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Von Erika

Auf welche Teile der Gesellschaft stĂŒtzt sich die Monopolbourgeoisie im Klassenkampf hauptsĂ€chlich?

Es gibt ĂŒberhaupt nur rund eine halbe Million Kapitalisten in der BRD, das sind 1,5 Prozent der sogenannten „Erwerbsbevölkerung“ und weniger als 1 Prozent der Gesamtbevölkerung. Diese halbe Million sind die kleine Minderheit, die die Arbeiter in der BRD ausbeuten.
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Die Bourgeoisie – eine kleine Minderheit
Aber die Minderheit, die politisch ĂŒber uns herrscht, die ist noch viel kleiner, die zĂ€hlt nach Menschen ĂŒberhaupt nur einige Hundert. Das sind die Monopolkapitalisten, die an den Schaltzentralen der ökonomischen und politischen Macht sitzen. Diese paar Hundert können nie und nimmer allein ĂŒber uns herrschen, auf den Knochen der Arbeiter immer reicher werden, Armut und Kriege produzieren. Wenn es nur gegen die ginge, hĂ€tten die Arbeiter lĂ€ngst mit diesem Elend Schluss gemacht und die Fabriken ĂŒbernommen. Wie hĂ€tten die paar hundert Monopolherren die Sowjetunion ĂŒberfallen sollen? Und wie hĂ€tten sie allein die sozialistischen LĂ€nder unterminieren, boykottieren, erpressen, bedrĂ€ngen sollen, ohne dass die Arbeiter ihnen auf die Finger gehauen hĂ€tten?

Die Herren der Konzerne und Banken sind also in jeder Situation darauf angewiesen, ich Reserven in der Gesellschaft zu sichern, auf die sie sich stĂŒtzen können und mit deren Hilfe sie die Arbeiterklasse bekĂ€mpfen, ruhig stellen und sogar fĂŒr ihre politischen Ziele einspannen können.

Diese Reserven oder sozialen StĂŒtzen werden aus zwei verschiedenen gesellschaftlichen Schich­ten gewonnen, die im Imperialismus unvermeidlich vorhanden sind:

1. Gesellschaftliche Schichten außerhalb der Arbeiterklasse

Diese Schichten spielen nicht erst im Imperialismus eine Rolle, sondern seit es den Kapitalismus gibt:
„Die MittelstĂ€nde, der kleine Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer, sie alle bekĂ€mpfen die Bourgeoisie, um ihre Existenz als MittelstĂ€nde vor dem Untergang zu sichern. Sie sind also nicht revolutionĂ€r, sondern konservativ. Noch mehr, sie sind reaktionĂ€r, sie suchen das Rad der Geschichte zurĂŒckzudrehen. Sind sie revolutionĂ€r, so sind sie es im Hinblick auf den ihnen bevorstehenden Übergang ins Proletariat, so verteidigen sie nicht ihre gegenwĂ€rtigen, sondern ihre zukĂŒnftigen Interessen, so verlassen sie ihren eigenen Standpunkt, um sich auf den des Proletariats zu stellen.“1

Die reaktionĂ€re Tendenz in diesen kleinbĂŒrgerlichen Schichten, die Sehnsucht, das Rad der Geschichte zurĂŒckzudrehen, wurde Jahrzehnte nach Veröffentlichung dieser Zeilen des Kommunistischen Manifests (1848) großen Teilen von ihnen zum VerhĂ€ngnis, da sie mit Hilfe der faschistischen, scheinbar antikapitalistischen Demagogie fĂŒr die Interessen des Großkapitals eingespannt wurden.

Und weitere Schichten bieten sich schon seit dem vorigen Jahrhundert dem Kapital an:
„Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwĂŒrdigen und mit frommer Scheu betrachteten TĂ€tigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt.“2

Dieser Bereich der Intelligenz, der Kleingewerbetreibende enthĂ€lt und formal LohnabhĂ€ngige, die nicht zur Arbeiterklasse gehören, vergrĂ¶ĂŸert sich im Zeitalter des Imperialismus gegenĂŒber der Zeit, in der das Kommunistische Manifest geschrieben wurde, ganz gewaltig. Große Teile der Intelligenz werden dann im 20. Jahrhundert auch anfĂ€llig und gewinnbar fĂŒr faschistische Demagogie, da der Faschismus ihnen Herrschafts- und Machtpositionen verspricht.

