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    BERLIN/BOLZANO/ROM (24.09.2010) - Zum wiederholten Mal widmen sich deutsche Geographen sogenannten Raumplanungsproblemen in Norditalien und erforschen die Sezessionskraft "ethno-linguistischer Minderheiten". Das Gebiet im Speckgürtel zwischen Mailand und der Grenze zu Österreich gehört zu den traditionellen Einflusszonen deutscher Großraumpolitik und war jahrzehntelang Ziel terroristischer Aktivitäten. Forum der wissenschaftlich verbrämten Untersuchungen ist eine Zeitschrift des "Leibniz-Instituts für Länderkunde", die aus Haushaltsmitteln des Berliner Verkehrsministeriums finanziert wird. Das in Leipzig publizierte Blatt ("Europa Regional") ist wegen seiner "Raum"-Forschungen berüchtigt. In der jüngsten Ausgabe begründen die Autoren ihre Untersuchungen über Norditalien mit den "weltweit zunehmenden ethnischen Konflikte(n), der Beeinflussung bilateraler Beziehungen durch nationale Minderheiten sowie (...) die Auswirkung von ungelösten Ethnizitätsfragen auf das politische und soziale Klima". Sogenannte Ethnizitätsfragen gehören zu den Spezialitäten der oberitalienischen Lega Nord, deren offener Rassismus die Ethnopolitik ihrer Vorwände entkleidet. Lega Nord und deutsche Ethnospezialisten ergänzen sich, aber verfolgen unterschiedliche Territorialziele. Jetzt dringt die Lega Nord in Reservate der italienischen Bankeneliten ein und wird zu einer ernsthaften Bedrohung für den italienischen Nationalstaat. Dies führt zu Umstrukturierungen bei der UniCredit, der größten italienischen Privatbank mit Ablegern in Österreich, Deutschland und Osteuropa.

    Angesichts des politischen Drucks, den die Lega Nord über ihre Regionalinstitutionen in Oberitalien ausübt, trat am Dienstag der Chef der UniCredit zurück. Alessandro Profumo hatte UniCredit im vergangenen Jahrzehnt mit den italienischen Banken kommunaler oder regionaler Trägerschaft verschmolzen und damit erreicht, was Privatbanken in Deutschland anstreben, aber bisher nicht durchsetzen konnten: den Zugriff auf das Massengeschäft der Sparkassen. Den italienischen Sparkassenträgern wurde zugestanden, ihre örtlichen Interessen in Kontrollgremien der UniCredit zu wahren. Mit dem Kapital der Kleinanleger expandierte UniCredit weltweit. Das Unternehmen kaufte die Bank Austria (Wien) und stieg damit an führender Stelle in das lukrativeOsteuropageschäft ein. In Deutschland fusionierte UniCredit mit der Hypo-Vereinsbank (München). Der deutsche Vorstandschef der Hypo wurde Aufsichtsratspräsident von UniCredit. Die Personalie bringt zum Ausdruck, dass deutsche Kapitalbeteiligungen (unter anderem Allianz und Daimler) bei UniCredit eine wesentliche Rolle spielen.

    Sonderrechte

    Seitdem die Lega Nord in Venetien den Regionalpräsidenten stellt und ihren landesweiten Einfluss kommunal unterfüttern kann, sind ihre Repräsentanten in den Kontrollgremien der früheren Sparkassenträger bei UniCredit aktiv. Ziel ist die von der Rassisten-Partei angestrebte Restrukturierung der Finanzströme, die dem italienischen Süden weitgehend entzogen werden sollen, um bevorzugt nach Oberitalien zu fließen. Die regionale Maskierung ("Venetien zuerst!")1 möchte verdecken, dass es um politische und wirtschaftliche Sonderrechte der Eliten zwischen Mailand, Verona und Venedig geht.

