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Madagaskar geh√∂rt eigentlich zum franz√∂sischen Einflussgebiet; es ist eine ehemalige franz√∂sische Kolonie, dort wird Franz√∂sisch gesprochen. Tats√§chlich war Madagaskar bis zum Jahr 2001 sehr eng an Frankreich gebunden, insbesondere der damalige Pr√§sident galt als Gefolgsmann Frankreichs. Die Deutschen hatten keine gro√üen Chancen. Das hatte zur Folge, dass Berlin auf die Opposition setzte. Die Opposition erreichte bei Wahlen 2001 die Mehrheit; es kam zu Auseinandersetzungen und zu gr√∂√üeren Demonstrationen der Opposition f√ľr ihren Pr√§sidentschaftskandidaten, der endlich ins Amt eingesetzt werden sollte. Schlie√ülich kam es dazu. Es gibt ein Vorkommnis, das recht gut ausdr√ľckt, was sich im Hintergrund abgespielt hat. Bei der Amtseinsetzung - die Sache war damals national wie international noch umstritten - schwenkte ein Mitarbeiter eines deutschen Kulturinstituts die deutsche Nationalflagge und machte damit klar: Hier, auf der Seite der Opposition, steht der deutsche Staat.

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Seit dem Jahr 2002 gab es dann, bis vor kurzem, einen prodeutschen Pr√§sidenten in Madagaskar, Marc Ravalomanana, der √ľbrigens ein enger Freund von Horst K√∂hler wurde. K√∂hler war damals noch beim IWF t√§tig, besch√§ftigte sich mit Afrika, unter anderem auch mit Madagaskar. Der madegassische Pr√§sident steuerte einen sehr deutlich neoliberalen Kurs ¬Ė ganz auf der Linie von K√∂hler. Der war begeistert, freundete sich mit Ravalomanana an, und die beiden bauten sp√§ter, als K√∂hler Bundespr√§sident war, das deutsch-madegassische Verh√§ltnis systematisch aus. Dies √§u√üerte sich auch in Kleinigkeiten, etwa darin, dass Air France ausgebootet wurde und die deutsche Lufthansa Fl√ľge nach Madagaskar √ľbernahm. Das sind, wie gesagt, Kleinigkeiten, die aber ein Hinweis auf einen Hegemoniewechsel sind. Ein solcher Wechsel deutete sich in der Kooperation zwischen K√∂hler und Ravalomanana an.

Das Ganze ging mehr oder weniger gut - bis letztes Jahr. Damals startete Ravalomanana ein Privatisierungswelle, die zu gr√∂√üeren sozialen Unruhen in Madagaskar f√ľhrte. Im Zuge dieser Unruhen verlor Ravalomanana sein Amt, und es kam erneut ein Pr√§sident der profranz√∂sischen Seite ans Ruder. Nat√ľrlich wurde er hinter den Kulissen von Frankreich unterst√ľtzt, w√§hrend Ravalomanana bis zum Schluss von Deutschland gedeckt wurde.

Man sieht an diesem Beispiel, wie sich die deutsch-französischen Rivalitäten in einem afrikanischen Land auswirken können. Es gibt andere Beispiele; auf zwei komme ich später noch im einzelnen zu sprechen, sie sind um einiges tragischer als das Beispiel Madagaskar.
Der deutsch-französische Streit ist jedenfalls eine Grundkonstante der deutschen Afrikapolitik spätestens seit den 1990er Jahren.

Eine zweite Grundkonstante der deutschen Afrikapolitik ist die Rivalit√§t zu China. China baut bekannterma√üen seit den 1990er Jahren, verst√§rkt seit dem Jahrtausendwechsel seine Beziehungen nach Afrika sehr stark aus. Dies gilt neben den politischen vor allem auch f√ľr die Handelsbeziehungen. Dazu stellt die Stiftung Wissenschaft und Politik in ihrem im M√§rz 2009 erschienen Strategiepapier fest: "Der chinesisch-afrikanische Handel erreicht im Jahr 2008 ein Volumen von 106 Milliarden US-Dollar. Fest steht, dass westliche Staaten und die von ihnen dominierten Finanzinstitute nicht l√§nger die allein tonangebenden externen Kr√§fte in Afrika sind."