Das sind die kleinbĂŒrgerlichen Zwischenschichten, aus denen das Monopolkapital Reserven fĂŒr sich schöpfen kann. Und dann gibt es noch eine Schicht, die nicht zur Arbeiterklasse und nicht zur Bourgeoisie gehört:
„Das Lumpenproletariat, diese passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft, wird durch eine proletarische Revolution stellenweise in die Bewegung hineingeschleudert, seiner ganzen Lebenslage nach wird es bereitwilliger sein, sich zu reaktionĂ€ren Umtrieben erkaufen zu lassen.“3

Die ganze Bedeutung dieser Feststellungen aus dem Kommunistischen Manifest wurde erst im 20.Jahrhundert offensichtlich, als die SA den hoffnungslosesten Gestalten dieser kapitalistischen Gesellschaft Stiefel und Uniform gab.

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Gesellschaftliche Schichten außerhalb der Arbeiterklasse
Die kleinbĂŒrgerlichen und lumpenproletarischen Schichten und natĂŒrlich die paar hunderttausend nichtmonopolistischen Kapitalisten sind also das Reservoir außerhalb der Arbeiterklasse, aus dem die Monopolbourgeoisie ihre Bataillone bilden kann. Unwahr ist aber, dass die Arbeiterklasse von einer reaktionĂ€ren Masse umgeben sei – eine Behauptung, die im 19. Jahrhundert von der lassalleanischen Richtung der Arbeiterbewegung aufgestellt wurde. Die Geschichte ist so verlaufen, wie die obigen Zitate aus dem Kommunistischen Manifest es auch darstellen: wenn die Arbeiterklasse kĂ€mpft, dann zieht sie auch BĂŒndnispartner auf ihre Seite, dann entreißt sie der Bourgeoisie Bataillone, die dann entweder neutralisiert werden können oder die sogar gemeinsam mit den Arbeitern kĂ€mpfen. Teile dieser sozialen StĂŒtze der Bourgeoisie können sich so in Reserven der Arbeiterklasse verwandeln.

Die Geschichte lehrt, dass in revolutionĂ€ren Situationen oder zumindest nach dem Sieg der Arbeiterklasse große Teile der kleinbĂŒrgerlichen Schichten fĂŒr die Sache der Arbeiterklasse gewonnen werden können, z.B. die arme Bauernschaft und die untersten Schichten des stĂ€dtischen KleinbĂŒrgertums. Das liegt zum einen daran, dass diese WerktĂ€tigen ein ebenso schweres, wenn nicht sogar ein schwereres Los als die Arbeiter haben. Zum zweiten - und das ist der wichtigere Grund - bietet die Zukunft der Arbeiter, die sozialistische Gesellschaft, diesen Schichten eine Perspektive. Diese Perspektive stellte sich in den bisherigen sozialistischen LĂ€ndern in der Errichtung z.B. von landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, Handwerksgenossenschaften, Konsumgenossenschaften usw., kollektivem Eigentum dar, das frei vom WĂŒrgegriff der Konzerne und Banken ist.

Solange diese revolutionĂ€re Perspektive noch nicht greifbar ist, sind diese Schichten kaum als BĂŒndnispartner der Arbeiterklasse gewinnbar. Wenn es um den Kampf gegen den Faschismus geht, treten aber andere kleinbĂŒrgerliche Schichten an die Seite des Proletariats, sofern ein proletarischer antifaschistischer Kampf tatsĂ€chlich sichtbar ist. Das war z.B. der Fall, als Schriftsteller und andere KĂŒnstler und Intellektuelle sich auf die Seite der Sowjetunion im Krieg gegen Hitler-Deutschland stellten.

Eine zweite soziale StĂŒtze der Monopolbourgeoisie kommt aus der Arbeiterklasse und wirkt in ihr.

