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    BERLIN/VANCOUVER (25.02.2010) - Anlässlich der Olympischen Winterspiele preist der deutsche Verteidigungsminister die militärische Sportförderung als "echtes Erfolgsmodell". Angehörige von Bundeswehr, Bundespolizei und Zoll hatten bereits zur Halbzeit der Spiele rund 80 Prozent sämtlicher deutscher Medaillen gewonnen, unter ihnen die prominente Biathletin Kati Wilhelm. Die Medaillenerfolge von "Sportsoldaten" wie Wilhelm werden von den deutschen Streitkräften gezielt zu Werbe- und Propagandazwecken genutzt. Zwischen dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und der Armee besteht bereits seit längerem eine enge "zivil-militärische Zusammenarbeit"; gleiches gilt auch für die sportmedizinischen Fachbereiche deutscher Universitäten. Ausgestattet mit Millionensummen aus dem Etat des Verteidigungsministeriums werden hier für die Kriegsoperationen der Bundeswehr unmittelbar relevante Forschungsprojekte durchgeführt.

    Erfolgsmodell

    Anlässlich seines unlängst erfolgten Besuchs der Olympischen Winterspiele im kanadischen Vancouver pries Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg die Spitzensportförderung des deutschen Militärs als "echtes Erfolgsmodell". Zweck seines Besuches sei es nicht zuletzt, "diesen sehr positiven Teil der Bundeswehr öffentlich darzustellen", erklärte Guttenberg. Er wolle zeigen, "dass es viele junge Soldaten und Soldatinnen gibt, die zu Spitzenleistungen imstande sind und die sich gerne mit der Bundeswehr identifizieren". Wie Guttenberg weiter ausführte, müsse die Sportförderung der deutschen Streitkräfte "auf hohem Niveau" weiterbetrieben werden.1

    Zivil-militärischer Sport

    Das Bundesverteidigungsministerium fördert den deutschen Spitzen- und Leistungssport nach eigenen Angaben mit knapp 30 Millionen Euro jährlich. Finanziert werden damit 864 Planstellen für "Sportsoldaten", die in 18 über die gesamte Bundesrepublik verteilten "Sportfördergruppen" erfasst werden.2 Die olympischen Disziplinen stehen dabei im Vordergrund: Wer in die "Sportfördergruppen" aufgenommen wird, entscheidet die Bundeswehr im Einvernehmen mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), an dessen "Stützpunkten" die Athleten trainieren. Anlässlich der Olympiade in Beijing 2008 hatte DOSB-Präsident Thomas Bach die deutschen Streitkräfte als "unersetzliche(n) Teil der Mannschaft" bezeichnet (german-foreign-policy.com berichtete3). Aktuell sind unter den 153 deutschen Olympiateilnehmern 63 "Sportsoldaten"; zur Halbzeit der Olympischen Winterspiele in Vancouver hatten Angehörige von Bundeswehr, Bundespolizei und Zoll bereits 80 Prozent der deutschen Medaillen gewonnen.

    Aus Afghanistan nach Vancouver

    Eine enge "zivil-militärische Zusammenarbeit" zwischen Bundeswehr und DOSB hat sich auch im Bereich der Sportmedizin etabliert. Die medizinische Betreuung der deutschen Biathlon-Nationalmannschaft in Vancouver etwa hat Oberfeldarzt Dr. Klaus Marquardt übernommen. Marquardt ist seit 1995 für den DOSB als Mannschaftsarzt tätig; hauptberuflich leitet er das "Zentrum für Einsatzausbildung und Übungen des Sanitätsdienstes" der Bundeswehr im bayerischen Feldkirchen. Jeder Sanitätssoldat, der an den Kriegsoperationen des deutschen Militärs teilnimmt, hat zuvor dieses Schulungszentrum besucht. Marquardt selbst war bereits fünf Mal im Auslandseinsatz - davon drei Mal in Afghanistan.4

    Einsatzrelevant

    Insgesamt gilt die "Sport- und Leistungsmedizin" der Bundeswehr als unmittelbar "einsatzrelevant". Wie das deutsche Militär erklärt, sind die in diesem Bereich durchgeführten wissenschaftlichen Untersuchungen Teil der "wehrmedizinischen Forschung", die sich mit "Themen der gesundheitlichen Belastungen durch den Wehrdienst im Frieden wie auch im Krieg" befasst.5 Ziel der vom Sanitätsdienst der Bundeswehr durchgeführten Projekte ist unter anderem die "Evaluierung einsatzvorbereitender Trainingsmaßnahmen zur Verbesserung körperlicher Leistungsfähigkeit und Einsatzbereitschaft" der deutschen Besatzungssoldaten in der serbischen Provinz Kosovo. Geschehen solle dies "mittels sportmedizinischer und sportwissenschaftlicher Messverfahren", heißt es.6