Es w√§chst also mit China eine Konkurrenz heran bzw. ist eigentlich schon l√§ngst herangewachsen, die man nicht mehr ignorieren kann. Zum Vergleich die aktuellen Zahlen aus dem deutsch-afrikanischen Handel, wie sie der Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft herausgibt: Wenn man Importe und Exporte zusammenrechnet, kommt man im deutsch-afrikanischen Handel (einschlie√ülich Nordafrika) gerade einmal auf ein Handelsvolumen von 40 Milliarden Euro, also deutlich weniger als das chinesisch-afrikanische Handelsvolumen. Das hei√üt: √Ėkonomisch, im Wirtschaftaustausch, spielen die Deutschen inzwischen eine deutlich geringere Rolle als die Chinesen. Das passt Berlin nat√ľrlich √ľberhaupt nicht in den Kram; daher gibt immer wieder Versuche, nicht nur die politischen, sondern auch die wirtschaftlichen Beziehungen nach Afrika zu st√§rken.

Ein Beispiel, an dem man das recht gut ablesen kann, ist der Sudan. Der Sudan ist ein sehr gro√ües, relativ bev√∂lkerungsreiches Land, das durchaus eine Menge Einfluss haben k√∂nnte, wenn es nicht von au√üen so sehr bedr√§ngt w√ľrde. Das bedeutet: Der Sudan ist in Afrika durchaus ein Machtfaktor. Zur Zeit der Systemkonfrontation gab es deswegen eigentlich immer eine sehr enge Zusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik und dem Sudan. In einer Promotion zum Thema "deutsch-sudanesische Kooperationen", vor allem auch zu den Milit√§rkooperationen, hei√üt es, die alte Bundesrepublik sei "ein Hauptpartner des sudanesischen Milit√§rs und der Polizei und des Geheimdienstes"5 gewesen. Tats√§chlich gab es nicht nur Waffenlieferungen in den Sudan; es wurden im Sudan ganze Munitionsfabriken in deutscher Lizenz gebaut. Es wurden Milit√§rfahrzeuge geliefert, es gab eine breite R√ľstungskooperation, die w√§hrend der Zeit der Systemkonfrontation auch durchgehalten wurde. Hintergrund war einfach, dass der Sudan als Verb√ľndeter Bedeutung besa√ü. Eine Reihe afrikanischer Staaten standen der Sowjetunion nahe und waren keine Verb√ľndeten; also war es wichtig, die eigenen Verb√ľndeten zu halten.

1990 √§nderte sich die Lage dramatisch: Man brauchte den Sudan als Verb√ľndeten in der Systemkonfrontation nicht mehr. In dieser Zeit vollzog sich ein Politikwechsel, den man in zwei L√§ndern parallel beobachten kann: in den USA und im gr√∂√üer gewordenen Deutschland.

Am Beispiel Sudan kann man eine bemerkenswerte Parallele zwischen der deutschen und der amerikanischen Politik erkennen, die f√ľr Afrika insgesamt Bedeutung hat. Das ist ein Unterschied etwa zu Osteuropa und Asien. Ich halte die Rivalit√§ten zwischen Deutschland und den USA global gesehen f√ľr einen ganz entscheidenden Faktor; in Afrika jedoch spielen sie keine derart herausragende Rolle. Die Frontstellung richtet sich hier vielmehr vor allem gegen China - der Westen h√§lt gegen China zusammen, um gegen die asiatische Gro√ümacht bestehen zu k√∂nnen. Daneben hat Deutschland in Afrika gleichzeitig seine Rivalit√§ten mit Frankreich, so dass kein gro√üer Spielraum f√ľr eine harte Konkurrenz gegen√ľber den USA bleibt. Meine These w√§re, dass die entscheidenden Rivalit√§ten in Afrika nicht die transatlantischen sind, zumindest im Moment nicht.

Es fand 1990 im Westen insgesamt ein Umdenken statt. Vor allem in den USA gab es strategische √úberlegungen, wer denn wohl der n√§chste Gegner sei. Es kam damals beispielsweise das Buch von Huntington √ľber den "Kampf der Kulturen" auf den Markt, in dem die Auseinandersetzungen mit arabischen bzw. islamischen Staaten schon in den Blick genommen wurden. Es stellte sich dann unter anderem heraus, dass die USA tats√§chlich damit begannen, sich gegen Khartum zu richten.