Sie wird rekrutiert aus verbĂŒrgerten ArbeiterfĂŒhrern und aus der Arbeiteraristokratie. Das sind diejenigen, die uns das Leben in den BetriebsrĂ€ten, in den Gewerkschaften schwer machen. Ihre politische Heimat ist die SPD, die Partei, die sich aus einer ehemals revolutionĂ€ren in eine opportunistische verwandelt hat, bei den Arbeitern verankert war und hohes Ansehen genoss und nur dadurch die Spaltung und den heutigen Ruin der deutschen Arbeiterbewegung verursachen konnte. Diese soziale StĂŒtze der Herrschenden innerhalb der Arbeiterklasse ist viel jĂŒnger als die vorher genannte kleinbĂŒrgerlich-lumpenproletarische Reserve. Ihre Entstehung hĂ€ngt zusammen mit der Entwicklung des Kapitalismus zu seinem höchsten Stadium, dem Imperialismus (auch wenn es VorlĂ€ufer bereits vor dem imperialistischen Stadium in Großbritannien gab – dies hing mit dem reichen britischen Kolonialbesitz zusammen).

Aber auch die kleinbĂŒrgerliche soziale StĂŒtze erfĂ€hrt im Imperialismus insofern eine VerĂ€nderung, als sie eine aggressive Organisationsform gegen das Proletariat erhĂ€lt, die faschistische Sammlungsbewegung mit ihren buntscheckigen Parteien, Vereinen, militĂ€rischen Formationen, in die Achtgroschenjungen, Hausfrauen, Metzger, Beamte, Akademiker, KĂŒnstler ... hineingezogen werden.

Aber sehen wir uns zunĂ€chst an, warum im Imperialismus ĂŒberhaupt VerĂ€nderungen fĂŒr die Bourgeoisie hinsichtlich ihrer StĂŒtzen in der Gesellschaft notwendig und möglich werden.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war die Entwicklung des Kapitalismus so weit abgeschlossen, dass der Feudalismus als Gesellschaftssystem erledigt war, der Kapitalismus auf dem ganzen Erdball keinen weißen Fleck mehr gelassen hatte, sich riesige MonopolverbĂ€nde und wenige imperialistische Staaten herausgebildet hatten, deren Konkurrenz untereinander alles Bisherige in den Schatten stellte. Und auch der Krieg, der daraus resultierte, stellte alle bisherigen Kriege in den Schatten. Um diesen Weltkrieg anzuzetteln und zu fĂŒhren, musste der deutsche Imperialismus das Volk gegen andere Völker hetzen, und insbesondere die deutschen Arbeiter gegen andere Arbeiter hetzen.

Das war ein sehr schwieriges Problem, vor dem der deutsche Imperialismus da stand! Denn die Arbeiter waren zu ausgemachten Gegnern der Bourgeoisie geworden. Ökonomisch war der Kapitalismus in Deutschland vollendet, aber zu spĂ€t und zu kurz gekommen bei der Aufteilung der Welt – er besaß kaum Kolonien. Politisch war Deutschland eins der rĂŒckstĂ€ndigsten, zersplittertsten und polizeihörigsten LĂ€nder Europas. Die Bourgeoisie hatte mit den Junkern ein KlassenbĂŒndnis geschlossen und begrĂŒndete so den fĂŒr Deutschland typischen preußisch-junkerlichen Kapitalismus. Der unversöhnliche Widerspruch zwischen Arbeiterklasse und Bourgeoisie war das grĂ¶ĂŸte Kriegshindernis, zumal die Arbeiterklasse inzwischen so angewachsen war, dass alles – auch Krieg oder Frieden – von ihr abhing. Es war also eine Lebensfrage des deutschen Imperialismus, die Arbeiterklasse mit der Bourgeoisie zu versöhnen. Dazu hatte es schon im 19. Jahrhundert verschiedene Versuche gegeben, die kleinbĂŒrgerlichen Reserven zu nutzen zur Desorganisierung und
Verwirrung der Arbeiter – z.B. christliche Gewerkschaften, wohltĂ€tige Vereine, die Bis­marck’­sche Sozial­„re­form“ usw.