    Territorialer Bruch

    Vorwand für Rücktrittsforderungen an den bisherigen Chef der UniCredit war der Vorwurf, er habe die Kapitalerhöhung eines libyschen Anteilseigners begünstigt und die übrigen Aktionäre nicht ausreichend unterrichtet. Die Anschuldigung hat mit tatsächlichen Einflussverschiebungen nichts zu tun, da die libysche Beteiligung lediglich um 0,5 Prozent gewachsen ist. Vielmehr geht es um nationalistische Stimmungsmache, die afrophobe Rassismen bedient - ganz nach Art der Lega Nord. Die tatsächlichen Ziele belegt ein Zitat des Lega Nord-Führers Bossi: "Wir greifen uns jetzt die großen Banken".2 UniCredit-Chef Profumo stand diesen Absichten im Weg, weil er die lokalen Kontrollgremien der Bank zugunsten internationaler Beteiligungen zurückdrängen wollte. Mit dem Abgang Profumos ist die Lega Nord den materiellen Zielen ihrer Politik bedeutend näher gekommen: den oberitalienischen Speckgürtel von Rom wirtschaftlich unabhängig zu machen - selbst um das Risiko eines territorialen Bruchs mit der italienischen Einheit.

    Raumbindung

    Bossis rassistisch gefärbter und wirtschaftlich fundierter Separatismus wird um gleichgerichtete Bemühungen ergänzt, die jedoch nach Norden weisen. Auch nördlich von Mailand bestehen territoriale Begehrlichkeiten, die im Alto Adige ("Südtirol") beheimatet sind und einen Besitzwechsel in ausländische Hände anstreben. Das mehrsprachige Alto Adige, das in Bolzano (Bozen) unter Kontrolle deutschsprachiger Großunternehmen steht, gehört zu den Lieblingsobjekten germanozentrischer Ethnopolitik.3 Neuen Niederschlag finden entsprechende Bemühungen in der Zeitschrift "Europa Regional"4, die vom Berliner Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung finanziert wird.

    Blutsmischung

    Den Regionalisierungsautoren geht es um "Fragen der ethnischen Identität bzw. der ethnisch-emotionalen Bindung an den Raum"5 im italienischen Alpengebiet. Gemeint ist die territoriale Abgrenzung nichtitalienischsprachiger Minderheiten Oberitaliens. Ihr "Schutz" sei in "Südtirol, dem Stammland der 300.000 "Deutschen", am besten gewahrt, befindet das Blatt. Gewarnt wird vor einer "ethnische(n) Vermischung (...) mit der italienischsprachigen Majorität". Zur Verwissenschaftlichung ihres rassistischen Blutsgebots ziehen die Autoren einschlägige Quellen heran. Dazu gehört der Wiener Verlag Braumüller, bei dem die NS-Elite der völkischen Ethnopolitik in der Nachkriegzeit Unterschlupf fand.6 Selbst der frühere Nazi-Autor Heinz Kloss7 ist in "Europa Regional", dem offiziösen Organ aktueller deutscher "Raum"-Politik, literarischer Gewährsmann.

    Geputscht

    Die in Deutschland und Österreich andauernden Versuche, Italien "ethnisch" zu destabiliseren, bedienen sich ähnlicher Mittel, wie sie die Lega Nord anwendet. Dabei verfolgt die rassistische Lega ein territoriales Ziel, das inneritalienisch und regional beschränkt ist, während germanozentrische Kräfte auf eine europäische Lösung unter deutscher Führung hinarbeiten. In Gestalt deutscher Anteilseigner (Daimler, Allianz) sind diese Kräfte bei UniCredit seit längerem aktiv. Sie sehen vor, die wirtschaftliche Einbindung Norditaliens in einen Alpen-/Adria-"Raum" zu komplettieren und das Territorium föderal zu verwalten, so dass der Einfluss Roms oberflächlich gewahrt, aber ökonomisch weitgehend außer Kraft gesetzt und nach Berlin verschoben werden kann. Beide Ansätze haben in dem jetzt gesäuberten Vorstand der UniCredit gegen einen dritten Weg geputscht, der unter Alessandro Profumo die transnationale Verteilung der Kapitalflüsse anstrebte.


    Anmerkungen:
    1 s. dazu Deutsche Größe
    2 UniCredit-Chef Profumo tritt zurück; Kölner Stadt-Anzeiger 22.09.2010
    3 s. dazu Europa der Völker, Das deutsche Blutsmodell (III) und Grenzland-Verbünde
    4, 5 Autochthone ethno-linguistische Minderheiten in den italienischen Alpen im Lichte des aktuellen demographischen Wandels; Europa Regional 4/2010
    6 Theodor Veiter und andere
    7 Heinz Kloss: Grundfragen der Ethnopolitik im 20. Jahrhundert, Wien 1969

     
     
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