Wenn man sich mit dem Sudan besch√§ftigt, muss man wissen, dass der Sudan ein recht heterogenes Land ist. Der Norden ist von der Sprache her arabisch und von der Religion her islamisch gepr√§gt; der S√ľden ist nichtarabisch und von der Religion her teilweise christlich, teilweise durch alte afrikanische Glaubensstr√∂mungen gepr√§gt. 1989 kam im Sudan eine islamistische Regierung an die Macht. Die USA schlugen in den 1990er Jahren eine Politik ein, die sich klar gegen die islamistische Regierung im Nordsudan, in Khartum, richtete; Washington versuchte, die islamistischen Kr√§fte einzuhegen, einzud√§mmen, einzuzingeln, sie einfach auf jeden Fall zu schw√§chen. Diese Form der Politik wurde sp√§ter auch am Golf deutlich. Tats√§chlich gab es bereits in den 1990er Jahren Luftangriffe auf den Sudan. Unter anderem wurde damals schon argumentiert, der Sudan unterst√ľtze terroristische Netzwerke.
Ein Schub f√ľr diesen Politik-Schwenk l√§sst sich relativ genau auf 1993 datieren. Es gibt eine Reihe von Anzeichen, die darauf hindeuten, dass die USA exakt 1993 einen sch√§rferen Kurs einschlugen. Sie zogen zu diesem Zeitpunkt aus Somalia ab, weil sie die eigenen Toten dort nicht mehr in Kauf nehmen wollten. Man sagte zugleich aber: Wenn wir aus Somalia rausgehen und unsere Soldaten tendenziell nicht mehr nach Afrika schicken, dann m√ľssen wir zuverl√§ssige Stellvertreter haben, die unsere Arbeit dort √ľbernehmen. Seit 1993 richtet sich die Politik der USA zumindest in Ostafrika darauf, solche Kooperationspartner zu finden, die sich ihrerseits auch gegen Khartum in Stellung bringen lassen. 1993 ist denn auch das letzte Jahr, in dem der Sudan R√ľstungslieferungen aus Deutschland bekam.

Damals gab es im Sudan schon lange einen B√ľrgerkrieg zwischen dem arabisch-islamisch gepr√§gten Norden und dem nichtarabisch-christlich gepr√§gten S√ľden. In den 1990er Jahren bem√ľhte sich die deutsche Au√üenpolitik ¬Ė auch hier in √úbereinstimmung mit den USA ¬Ė st√§rker um den S√ľden. Es wurden Entwicklungshilfema√ünahmen f√ľr den S√ľden veranlasst, unter anderem Rechtsberatungsprojekte. So kam es, dass entscheidende Rechtsdokumente der damaligen s√ľdsudanesischen Rebellen, die heute die Regionalregierung im S√ľdsudan stellen, vom Max-Planck-Institut geschrieben wurden; das gilt besonders auch f√ľr die s√ľdsudanesische Verfassung. Unter anderem wird das deutsche Interesse auch daran deutlich, dass die Konrad-Adenauer-Stiftung im eher christlich gepr√§gten S√ľdsudan ab 1999 ein Programm zum Aufbau und zur St√§rkung der Zivilgesellschaft entwickelte.