All das blieb verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig wirkungslos. Die Massen der klassenbewussten Arbeiter folgten ihren antimilitaristischen FĂŒhrern August Bebel und Wilhelm Liebknecht und verachteten die Versöhnlerei des KleinbĂŒrgertums. Mehr noch: die Arbeiterklasse war nicht nur ein Kriegshindernis, sie gewann politisch immer mehr an StĂ€rke und bereitete sich auf den Sturz der bĂŒrgerlichen Gesellschaft vor.

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Der Krieg beginnt...
Die Monopolbourgeoisie musste angesichts der immer stĂ€rker werdenden Konkurrenz unter den Imperialisten andere Methoden finden, die Klassenversöhnung durchzusetzen. Man sagt, mit Geld geht alles. Und dieses Geld, die Klassenversöhnung zu kaufen, war jetzt tatsĂ€chlich vorhanden. Denn jetzt hat der Kapitalismus „eine Hand voll (weniger als ein Zehntel der Erdbevölkerung, ganz ,freigebig’ und ĂŒbertrieben gerechnet, weniger als ein FĂŒnftel) besonders reicher und mĂ€chtiger Staaten hervorgebracht, die – durch einfaches ,Kuponschneiden’ – die ganze Welt ausplĂŒndern. ... Es ist klar, dass man aus solchem gigantischen Extraprofit (denn diesen Profit streichen die Kapitalisten ĂŒber den Profit hinaus ein, den sie aus den Arbeitern ihres ,eigenen’ Landes herauspressen) die ArbeiterfĂŒhrer und die Oberschicht der Arbeiteraristokratie bestechen kann. Sie wird denn auch von den Kapitalisten der ,fortgeschrittenen’ LĂ€nder bestochen – durch tausenderlei Methoden, direkte und indirekte, offene und versteckte. Diese Schicht der
verbĂŒrgerten Arbeiter oder der ,Arbeiteraristokratie’, in ihrer Lebensweise, nach ihrem Einkommen, durch ihre ganze Weltanschauung vollkommen verspießert, ist die HauptstĂŒtze der II. Internationale und in unseren Tagen die soziale (nicht militĂ€rische) HauptstĂŒtze der Bourgeoisie. Denn sie sind wirkliche Agenten der Bourgeoisie innerhalb der Arbeiterbewegung, Arbeiterkommis der Kapitalistenklasse (...), wirkliche Schrittmacher des Reformismus und Chauvinismus. Im BĂŒrgerkrieg zwischen Proletariat und Bourgeoisie stellen sie sich in nicht geringer Zahl unweigerlich auf die Seite der Bourgeoisie ...

Ohne die ökonomischen Wurzeln dieser Erscheinung begriffen zu haben, ohne ihre politische und soziale Bedeutung abgewogen zu haben, ist es unmöglich, auch nur einen Schritt zur Lösung der praktischen Aufgaben der kommunistischen Bewegung und der kommenden sozialen Revolution zu machen.“
Die Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung war mit dem Beginn des ersten Weltkriegs vollendet, da die SPD die Kriegskredite bewilligte und die Arbeiter zur Beteiligung am großen Völkermorden aufforderte. Alle Parteien der sozialistischen Internationale begingen diesen Verrat bis auf die russischen Bolschewiki, die Sozialdemokratische Partei Serbiens, die „Engherzigen“ in Bulgarien und zunĂ€chst auch die italienische Sozialistische Partei. Die deutsche Sozialdemokratie war aber die Erste, die der Kriegspolitik „ihrer“ Kapitalisten folgte, gegen die BeschlĂŒsse und den Willen der Sozialistischen Internationale. Das wurde spĂ€testens seit 1907 deutlich, wobei in der deutschen Sozialdemokratie schon lange vorher „theo­retische Vorarbeit“ in Sachen Opportunismus geleistet worden war, z.B. gegen den politischen Massenstreik, gegen die praktischen Erfahrungen des Kampfes der Arbeiter in Russland.

Die Großbourgeoisie hatte nun also mit der Arbeiteraristokratie eine zweite soziale StĂŒtze, die ihren BedĂŒrfnissen viel besser angepasst war als das buntscheckige Gemisch aus KleinbĂŒrgertum und Lumpenproletariat.