    Zivil-militärische Diplomarbeiten

    Im nordrhein-westfälischen Warendorf unterhält die Bundeswehr neben ihrer "Sportschule" ein eigenes "Sportmedizinisches Institut". Wie das deutsche Militär mitteilt, handele es sich bei diesem nicht nur um eine "zentrale Untersuchungs-, Ausbildungs- und Forschungsstelle auf dem Gebiet der Sportmedizin", sondern darüber hinaus um ein "voll lizenziertes sportmedizinisches Institut nach den Richtlinien des Deutschen Olympischen Sportbundes".7 Eine enge "zivil-militärische Zusammenarbeit" wird eigenen Angaben zufolge auch mit den sportmedizinischen Instituten der Universitäten Münster, Bielefeld, Bochum und Paderborn gepflegt. Infolge dieser Kooperation seien bereits "zahlreiche Promotions-, Diplom- Examens- und Zulassungsarbeiten" entstanden, heißt es.8

    Military Fitness

    Mit sportmedizinischen Fragestellungen befasst sich außerdem die "Laborabteilung IV - Wehrmedizinische Ergonomie und Leistungsphysiologie" des Zentralen Instituts des Sanitätsdienstes der Bundeswehr in Koblenz (Rheinland-Pfalz). Der Leiter der Einrichtung, Oberstarzt Prof. Dr. Dr. Dieter Leyk, fungiert als Mitglied der Wissenschaftskommission beim österreichischen Bundesminister der Landesverteidigung sowie als Vertreter des Bundesverteidigungsministeriums bei der NATO. Im Rahmen der sportmedizinischen Forschungsgruppen des Militärbündnisses ("NATO Research Task Groups") kümmert sich Leyk um den Einfluss des Lebensstils und des Gesundheitszustandes auf die sportlich-militärische Leistungsfähigkeit der Soldaten und um deren "einsatzbezogene Optimierung" ("Impact of Lifestyle and Health Conditions on Military Fitness"/"Optimizing Operational Physical Fitness").9

    Der Einfluss von Ermüdung

    Seit 2006 ist Leyk zudem außerplanmäßiger Professor an der Deutschen Sporthochschule (DSHS) in Köln (Nordrhein-Westfalen). Die von ihm geleitete "Laborabteilung IV" der Bundeswehr wiederum hat allein in den Jahren 2005 bis 2007 "wehrmedizinische" Forschungsaufträge im Wert von etwa 1,65 Millionen Euro an zivile Hochschulen vergeben. Der Löwenanteil in Höhe von mehr als 1,5 Millionen Euro ging an die Forschungsgruppe Industrieanthropologie der Universität Kiel und an das Institut für Physiologie und Anatomie der DSHS.10 Untersucht wurde hier unter anderem der "Einfluss von Ermüdung" auf "einsatzrelevante Überwachungs- und Beobachtungsaufgaben".11


    Anmerkungen:
    1 Minister zu Guttenberg bei Olympia - Ein Interview; www.olympia.bundeswehr.de 21.02.2010
    2 Hintergrundinformationen: Spitzensportförderung der Bundeswehr. Stand November 2009; www.olympia.bundeswehr.de
    3 siehe dazu Soldaten in Beijing
    4 Ein Oberfeldarzt für Olympia; www.sanitaetsdienst-bundeswehr.de 22.01.2010
    5 Wehrmedizinische Forschung; www.sanitaetsdienst-bundeswehr.de 01.10.2009
    6 Sport- und Leistungsmedizin; www.sanitaetsdienst-bundeswehr.de
    7 Das Sportmedizinische Institut der Bundeswehr; www.sanitaetsdienst-bundeswehr.de
    8 Bundesministerium der Verteidigung (BMVg): Forschen für Sicherheit und Verteidigung von morgen. Einrichtungen und Institute mit wehrwissenschaftlichem Forschungsauftrag. Bonn 2007
    9, 10 Wissenschaftsrat: Stellungnahme zur Laborabteilung IV "Wehrmedizinische Ergonomie und Leistungsphysiologie" des Zentralen Instituts des Sanitätsdienstes der Bundeswehr in Koblenz. Drucksache 9137-09. Saarbrücken 28.05.2009
    11 BMVg: Wehrwissenschaft - Forschung + Technologie. Jahresbericht 2007. Wehrwissenschaftliche Forschung für deutsche Streitkräfte in der Transformation. Bonn 2008

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     Kommentar zum Artikel von Stephan :
    Samstag, 06.03.2010 - 12:02

    Die Bundeswehr profitiert nicht nur von den wissenschaftlichen Erkenntnissen - die bei jeder großen Sportveranstaltung aufflammende nationale Begeisterung ob Triumph (Goldrosi) oder Tragik (das Fallen lassen des Staffelstabs) dürfte ein gerne gesehener Mitnahmeeffekt sein.


     
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