Die Adenauer-Stiftung richtete dann ¬Ė und daran kann man sehen, wie die unterschiedlichen R√§dchen der deutschen Au√üenpolitik ineinandergreifen ¬Ė ein Besuchsprogramm f√ľr s√ľdsudanesische Politiker ein. Diese wurden nach Deutschland, nach Berlin geholt, ihnen wurden hier verschiedene Techniken der deutschen Justiz nahegebracht - etwa wie man ein Rechtssystem aufbauen kann, am besten nach deutschem Modell. Derartige Kooperationen gab es eine ganze Reihe. Der S√ľdsudan setzte dann schlie√ülich in Verhandlungen - mit deutsch-amerikanischer Unterst√ľtzung - durch, dass er eine weitreichende Autonomie zugesprochen bekam. Es ist heute tats√§chlich so, dass der S√ľdsudan ein weitgehend autonomes Gebiet ist, weitreichende Autonomierechte besitzt. Vororaussichtlich im Jahr 2011 wird es ein Referendum dar√ľber geben, ob sich der S√ľdsudan vom Nordsudan trennt.
Ein recht aufschlussreiches Einzelprojekt, das im Jahr 2004 an die √Ėffentlichkeit drang, verdeutlicht die deutsche Sudanpolitik schlaglichtartig. Es ist klar, dass der S√ľdsudan, wenn er sich vom Nordsudan abspalten und ein eigener Staat werden will, eine Finanzierung braucht. Im S√ľdsudan gibt es viel Erd√∂l und auch etliche andere Rohstoffe, zum Beispiel Gold. Das Problem der s√ľdsudanesischen Regionalregierung ist, dass sie auf vielen Rohstoffen sitzt (und somit √ľber viel Geld verf√ľgen k√∂nnte), diese aber √ľber den Norden verkaufen muss, da Pipelines und andere Transportwege durch den Nordsudan gehen. Wenn man sich von einem Staat abtrennen will, dann ist es nat√ľrlich ein Problem, wenn man seinen Handel gerade √ľber den Reststaat abwickeln will, von dem man sich gerade trennen m√∂chte. Deswegen gab es ab 2004 den Plan, den Handel nicht mehr √ľber den Nordsudan, sondern in Richtung S√ľden abzuwickeln. Ein deutsches Unternehmen wollte eine Eisenbahnlinie zu bauen, und zwar von Juba, der Hauptstadt des S√ľdsudan, durch Kenia in die kenianische Hafenstadt Mombasa. Von dort k√∂nnten die Rohstoffe dann verschifft werden.

Viele wenden ein, √Ėltransport mit der Bahn sei umst√§ndlich, wenn nicht sogar unm√∂glich, aber Vertreter der mit der Bauplanung beauftragten deutschen Firma haben schon vor Jahren best√§tigt: Eine Pipeline ist immer besser als die Bahn, aber auch mit der Bahn kann man √Ėltransporte abwickeln, und genau das ist auch geplant. Die Bahnstrecke soll es erm√∂glichen, auch Erd√∂ltransporte √ľber sie abzuwickeln. Der Plan war es also, dem S√ľdsudan praktisch eine Wirtschaftsader zu schaffen, √ľber die er seine Rohstoffe transportieren und auf dem Weltmarkt verkaufen und damit praktisch seine Eigenstaatlichkeit finanzieren kann.

Die Trennung des S√ľdsudan vom Nordsudan, die sp√§testens im Jahr 2011 auf der Tagesordnung stehen wird, ist also auch ein Projekt der deutschen Au√üenpolitik, das Berlin gemeinsam mit den USA vorantreibt. Hier wird auch recht deutlich, welche Rolle die v√∂lkische Separierungspolitik spielt - eine Spezialit√§t der deutschen Au√üenpolitik. Auch in Afrika wird sie angewandt, es hei√üt dann - Beispiel Sudan -: Im S√ľden leben irgendwelche afrikanischen St√§mme, w√§hrend der Norden von arabischen St√§mmen bev√∂lkert ist ¬Ė und afrikanische und arabische St√§mme vertragen sich nicht. Also muss man sie einfach trennen. Das politische Ziel ist es nat√ľrlich, die islamistische Regierung im Norden des Sudan, die ja auch eine antiwestliche Sto√ürichtung hat, einzud√§mmen und ihr eben auch dadurch jede Kraft zu nehmen, dass man den S√ľdsudan abtrennt.