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die Faschisten sammeln sich, haben aber noch nicht viel zu bieten
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In welche seiner beiden sozialen Reserven das Monopolkapital hauptsÀchlich investiert, ist keine Frage der Moral sondern der Bilanz.
Allerdings warf sie diese Reserve außerhalb der Arbeiterklasse nicht achtlos weg. Nun war nicht mehr WohltĂ€tigkeitsgedöns und christliche Erbauung der Arbeiter gefragt. Sondern die neuen Aufgaben dieser kleinbĂŒrgerlichen Reserve ergaben sich aus dem 1. Weltkrieg, der gerade diese Schichten ungeheuer brutalisiert und bestialisiert hatte, der ihren Kleingeist durch die militĂ€rische Niederlage noch mehr verwirrt und chauvinistisch verhetzt hatte. Es entstand eine neue, „moderne“ Möglichkeit, diesen buntscheckigen Haufen zu organisieren und gezielt fĂŒr die Interessen des Monopolkapitals einzusetzen – die faschistische Bewegung. Sie trat als Keimform schon bei der Niederschlagung der Novemberrevolution in Aktion, an der die SPD aber den Hauptanteil hatte. Ihre Premiere hatte sie im April 1919 bei der blutigen Niederschlagung der MĂŒnchner RĂ€terepublik.

Der Faschismus ist also keine italienische Erfindung, auch wenn das Wort aus dem Italienischen kommt. Der Faschismus wurde in Italien zum ersten Mal zur politischen Herrschaftsform der Monopolbourgeoisie (1922). Das erwies sich als geradezu harmlos gegenĂŒber dem, was der deutsche Faschismus in Verbindung mit dem Antisemitismus (der in Italien viel schwĂ€cher ausgeprĂ€gt war) „vollbracht“ hat. Er hat den zweiten Weltkrieg des deutschen Imperialismus begonnen, hat es gewagt, in die erste Bastion des Weltproletariats, die Sowjetunion, brutal einzudringen, hat mit der planmĂ€ĂŸigen Vernichtung von Millionen von Menschen die grĂ¶ĂŸten Verbrechen in der Geschichte begangen und Deutschland der ganzen Welt zum Feind gemacht.

Bevor dem deutschen Faschismus die Macht ĂŒbertragen wurde, sammelte und organisierte sich diese Bewegung hauptseitig im bĂ€uerlichen und traditionell reaktionĂ€ren Bayern sowie im von Junkern beeinflussten und geplĂŒnderten Preußen.

Wie sieht eine faschistische Bewegung aus?

Ob etwas den Namen „faschistisch“ verdient, hĂ€ngt nicht davon ab, wie sehr oder wenig es Ă€ußerlich Formen der Hitlerbewegung Ă€hnelt. Sondern es gibt einen bezeichnenden Unterschied zu anderen bĂŒrgerlichen Organisationen, z.B. konservativen Parteien, die von der Monopolbourgeoisie auch fĂŒr ihre Dienste bezahlt werden, aber eben keine ernsthaften gesellschaftlichen StĂŒtzen darstellen, die große Massen lenken und leiten können. Charakteristisch fĂŒr jede faschistische Bewegung ist die breite und aggressive Organisierung kleinbĂŒrgerlicher und lumpenproletarischer KrĂ€fte gegen die Arbeiterbewegung. Konservative Parteien organisieren nicht breit, sondern in ihnen sind die Honoratioren vereint, die ĂŒber den Pöbel die Nase rĂŒmpfen.

Mit dieser Charakterisierung von konservativen Parteien und faschistischen Bewegungen ist auch schon der wesentliche Unterschied zwischen CDU und CSU charakterisiert, wobei es natĂŒrlich in der CDU – seit den letzten 10 bis 15 Jahren vermehrt – faschistische Ecken gibt, und in der CSU auch der ein oder andere demokratisch-konservative bayerische BĂŒrger organisiert ist. Und in der letzten Zeit tun sich auch FĂŒhrerfiguren hervor, die scheinbar (aber nur scheinbar) auf eigene Rechnung arbeiten, wie z.B. Steinbach und Sarrazin.

