmöglich machen.“4

    Gegenüber 2007 hat sich hier nichts geändert – außer dass sich die Situation verschärft, u. a. im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise, die gar keine Krise sein müsste, Im Zuge sowohl der Entwicklung der inneren als auch der zwischenimperialistischen Widersprüche.

    Nach wie vor gilt aber die in diesem Artikel getroffene Schlussfolgerung:

    „Unter diesen veränderten Bedingungen ist falsch geworden, was vor 20 oder 30 Jahren richtig war. Im Nahostkonflikt heute einseitig Partei für die palästinensische Seite zu ergreifen heißt inzwischen objektiv, also unabhängig vom subjektiven Wollen, Partei in einem Konflikt zwischen imperialistischen Staaten zu ergreifen, und zwar Partei für den deutschen Imperialismus. Freunde und Genossen fragen uns empört: Wollt ihr denn zuschauen, wie das Recht des palästinensischen Volkes weiterhin mit Füßen getreten wird, wie die Menschen dort unterdrückt, ihnen die Lebensgrundlagen entzogen werden? Seht ihr denn außer dem deutschen Imperialismus noch irgend etwas? Nein, wir wollen nicht zuschauen, genauso wenig, wie wir zuschauen wollen, wie das Recht der Israelis auf den Staat Israel immer mehr in Gefahr gerät. Wir wollen übrigens dort genau so wenig zuschauen, wie an anderen Orten dieser Welt, wo Völkern ihre Existenzgrundlagen vernichtet werden, ohne dass dies zum Konflikt innerhalb der Linken wird. Dass der Nahostkonflikt ein so explosives Streitthema innerhalb der deutschen Linken ist, liegt doch gerade daran, dass er untrennbar mit dem deutschen Imperialismus verbunden ist. Der Staat Israel ist verursacht durch den deutschen Imperialismus und damit auch die Verletzung des Rechts des palästinensischen Volkes auf Selbstbestimmung. So steht ein demokratisches Recht dem anderen gegenüber, ein durch den deutschen Imperialismus hervorgerufener Widerspruch, der nur revolutionär überwunden werden kann oder aber reaktionär. Je mehr sich der Verursacher dieses Konflikts einmischt, umso barbarischer spitzt er sich zu, umso größer wird die Gefahr, dass die BRD unmittelbare Kriegspartei wird – gegen Israel.

    Von daher heißt „nicht zuschauen wollen“ den deutschen Imperialismus zu bekämpfen – im Sinne der Völker Palästinas und Israels und darüber hinaus der internationalen Arbeiterbewegung. Dies erfordert, dass wir alles tun, was dem Ziel dient, die Arbeiterbewegung von den Rockschößen unserer Bourgeoisie zu trennen. Das heißt zu aller erst, dass es nicht unsere Aufgabe ist, den US-Imperialismus und die israelische Regierung zu entlarven (da gilt es eher zu erklären, warum das die bürgerliche Presse so eifrig tut), sondern aufzuzeigen, dass es das hässliche und völkerverachtende Interesse der deutschen Monopole und ihrer politischen Vertreter ist, selbst über das Schicksal der Völker bestimmen zu können, als Manövriermasse für Einflusszonen, Absatzmärkte und Rohstoffe, was sie dazu bewegt, sich so vehement im Nahen Osten einzumischen. Das heißt, den anwachsenden Antisemitismus in seiner besonderen Funktion ernst zu nehmen und ihn, wie das rassistische Treiben gegen alles, was Islam verdächtig ist, zu bekämpfen. (…)

    Stören wir also die Ruhe an den Heimatfront: Entlasten wir die Völker von dem Druck durch unsere wieder nach Weltmacht gierenden Herren, in dem wir hier gegen diese Herren für unsere Interessen kämpfen, auf die Straße gehen, streiken!“5 So heißt es in diesem Artikel, und wir fügen dem hinzu: Kämpfen wir gegen die ungeheuerlichen Angriffe auf die bürgerliche Demokratie, die ständige und massive Verletzung der bürgerlichen Rechtsgleichheit, die immer noch im Grundgesetz steht und unabhängig von der Staatsbürgerschaft gilt, aber immer weniger wirklich vorhanden ist. Die Angriffe auf die Rechte der Flüchtlinge erleichtern auch die Wiederbelebung des staatlichen Antisemitismus. Was zurzeit geschieht, sind ernsthafte Schritte zur Vorbereitung des Faschismus. Antiislamismus und Antisemitismus müssen wir gleichermaßen bekämpfen und entlarven, müssen darüber aufklären, dass beides vom deutschen Imperialismus zum Kriegführen gebraucht wird. Gefährlich ist besonders die Unterschätzung des deutschen Antisemitismus, weil der die Waffe in der Hinterhand ist, wenn die zwischenimperialistischen Widersprüche so heftig werden, dass es zum Weltkrieg kommt. Nur wenn wir diesen Kampf gemeinsam führen, welche politischen Differenzen wir auch sonst haben mögen, kommen wir einen Schritt weiter in Richtung Sozialismus, der einzigen Alternative, die wir, die die Völker dieser Welt zur Barbarei haben.


    Teil I erschien am 31.07. auf secarts.org, Teil II am 07.08.2016.

    Anmerkungen:
    1 http://www.spiegel.de/spiegel/vorab/a-347211.html
    2 Beim Streit um die Errichtung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin war es zum Beispiel offensichtlich, dass die Kontroverse mitten durch die Bourgeoisie und auch mitten durch die CDU ging. Ein weiteres Beispiel: die heftigen Angriffe auf Ignaz Bubis Ende der neunziger Jahre, über dessen Beruf als Immobilienmakler sich alle Reaktionäre und Antisemiten aufregten. Ignaz Bubis trat mit seiner Autorität als Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland unerschrocken dem wachsenden Antisemitismus entgegen und war damit ein wichtiger Bündnispartner in diesem Kampf.
    3 Es gab Vorläufer der rassistischen Judenfeindschaft, des Antisemitismus schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zu einer starken ideologischen Strömung wurde der Antisemitismus aber erst im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, also an der Schwelle der Entwicklung des Kapitalismus zum Imperialismus. Ihre Anhänger bezeichneten sich selbst als Antisemiten (damals wurde dieser Begriff geprägt).
    4 Der wieder erwachende Antisemitismus und die erneuten Weltmachtgelüste des deutschen Imperialismus – oder – Warum wir heute eine andere Stellung in dem Konflikt Israel-Palästina beziehen müssen als in den 70er und Anfang der 80er Jahre, in: Kommunistische Arbeiterzeitung (KAZ) 318, S. 9f
    5 Der wieder erwachende Antisemitismus… a. a. O., S. 21

     
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