China ist im Sudan √ľbrigens stark in der Erd√∂lf√∂rderung involviert. 2006 importierte China 7% seiner gesamten Erd√∂leinfuhren aus dem Sudan. Daran sieht man, welche Bedeutung der Sudan inzwischen f√ľr China hat. China ist auch an Pipelineprojekten im Sudan beteiligt und versucht mittlerweile, auch im S√ľdsudan mitzumischen. So versuchte China auch, in das gerade eben beschriebene deutsche Eisenbahnprojekt einzusteigen, um es den Deutschen abzunehmen und die separatistische Spitze zu mildern. China hat kein Interesse an einer Teilung des Sudan, schon allein deswegen nicht, weil es so viel Erd√∂l von dort bezieht. Das liegt daran, dass China in den 1990er Jahren gute Zugangsm√∂glichkeiten im Sudan hatte, weil der Westen den Sudan ja wegen seiner islamistischen Regierung auf die Abschussliste gesetzt hatte und nicht nur keine R√ľstungsg√ľter mehr lieferte, sondern auch den Einstieg in die boomende sudanesische Erd√∂lwirtschaft verpasste.

Die deutsche und die US-amerikanische Politik gehen im Sudan eng zusammen. Die Stiftung Wissenschaft und Politik schreibt √ľber das Verh√§ltnis zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten in Afrika insgesamt: "Bilaterale Zielkonflikte zwischen der Bundesrepublik und den USA sind in den kommenden Jahren nicht zu erwarten".6 Es ist interessant, wenn man diese Einsch√§tzung mit dem Erd√∂lexport afrikanischer L√§nder abgleicht. Die Stiftung Wissenschaft und Politik stellt fest: "Der Anteil Sub-Sahara-Afrikas an den amerikanischen √Ėleinfuhren w√§chst stetig und betr√§gt gegenw√§rtig 18 Prozent (zum Vergleich: die Einfuhren aus der Region des Persischen Golfs, einschlie√ülich Saudi-Arabiens, haben einen Anteil von 21 Prozent)."

Afrika ist also in Bezug auf Erd√∂l f√ľr die USA fast genauso wichtig wie der Golf, und es ist erkl√§rtes Ziel Washingtons, diesen Anteil noch st√§rker auszubauen. Die USA verlegen ganz eindeutig ihre Erd√∂lbez√ľge nach Afrika, vor allem nach Westafrika. Das passt im Prinzip recht gut zu den deutschen Strategien. Denn in der deutschen Versorgung spielt Russland nicht nur f√ľr Erdgas, sondern auch f√ľr √Ėl eine gro√üe Rolle, daneben vor allem Nordafrika, besonders Libyen, sowie Zentralasien, etwa Kasachstan. Westafrika oder andere Staaten Afrikas s√ľdlich der Sahara spielen in den deutschen Erd√∂lplanungen keine besondere Rolle (im Gegensatz zu den Erdgasstrategien). Von daher erg√§nzen sich die deutschen und die amerikanischen Erd√∂lplanungen in Afrika recht gut, und es sind auf diesem Gebiet keine gro√üen Konflikte zu erwarten. Anders verh√§lt es sich mit China und den USA, weil China genauso wie die USA versucht, aus Westafrika - vor allem aus Nigeria und Angola - Erd√∂l zu beziehen. Dabei ger√§t es in direkten Konflikt zu den USA.

Nigeria, am Golf von Guinea in Westafrika gelegen, gilt der deutschen Au√üenpolitik als eines der wichtigsten L√§nder s√ľdlich der Sahara, denn es ist fl√§chenm√§√üig gro√ü und bev√∂lkerungsreich, weit √ľber 100 Millionen Menschen leben dort. Au√üerdem hat Nigeria mit seinen gro√üen Erd√∂lvorkommen ein erhebliches Wirtschaftspotential und dadurch auch gewisse Einflussm√∂glichkeiten. F√ľr Deutschland gewinnt Nigeria vor allem im Hinblick auf sein Erdgas an Bedeutung. Genau an dieses Erdgas macht sich E.ON-Ruhrgas heran.