Franz Josef Strauß hatte einst von einer „Sammlungsbewegung zur Rettung des Vaterlands“ gesprochen. Und Strauß hatte auch den Satz geprĂ€gt: „Mit Hilfstruppen darf man nicht zimperlich sein, und seien sie noch so reaktionĂ€r.“

Eben diese Hilfstruppen – z.B. NPD, DVU, die CSU-Abspaltung Reps, Freie WĂ€hler, die Pro-Bewegung und wie sie alle heißen sowie die außerparlamentarischen Mörderbanden – erfĂŒllen jetzt nicht nur die Funktion, von der CSU und den reaktionĂ€rsten Teilen der CDU abzulenken und Menschen brutal einzuschĂŒchtern. Sie arbeiten fast unbehelligt in der einverleibten DDR (wobei die Organisationen und Parteien durchweg aus Westdeutschland kommen), und sind fĂŒr unzĂ€hlige Morde, Verletzungen und weitere rassistische und antisemitische Taten verantwortlich. Sie knĂŒpfen dort mit ihrer Demagogie an Erinnerungen an die DDR an, die sie verfĂ€lschen, indem sie Antifaschismus zu Faschismus verdrehen. Sie sind eine Reserve der Monopolbourgeoisie fĂŒr den Fall, dass die Beherrschung der eroberten DDR doch noch auf grĂ¶ĂŸeren Widerstand stĂ¶ĂŸt. Sie sind gefĂ€hrlich, aber noch gefĂ€hrlicher ist es, Faschismus auf diese GrĂŒppchen zu reduzieren und ihn anschließend fĂŒr eine Randerscheinung zu erklĂ€ren.

[file-periodicals#142]Nachdem wir nun die faschistische soziale StĂŒtze der Bourgeoisie den bĂŒrgerlich-demokratischen konservativen Parteien gegenĂŒber gestellt haben, mĂŒssen wir uns an dieser Stelle auch den Unterschied zwischen den beiden großen sozialen StĂŒtzen der Monopolbourgeoisie vergegenwĂ€rtigen. Die sozialdemokratische StĂŒtze sucht die besten und klassenbewusstesten Teile der Arbeiterklasse zu beeinflussen, um die Arbeiterklasse zu demoralisieren, vom Kampf abzuhalten oder wenigstens den Kampf in der bĂŒrgerlichen Gesellschaft vertrĂ€gliche Bahnen zu lenken und so die Klassenversöhnung zu erreichen und einen Weg der friedlichen Reformen (notfalls auch auf Kosten anderer Völker) einzuschlagen. Die faschistische StĂŒtze sammelt und organisiert die rĂŒckstĂ€ndigsten Teile des KleinbĂŒrgertums und des Lumpenproletariats, um sie gegen die Arbeiterklasse aufmarschieren zu lassen und die bĂŒrgerliche Demokratie zu vernichten. Der Faschismus will nicht die Klassen versöhnen, sondern den Klassenkampf abschaffen und die Volksgemeinschaft
gegen den Rest der Welt errichten. Da der Klassenkampf nicht abgeschafft werden kann, nimmt der Faschismus – insbesondere wenn er an der Macht ist – blutige Rache an der Arbeiterklasse und auch an der Arbeiteraristokratie. Diese Unterschiede sind fĂŒr Arbeiter und fortschrittliche Menschen oft nicht leicht zu begreifen. Denn fĂŒr die Klassenversöhnung fließt notfalls auch mal Arbeiterblut, wie 1919 und 1929, und ein SPD-Mitglied kann auch mal auf der faschistischen Seite landen. Aber das Ă€ndert nichts an den Unterschieden, die ich eben dargestellt habe.

Das Monopolkapital bedient sich stets beider großer Reserven in der Gesellschaft. Aber eine von beiden hat immer den Vorrang – nĂ€mlich die, die sich in der gegebenen Klassenkampfsituation am meisten fĂŒr die Herren der großen Industrie und der Banken rechnet.
Die beiden großen sozialen StĂŒtzen entsprechen den beiden Herrschaftsformen des Imperialismus: die soziale StĂŒtze, die durch die SPD reprĂ€sentiert wird, entspricht der bĂŒrgerlich-demokratischen Republik. Die soziale StĂŒtze, aus der sich die faschistische Bewegung rekrutiert, entspricht der faschistischen Terrorherrschaft. Allerdings kann es Übergangsformen geben, in denen die aktuelle soziale HauptstĂŒtze nicht der Herrschaftsform entspricht.

