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Wir sind alle eine große Familie - so präsentieren sich vor allem jene Handelsunternehmen gegenüber ihren Beschäftigten, die sich gezielt an junge Leute wenden und vor allem auch Jüngere einstellen. Das persönliche "Du" im Umgang mit Vorgesetzten täuscht meistens darüber hinweg, dass hier wie anderswo in der Wirtschaft die zur Schau getragene "Liebenswürdigkeit" dort endet, wo selbstbewusste Menschen sich für ihre Rechte einsetzen (wollen). Bei New Yorker in Darmstadt organisierten sich kürzlich einige der etwa dreißig Beschäftigten in ver.di; zu ihrem Glück weiß (noch) niemand in der Unternehmensleitung, wer sie sind.

Jedenfalls wollen sie in der Filiale im Luisencenter einen Betriebsrat wählen lassen. Offenbar befürchteten die jungen Leute zu Recht, würden sie dazu selbst den ersten Schritt an die betriebliche Öffentlichkeit wagen, dann hörte die "Herzlichkeit" und "Herrlichkeit " sofort auf. So ähnlich kam es dann auch. Als am 9. Februar 2010 bei der Geschäftsführung von New Yorker in Kiel die Mitteilung von ver.di eintraf: Wir sind in Ihrer Filiale Darmstadt-Luisencenter vertreten und möchten die Wahl eines Betriebsrates einleiten, da wirkte dieser Satz wie ein Stich ins Wespennest.

Plötzlich "brummte" es in der New-Yorker-Zentrale. In Windeseile wurde für den 12. Februar eine Belegschaftsversammlung einberufen, auf der die angereisten Manager "entgegenkommend"die Versetzung der unbeliebten Filialleiterin bekannt gaben. Außerdem durften die Beschäftigten dem Loblied auf das Unternehmen, den zwischenmenschlichen Umgang beim Personal und das stets offene Ohr der Vorgesetzten für ihre Probleme lauschen.

Doch scheint die Geschäftsführung von der Wirksamkeit ihrer Botschaft in dieser ungewohnten Umgebung "ganz unten" nicht vollständig überzeugt gewesen zu sein. Wohl deshalb wurde ergänzend zur Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung auch nicht mit Druck auf jede/n Einzelne/n gespart. Diesen Job des "bad boy" übernahm der Bereichsleiter, indem er alle Beschäftigten zu sich einbestellte und dabei mit "liebenswürdigen" Drohungen bearbeitete.

Wen wundert´s, dass der Arbeitgeber auch seiner gesetzlichen Pflicht nicht nachkam, die von ver.di erstellte Einladung zur ersten Wahlversammlung am 22. Februar in der Darmstädter Filiale auszuhängen. Wenn es um die Verhinderung eines Betriebsrates geht, dann gilt bei New Yorker anscheinend als Unternehmensphilosophie: Jung + modern = antidemokratisch. Fürs Erste konnte sich die Geschäftsführung mit ihrem Vorgehen durchsetzen. Die von ihr erzeugte Angst in der Belegschaft zwang ver.di zum Rückzug. Ein Punktsieg für die Unternehmer! Doch längst laufen die Vorbereitungen mit den gleichen und neuen Gewerkschaftsmitgliedern, bei nächster Gelegenheit einen weiteren Versuch zu starten.