Es gibt seit 2007 verst√§rkte Verhandlungen zwischen Deutschland und Nigeria √ľber eine Kooperation im Energiebereich. Das Ausw√§rtige Amt begann im Sommer 2007, in gr√∂√üerem Ma√üstab mit der Regierung in Abuja zu verhandeln. Die Gespr√§che zogen sich bis in den Sommer 2008 hin; sie fanden sowohl in Nigeria als auch in Deutschland statt. Im Sommer 2008 wurde dann eine sogenannte Nigerianisch-deutsche Energiepartnerschaft vereinbart. Und wie das so ist in der Politik, wenn man von einer "Partnerschaft" redet: Man will dort irgend etwas. Was die deutsche Seite in Nigeria will, ist, insgesamt einen Fu√ü in die Energiebranche zu bekommen, durchaus auch in die Stromversorgung, denn das ist ein gro√üer Markt, auf dem man sehr viel Geld verdienen kann. Nebenbei l√§sst sich mit Einfluss in der Energiebranche auch ein erhebliches Ma√ü an Kontrolle aufbauen. Der zweite Punkt ist der, dass E.ON an das Erdgas will. Es gibt da zum einen den Plan, das nigerianische Erdgas in Form von Fl√ľssiggas abzutransportieren. Beim Fl√ľssiggas - englisch: Liquefied Natural Gas, LNG - ist Deutschland noch ein bisschen r√ľckst√§ndig, obwohl in Wilhelmshaven ein LNG-Terminal gebaut werden soll. Zum anderen gibt es den Plan, eine Pipeline quer durch die Sahara zu bauen. Diese Pipeline soll dann von Nigeria durch halb Afrika hindurch das Erdgas bis ans Mittelmeer leiten. Auch hier versucht E.ON mitzumischen.

Es gibt also wegen des Erdgases ein klares deutsches Interesse an Nigeria. Jedoch bleibt das Problem - unter anderem f√ľr E.ON -, dass es vor allem im Nigerdelta unterschiedliche Rebellionen, Rebellen- und Aufstandsbewegungen gibt. Hier kommt der milit√§rische Aspekt wieder ins Spiel. Die Piratenbek√§mpfung, die gegenw√§rtig vor dem Horn von Afrika betrieben wird, wird nicht auf alle Ewigkeit nur dort stattfinden. Es gibt durchaus √úberlegungen, solche Ma√ünahmen zur Piratenbek√§mpfung auch vor Nigeria durchzuf√ľhren; es gab auch schon gr√∂√üere Man√∂ver vor der nigerianischen K√ľste. Vor eineinhalb Jahren etwa fand ein gro√ües NATO-Man√∂ver statt, am dem sich auch Deutschland beteiligt hat. Wie wir gesehen haben, stimmen in Afrika - Beispiel Nigeria - die deutschen und die US-Interessen √ľberein, man will an die Rohstoffe. Die Amerikaner ans √Ėl, die Deutschen in diesem Fall ans Gas. Dieses gro√üe NATO-Man√∂ver fand vor den Kapverden statt, die NATO probte die Landung an einer fremden K√ľste und die Bek√§mpfung von Aufst√§ndischen dort. Ungef√§hr zu diesem Zeitpunkt sagte NATO-Sprecher Jamie Shea, es gebe Verhandlungen mit Energiekonzernen, unter anderem mit Shell, wie man etwa in Nigeria vorgehe, wenn es zu gr√∂√üeren Unruhen an den Erd√∂l- bzw. Erdgasquellen kommen sollte und man diese milit√§risch niederschlagen wolle. Dass Anlandungsszenarien wie dasjenige, das die NATO vor den Kapverden probte, unumg√§nglich seien, war den Milit√§rs v√∂llig klar.

Auch die Bundeswehr stellt sich inzwischen auf kriegerische Akte in Afrika ein. Die Bundesmarine umrundete vor nicht allzu langer Zeit im Rahmen mehrerer Kriegs√ľbungen Afrika. Dabei ankerten die deutschen Kriegsschiffe auch vor der nigerianischen K√ľste und spielten dort Man√∂ver durch. Damals taten sie auch ganz ausdr√ľcklich kund, dass sie diese Kriegs√ľbungen auch mit dem Ziel veranstalteten, die Rebellen abzuschrecken. Man konnte damals ganz √∂ffentlich auf der Website des Bundesverteidigungministeriums nachlesen: Wir sind hier nicht nur, um Man√∂ver durchzuf√ľhren, sondern auch um zu demonstrieren, dass wir auch anders k√∂nnen, wenn wir wollen. Anschlie√üend fuhren die deutschen Kriegsschiffe weiter und trainierten in S√ľdafrika gemeinsam mit der s√ľdafrikanischen Marine. Danach ging es am Horn von Afrika vorbei, wo Kameraden im Rahmen von OEF- [Operation Enduring Freedom] im Einsatz waren - noch nicht als Antipiraten-Mission -, bis die Bundesmarine schlie√ülich wieder im Mittelmeer ankam.