Die jeweilige Regierung, die von CDU/CSU zur SPD gewechselt hat und umgekehrt, hat mit der Frage, welche der sozialen StĂŒtzen die HauptstĂŒtze ist, nur sehr wenig zu tun. In den Jahren 1945 bis heute war in Westdeutschland die ganze Zeit die Sozialdemokratie die soziale HauptstĂŒtze der Monopolbourgeoisie, egal, wer an der Regierung war. Wesentlich ist fĂŒr diese Frage nicht die Regierung, sondern der Einfluss in der Arbeiterbewegung und verbunden damit die Dienste der Sozialdemokratie fĂŒr das Monopolkapital.

Ob die Monopolbourgeoisie ihre soziale HauptstĂŒtze wechselt, wird nicht durch gesittete Diskussionszirkel der Monopolkapitalisten entschieden. Sondern darum wird ein Kampf um Leben und Tod in der Bourgeoisie selbst gefĂŒhrt, und dieser Kampf spiegelt sich wider in der KĂ€mpfen der reaktionĂ€ren KrĂ€fte, wie wir sie seit Jahren sehen können. Und da es sich um heftige und chaotische KĂ€mpfe handelt, ist es auch kaum möglich, sozusagen Regeln aufzustellen, unter welchen Bedingungen das Kapital die soziale HauptstĂŒtze wechselt. Aber einige historische Erfahrungen sind doch vorhanden:

Die Sozialdemokratie als soziale HauptstĂŒtze wird meistens in friedlichen oder akut revolutionĂ€ren Zeiten gebraucht, wĂ€hrend die faschistische Reserve im Wesentlichen dann gebraucht wird, wenn unmittelbar und akut die Vorbereitung der faschistischen Diktatur angestrebt wird, wenn also fĂŒr das Kapital die gewaltsame Neuaufteilung der Welt zur zwingenden Notwendigkeit geworden ist, der Krieg unmittelbar vorbereitet werden muss. Die Sozialdemokratie, die Arbeiteraristokratie kann kurzfristig (und nur kurzfristig!) unter dem Faschismus die soziale HauptstĂŒtze sein. DafĂŒr gibt es ein historisches Beispiel, nĂ€mlich Italien unter Mussolini.

Die Monopolbourgeoisie wechselt erst dann die Sozialdemokratie zu Gunsten der faschistischen HauptstĂŒtze aus, wenn dies ökonomisch unbedingt notwendig ist, d.h. wenn es sie zum Krieg treibt. Sie macht das nicht aus Spaß, sondern weil sie es von ihrer Ökonomie her muss.

Die Sozialdemokratie bleibt auch unter dem Faschismus eine Reserve der Monopolbourgeoisie. Ein offensichtliches Beispiel dafĂŒr ist der 1.Mai 1933. Der Faschismus war lĂ€ngst an der Macht und noch lĂ€nger war die faschistische Bewegung schon die soziale HauptstĂŒtze der Monopolbourgeoisie. In dieser Situation haben die rechten FĂŒhrer des ADGB noch gewaltigen Schaden angerichtet, indem sie die Arbeiter zur faschistischen 1.Mai-Kundgebung aufgerufen haben. Am 2.Mai haben dann die Nazis die GewerkschaftshĂ€user gestĂŒrmt.

Die faschistische Sammlungsbewegung wird aufgebaut, wenn die Sozialdemokratie noch die soziale HauptstĂŒtze ist.

Wenn die faschistische Bewegung zur sozialen HauptstĂŒtze wird, dann liegt das nicht an der StĂ€rke der Arbeiterbewegung (dagegen setzt die Monopolbourgeoisie eher die Sozialdemokratie ein), sondern dann heißt das, die Arbeiterbewegung ist zu schwach gewesen, diesen reaktionĂ€ren Umschwung zu verhindern.