Nigeria ist dar√ľber hinaus auch f√ľr andere deutsche Kapitalzweige interessant. Ein sch√∂nes Beispiel hierf√ľr ist Bilfinger Berger. Bilfinger Berger, ein gro√üer Baukonzern, war in Nigeria zeitweise der gr√∂√üte Arbeitgeber des Landes. Ein gewisser Hans Wittmann, der von 1979 bis 1996 f√ľr das internationale Gesch√§ft von Bilfinger Berger zust√§ndig war, war ein guter Freund der jeweiligen nigerianischen Milit√§rdiktatoren. Die Freundschaften hatten unter anderem zur Folge, dass Bilfinger Berger in Nigeria viele Auftr√§ge bekam, zum Beispiel die Auftr√§ge zum Bau des internationalen Flughafens in Abuja, eines Geb√§udes f√ľr die Nationalversammlung oder des nigerianischen Nationalstadions ¬Ė vieles in der obersten Gr√∂√üenordnung.

Hans Wittmann ist inzwischen f√ľr den Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft t√§tig. Wenn man Gesch√§fte in Nigeria machen will, dann geht man zum Afrika-Verein, l√§sst sich mit Wittmann verbinden, und der kann einem sagen, wie man's anstellen muss, wenn man in Nigeria etwas verdienen will. Hans Wittmann begleitete noch letztes Jahr Horst K√∂hler nach Nigeria. Bereits 2002 hatte er das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen bekommen. √úber T√§tigkeiten von der Art, wie sie Hans Wittmann in Nigeria vermittelt, schreiben Entwicklungspolitiker in einer Studie, die das Deutsche Institut f√ľr Entwicklungspolitik 2007 ver√∂ffentlichte: "Deutsche Firmen bzw. transnationale Konzerne mit Sitz des Stammhauses in Deutschland sind aktiv in die Korruptions√∂konomie Nigerias verstrickt... Notorisch gilt dies auch f√ľr die prosperierende Baufirma Bilfinger und Berger." Das ist deswegen recht interessant, weil sich hier die deutsche Entwicklungspolitik mit dem deutschen Kapital in die Haare ger√§t. Denn die deutsche Entwicklungspolitik hat auch zum Ziel, undurchsichtige, als korrupt bezeichnete Verh√§ltnisse durchsichtig und damit f√ľr die deutsche Seite behandelbar zu machen. Bilfinger Berger aber mischt schon gut mit, ohne der Entwicklungspolitik √ľberhaupt zu bed√ľrfen.


Anmerkungen:
5 Dissertation von Roman Deckert, zitiert nach: Erich Schmidt-Eenboom: BND. Der deutsche Geheimdienst im Nahen Osten, M√ľnchen 2007.
6 Stefan Mair, Denis M. Tull: Deutsche Afrikapolitik. Eckpunkte einer strategischen Neuausrichtung, SWP-Studie S10, Berlin, März 2009.


Das hier veröffentlichte Referat wurde auf der I. Konferenz "Der Hauptfeind steht im eigenen Land" im Jahr 2009 in Göttingen gehalten. Es ist - neben den anderen Referaten der Konferenz in der Dokumentation zur I. Konferenz enthalten.

Die Dokumentation enthält die Referate:
  • Entwicklung der deutschen Bourgeoisie / des deutschen Imperialismus seit dem deutschen Bauernkrieg
  • Der deutsche Imperialismus und die EU
  • Kriegsschaupl√§tze Kosovo und Kaukasus
  • Der deutsche Imperialismus und Afrika
  • China und der deutsche Imperialismus
  • ¬ĄFinanzkrise¬ď und Neuaufteilung der Welt
  • Was ist proletarischer Internationalismus?

Bestellungen unter der Adresse info@gegen-denhauptfeind.de; Download u. a. via www.gegen-den-hauptfeind.de oder www.secarts.org. [PDF, ca. 5,4 MB]



 
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